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Zur Forderung von Mark A. Gabriel, wir brauchten eine neue arabische Bibelübersetzung ohne ‚Allah’
Dezember 31, 2009 by Schirrmacher · 3 Kommentare
Leserbrief zur Aussage von Mark A. Gabriel in factum 8/2009, ‚Allah’ finde sich erst seit dem 19. Jh. in arabisch-christlicher Literatur
Erscheint in Factum 1/2010
In einem Interview in factum 8/2009 bittet Mark. A. Gabriel um Spenden für eine neue arabische Bibelübersetzung, die nicht ‚Allah’ für Gott, sondern ‚Al-Elah’ verwendet. ‚Allah’ sei erst im 19. Jahrhundert vom Bibelübersetzer „Van Dycke“ in die arabische-christliche Literatur eingeführt worden.
In meinem Heft „Dürfen arabische Christen Gott ‚Allah‘ nennen?“ (MBS-Text 96, Bonn: Martin Bucer Seminar, 2008, kann hier heruntergeladen werden) bin ich ausführlich darauf eingegangen, dass ‚Allah’ schon lange vor Muhammad die christliche Bezeichnung für Gott auf Arabisch war. Angesichts des Interviews habe ich noch einmal mit mehreren Experten gesprochen und alles erneut überprüft, aber ich kam nur zu dem Schluss, dass ich niemand finde, der Gabriels Auffassung teilt oder belegt und meine Ausführungen immer noch aktuell sind: Allah leitet sich nicht von der Mondgöttin ‚Al-Lat’ ab, sondern entspricht dem gemeinsemtischen Wort für Gott, das wir als ‚El’ bzw. ‚Elohim’ aus dem Alten Testament kennen, und wird schon Jahrhunderte vor Muhammad von Christen auch für den christlichen Schöpfergott verwendet.
Es liegen uns Texte des Konzils von Nizäa im 4. Jahrhundert, an dem sechs arabische Bischöfe teilnahmen, auf Arabisch vor, einschließlich des Glaubensbekenntnisses („Ich glaube an Gott …“) mit der Wiedergabe von ‚Gott’ mit ‚Allah’. Übersetzer war Bischof Maruta von Maipherkat, der 420 n. Chr. starb. Am Konzil von Chalcedon nahmen 20 arabische Bischöfe teil, die Gott ebenfalls ‚Allah’ nannten.
Noch ein anderes Beispiel: Auf der Insel Malta wird ein arabischer Mischdialekt gesprochen. Die Malteser sind zu 100% christlich und haben bekanntlich eine Jahrhunderte lange Geschichte der Ablehnung des Islam hinter sich. Gott beten sie aber seit Jahrhunderten in jedem Gottesdienst als ‚Allah’, nicht als ‚Al-Elah’ oder anders an.
Und dann habe ich arabische Christen angerufen, sie mögen doch in ihren alten, ererbten Familienbibeln aus der Zeit vor van Dyke nachschauen. Auch dort findet sich ‚Allah’ und nicht ‚Al-Elah’.
Im übrigen sei daran erinnert, dass das Alte wie das Neue Testament Gottesbegriffe benutzen (Elohim im AT und theos im NT), die in der Umwelt damals üblich waren und mit denen gleichzeitig auch ganz andere Götter bezeichnet wurden. Das Neue Testament benutzt kein Wort für Gott, dass nur Christen verwendeten. Und das deutsche Wort ‚Gott’ hat, wie ich in meinem Beitrag gezeigt habe, eine sehr merkwürdige germanische Vorgeschichte als geschlechtslose Bezeichnung einer Gottheit bzw. eines Dämons, und wir benutzen es trotzdem.
Den wahren Unterschied zwischen dem Wachstum von Islam und Christentum hat der SPIEGEL nicht erfasst
Dezember 22, 2009 by Schirrmacher · 4 Kommentare
(Wer auf der Suche nach einem kurzen Beitrag zum Abdruck ist, kann sich auf die am Ende nummerierten Punkte 1.-3. beschränken.)
Mit großer Dramatik beschreibt der Spiegel in seinem Titelbeitrag „Die Rückkehr des Allmächtigen“ als neu, was nie anders war: Die beiden größten Weltreligionen sind am wachsen und es sind die ‚Fundamentalisten‘ und wirklich Überzeugten, die vor allem Mission betreiben. War das je anders? Der Allmächtige ist zurück und der Spiegel merkt es als erstes? Oder als letztes? War das nicht alles seit dem Untergang des kommunistischen Imperiums vorprogrammiert?
Der Spiegel tut dabei so, als wenn nur Islam und Christentum missionieren würden, dagegen Buddhismus und Hinduismus nicht. Und was ist mit dem Dalai Lama und seinen Welttouren? Warum werden in Indien Zwangsbekehrungen zum Hinduismus durchgeführt und der Islam mit Gewalt bekämpft? Und das gerade der Spiegel ob seiner vielen Kampagnen, auch gegen das Christentum (man denke an das Jesusbuch von Augstein), anderen das missionieren vorwirft, ist schon fast zum Schmunzeln.
Aber immerhin, vieles ist gut recherchiert und manches wird mutig ausgesprochen, etwa, dass der islamistischen Gewalt „deutlich mehr Muslime zum Opfer“ gefallen sind als Christen. Erfreulich ist auch, dass sich der Spiegel in seiner Polemik gegenüber Evangelikalen zurückhält. Dass der Spiegel die Säkularisierungstheorie – je moderner, desto unreligiöser – widerruft, ist immerhin selbst eine Schlagzeile wert, war er doch selbst lange ihr eifrigster Verfechter, ja fast ihr Symbol. Das mein Lehrer Peter Berger, der wohl bedeutendste Religionssoziologe der Welt, der diese These vor über 40 Jahren mit aufstellte, sie schon Mitte der 1980er Jahre widerrufen hatte, hat der Spiegel nämlich bisher nie gemeldet. Der Schlusssatz „Islam und Christentum werden die prägenden Kräfte bleiben, auch wenn kein Schulkind mehr weiß, wer Marx und Nietzsche gewesen sind“ ist gerade für den Spiegel doch ein sehr ehrliches Eingeständnis auch in eigener Sache. Denn dem ganzen Artikel ist ja abzuspüren, dass man bloß nicht in den Verdacht geraten will, dass man selbst etwa etwas mit dem Glauben an den „Allmächtigen“ zu tun habe.
Vieles zeigt aber auch, dass hier religiös Unmusikalische schreiben. Wenn etwa mit großer Dramatik darauf verwiesen wird, dass neuerdings ganze Hochschulen in den USA der Missionarsausbildung dienen, fehlt offensichtlich das Wissen, dass schon die Jesuiten Jahrhunderte lang deswegen Hochschulen gründeten, dass die erste Universität Asiens in Indien (Serampore College) im 18. Jahrhundert diesem Zweck diente, dass viele Eliteuniversitäten der USA, wie Harvard und Princeton, hier ihren Ursprung haben und oft Missionare wie David Livingstone hochgebildete Leute waren.
An anderer Stelle heißt es, es gebe „mehr als 400 Millionen Freikirchler weltweit“. De facto ist das die Zahl der Evangelikalen. Freikirchler nennt man Angehörige von kleinen Kirchen in Ländern mit ehemaligen Staatskirchen. In den meisten Ländern dieser Erde, in den USA, Korea, China oder Indien gibt es keine Freikirchen bzw. sind alle Kirchen Freikirchen. Und in den Ländern mit ehemaligen Staatskirchen wie Schweden, England oder Deutschland ist ein erheblicher Teil der Evangelikalen jeweils in den ehemaligen Staatskirchen, in Deutschland etwa 50% der Evangelikalen. Umgekehrt gibt es nicht wenige Freikirchler, die dezidiert keine Evangelikalen sein wollen.
Die Parallelisierung von Ausbreitung des Islam auch mit Gewalt und der angeblich ebenso gefährlichen christlichen Mission entbehrt jeder Grundlage. Nicht zufällig kann der Spiegel viele Beispiele von Gewalt seitens islamistischer Gruppen anführen, aber keines auf christlicher Seite, auch wenn der Spiegel christliche Missionare „Gottesstreiter, die Soldaten Christ“ nennt, übrigens die Bezeichnung der wahrhaft nicht für Gewalt bekannten Heilsarmee. Stattdessen weicht der Spiegel als Gegenüber zu Beispielen islamistischer Gewalt auf christliche Äußerungen als Gegenüber aus, etwa die Erde sei 6000 Jahre alt. Da habe ich doch lieber einen Nachbarn, der das friedlich glaubt, als einen der mich mit Gewalt bedroht!
Der Spiegel schreibt: „Es waren überzeugte Wahhabiten, welche ihre gekaperten Flugzeuge in die Türme des World Trade Center steuerten, es sind Pastoren fundamentalistischer US-Kirchen, die inzwischen häufig vom ‚Islamofaschismus‘ sprechen.“ Also, eine dumme, islamkritische Vokabel zu verwenden (und ich bin auch gegen so etwas, siehe mein Buch „Feindbild Islam“) ist dasselbe wie Tausende von Menschen umbringen?
Also nochmal: Der Spiegel führt kein einziges Beispiel dafür an, dass christliche Mission mit Gewalt betrieben wird oder Gewalt legitimiert. Er stößt sich – wie ich auch – nur an bisweilen drastischer Sprache, nur ist das eben ein ganz anderes Kapitel und nichts, wogegen das Gewaltmonopol des Staates in Stellung gebracht werden müsste.
Fundamentalist ist nicht einfach jeder, der meint, die Wahrheit zu haben, denn dann wäre die große Mehrheit der Menschheit Fundamentalisten und nur die Westeuropäer wären gute Menschen. Fundamentalismus heißt vielmehr, einen Wahrheitsanspruch mit Gewalt oder wenigstens undemokratischen Mitteln durchsetzen zu wollen. Das ist, wovor die Menschen Angst haben. Demnach hat der Islam einen leider zu großen, insgesamt aber kleinen Flügel an gewaltbereiten Fundamentalisten, die Christen und auch die Evangelikalen dagegen praktisch keinen – die wenigen Ausnahmen lehnen alle selbst den Kontakt zur evangelikalen Mehrheit ab.
Dazu kommt: Selbst wenn stimmt, was über Evangelikale in den USA gesagt wird: Seit wann gilt in Deutschland die Sippenhaft noch? Muss wirklich jeder konservative Christ weltweit für alles haften, was irgendwo in der Welt gesagt wird?
Damit sind wir bei meiner religionssoziologischen Grundsatzkritik:
- Auch wenn der Spiegel den Eindruck erweckt, darzustellen, was die Hälfte der Menschheit bewegt, ist er von einem Gesamtbild der weltweiten Lage weit entfernt. Ein Beispiel unter vielen: Die katholische Kirche erscheint praktisch nur als Zuschauer, die auf die Erfolge der Evangelikalen neidisch ist. In Wirklichkeit ist die katholische Kirche etwa in Afrika stark am Wachsen und gerade in dem dargestellten Weltlauf zwischen Islam und Christentum ein zentraler Faktor.
- Religionssoziologisch ist die Frage von zentraler Bedeutung, wodurch die Religionen denn vor allem wachsen. Der Spiegel übergeht hier völlig, dass sich gerade hier ein tief greifender Unterschied zwischen Islam und Christentum auftut: Der Islam wächst fast ausschließlich durch sein enormes Bevölkerungswachstum (und in einigen Ländern durch die starke Auswanderung von Muslimen aus ihren Kernländern). Dazu kommt der Anpassungsdruck in islamischen Ländern. Die ‚Erfolge‘ durch klassische Überzeugungsarbeit und Einzelübertritte sind vergleichsweise gering. Das Christentum wächst praktisch nirgends durch Anpassungsdruck. Das Bevölkerungswachstum ist in vielen ehemals christlichen Ländern zum Stillstand gekommen, und selbst in Asien und Afrika, wo Christen mehr Kinder haben, trägt das Bevölkerungswachstum weniger zum Wachstum bei, weil die nächste Generation – anders als im Islam – vergleichsweise einfach den christlichen Glauben wieder aufgeben kann und das auch in Teilen tut. Das Wachstum des Christentums geht deswegen zu weit mehr als 90% auf inhaltliche Werbung und Einzelbekehrungen aus Überzeugungen zurück. Das war längst nicht immer so, gilt heute aber fast überall. Man mag das beurteilen, wie man will, in das Gesamtbild eines Wettlaufes zwischen Christentum und Islam hätte das unbedingt hineingehört. Erst diese Gegenüberstellung zeigt, wie ungleich der Wettbewerb zwischen den beiden Religionen ist, den der Spiegel erfreulicherweise zum Thema gemacht hat.
- Ein Grundirrtum ist die Aussage: „Es sind nicht die Mütter Teresa dieser Welt, die das Missionsgeschäft mit größter Leidenschaft betreiben“. Doch, es sind sie. Denn Mutter Teresa war nun einmal hochgradig religiös motiviert (‚Fundamentalistin‘ würde das der Spiegel nennen). Denn einerseits wird die weltweite christliche Sozialarbeit unter den Ärmsten der Armen von sehr überzeugten Christen betrieben. World Vision und die Heilsarmee seien hier stellvertretend genannt. Und andererseits ist der Einsatz für die Schwachen integraler Bestandteil gerade des Eifers überzeugter Christen. Die Evangelikalen investieren Milliarden für die sozial Schwachen weltweit. Das mag man schätzen oder schlimm finden. Aber eine simple Unterscheidung in gute christliche Entwicklungshelfer und schlechte Missionsprediger wird der Realität fast nirgends gerecht. Übrigens gilt das auch für die islamische Seite. Viele Erfolge der islamischen Fundamentalisten sind dem Umstand zu verdanken, dass sie ein eigenes, funktionierendes Sozialsystem aufbauen, wo der Staat versagt – auch wenn es nur für Muslime gilt. Die Palästinensischen Autonomiegebiete sind dafür das bekannteste Beispiel.
Christenverfolgung in der BILD Zeitung
Dezember 2, 2009 by Schirrmacher · 1 Kommentar
Nach langem Interview erschien heute folgender Artikel in der BILD, zum Glück auf Seite 2, nicht wie beim letzten Mal mit mir auf S. 1 neben einer Nacktdarstellung :-)
Minarett-Verbot in der Schweiz erzürnt Moslems
Wie viel Kirchturm erlaubt Allah?
02.12.2009 – 00:45 UHR
Moslems in der ganzen Welt protestieren gegen das Minarett-Verbot der Schweiz.
Der Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg empörte sich gestern über das „intolerante“ Verbot, das die Schweizer in einer Volksabstimmung beschlossen haben. Es missachte „verfassungsmäßige Rechte einer religiösen Minderheit“. Der türkische Premier Erdogan sprach von einer „rassistischen und faschistischen Haltung“ der Schweiz gegen Moslems.
Aber wie steht es um die Religionsfreiheit in islamischen Ländern – wie viel christlichen Kirchturm erlaubt Allah?
„Die Türkei, Malaysia, Iran, Jordanien, Saudi-Arabien, Marokko sind – in verschiedenen Abstufungen – noch immer meilenweit von religiöser Toleranz entfernt, wie wir sie in Mitteleuropa kennen. Die wenigsten islamischen Länder kennen echte Religionsfreiheit“, meint der Bonner Theologe und Religionssoziologe Prof. Thomas Schirrmacher.
Beispiel Türkei: Offiziell herrscht dort zwar Religionsfreiheit. Doch in der Praxis werden Christen am Bosporus behindert, verfolgt, bespitzelt, in seltenen Fällen sogar mit dem Tode bedroht! 2007 ermordeten Jugendliche drei Missionare in der Stadt Malatya, fesselten ihre Opfer, schnitten ihnen die Kehlen durch. Auf dem Höhepunkt des Streits um die 2006 in dänischen Zeitungen veröffentlichten Mohammed-Karikaturen wurde der katholische Priester Andrea Santaro (60) erschossen.
Christliche Kirchen dürfen in der Türkei keine Häuser oder Grundstücke kaufen, keine Schulen oder Klöster einrichten. „Bestehende Einrichtungen werden systematisch dem Verfall preisgegeben“, so Prof. Schirrmacher. Folge: Die deutsche Evangelische Gemeinde in Ankara hält ihre Gottesdienste auf dem Gelände der Deutschen Botschaft ab.
Beispiel Saudi-Arabien: Dort genügt es, wenn Christen ein Kreuz oder eine Bibel mit sich führen, um sie für Monate ins Gefängnis zu sperren. Selbst in der eigenen Wohnung ist das christliche Gebet verboten! Ein katholischer Gastarbeiter von den Philippinen landete im Knast, weil er auf einem Foto in seiner Brieftasche einen Rosenkranz betet. Verboten!
Beispiel Iran: Dort herrscht die strenge Scharia: Wer zum Christentum „konvertiert“, Werbung für Christen macht, wird mit dem Tode bestraft. Christentreffen finden – wie im alten Rom – heimlich statt, in Kellern und Scheunen. Jüngster Fall: Ehsan Fattahian († 28), ein Christ aus dem Nordiran. Wegen „Abfallens von Gott“ verurteilte ihn das Revolutionsgericht zum Tode. Das Urteil (Tod durch Erhängen) wurde – trotz internationaler Proteste – vor genau drei Wochen, am 11. November um vier Uhr früh vollstreckt.
Quelle: www.bild.de
Muslime immer als Opfer und nie als Täter?
November 12, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Nach Medienberichten (etwa hier oder hier) hat der türkische Premierminister Erdogan den mit Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof und Interpol als Völkermörder gesuchten Staatspräsidenten von Sudan in Schutz genommen, der zu einem Gipfeltreffen der Organisation Islamischer Länder in Istanbul kommen sollte, dann aber darauf verzichtete. Dass er jedoch so oder so nicht verhaftet werden dürfe, erklärte der türkische Ministerpräsident damit, dass Sudan ein islamisches Land sei und islamische Länder nicht in der Lage seien, Verbrechen wie einen Völkermord zu begehen.
Von Völkermord sprach er aber in Bezug auf Israel gegenüber den Palästinensern und in Bezug auf China wegen der Uiguren. In Gaza seien 1.500 Menschen getötet worden, so Erdogan – die UN wirft dem Sudan vor, für 300.000 Todesopfer verantwortlich zu sein!
Ein muslimischer Herrscher kann per Definition gar kein Verbrecher sein, auch wenn die Beweise noch so erdrückend sind? Sind aber Muslime die Opfer, dann wird sofort von Genozid gesprochen? Denn es scheint ja nicht zufällig zu sein, dass China offensichtlich nur des Genozids an den (muslimischen) Uiguren bezichtigt wird, nicht aber des Genozids an den (buddhistischen) Tibetern!
Wenn das dann auf die Geschichte übertragen wird, bedeutet das: Fehler der Muslime in der Vergangenheit werden geleugnet, Fehler der Nichtmuslime dagegen auch nach Jahrhunderten triumphierend angeführt. Diese Mentalität trifft dann passenderweise einerseits auf Christen, die ihre Geschichte sehr selbstkritisch aufarbeiten und viele Fehler zugeben (und das soll auch so bleiben!) und auf christentumskritische Historiker, die immer noch am liebsten nur christliche Vergehen auflisten (das aber sollte sich ändern!).
Das liegt auf einer Linie mit dem, was derzeit eine Mehrheit islamischer Länder unter Führung von Pakistan über mehrere erfolgreiche Abstimmungen gegen die Verunglimpfung von Religion (‚Defamation of Religion‘) des Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen gegen den massiven Widerstand der westlichen Länder durchzusetzen sucht, was bisher nur noch nicht bindendes internationales Recht ist: die Kritik am Islam als Verletzung der Menschenrechte. Denn in der letzten Resolution vom März 2009 ist zwar allgemein von Religion die Rede, namentlich genannt wird aber nur der Islam.
Der Islam darf kritisieren wen und wie er will, aber den Islam darf niemand kritisieren – und sei es noch so friedlich, freundlich und sachlich? Also: Alle Rechte für uns, keine Rechte für andere? Nein, das darf nicht sein! Ich habe mein Buch „Feindbild Islam“ geschrieben, weil aus christlicher Sicht die Verleumdung anderer immer falsch ist, nicht nur wenn es unsere eigene Religion oder unsere eigenen Leute trifft. Es geht um ‚Alle Rechte für alle‘.
Damit mich keiner falsch versteht oder der Pauschalverurteilung bezichtigt: Ich bin dieses Jahr in Istanbul mit türkischen Professoren verschiedener Fachrichtungen (auch islamischer Theologie!) aus dem ganzen Land zusammen gewesen, die für Religionsfreiheit eintreten und mir entsetzt über die Islamisierung von Städten und Provinzen berichteten, die unter Führung von AKP-Politikern stehen. Und ohne großen ‚akademischen Weihrauch‘ erzählen mir türkische Familien, die uns zu Hause besuchen, oder Politiker türkischer Herkunft hier in Bonn dasselbe. Also denken längst nicht alle Türken so wie der türkische Premier.
Und es geht mir keinesfalls darum, irgendwelche Spannungen zu erhöhen. Die Weltweite Evangelische Allianz ist mit einer eigenen Arbeitsgruppe stark in ‚Peacebuilding‘-Aktivitäten engagiert, bei der sich Menschen in kriselnden Regionen über die Religionsgrenzen hinweg persönlich kennenlernen und gemeinsam für Frieden engagieren. Aber trotzdem muss gleichzeitig darauf hingewiesen werden, dass international die Schieflage im Umgang mit dem Islam immer stärker wird, wenn einfach per Definition verfügt wird, dass Muslime immer die Opfer und nie die Täter sind.
Wer hat schon Angst vor evangelikalen Terroristen?
Oktober 21, 2009 by Schirrmacher · 7 Kommentare
Wider die bösartige Gleichsetzung von Evangelikalen und islamistischen Terroristen
Innerhalb von drei Tagen fand ich folgende wahllos herausgegriffenen Meldungen über Islamisten, die parallel in fast allen großen Medien Deutschlands veröffentlicht wurden:
In der pakistanischen Hauptstadt Islambad hat ein islamistischer Selbstmordattentäter durch einen Bombenanschlag auf das örtliche Hauptquartier des Welternährungsprogrammes vier UN-Angestellte getötet.
Islamisten haben einen Tag lang das Hauptquartier der pakistantischen Armee durch Beschuss und Geißenahme lahmgelegt. 30.000 pakistanische Soldaten versuchen nun, gegen Islamisten vorzugehen und die Schande wieder gut zu machen.
Ein einstündiges deutschsprachiges Video einer mit Al-Kaida verbundenen islamistischen Gruppe, in dem mehrere deutsche und deutschsprachige Islamisten Deutschland drohen, zeigt im Hintergrund Bilder aus den Terrorcamps, auf denen sich auffällig viele blonde oder europäisch wirkende Kinder befinden.
Im Jemen kämpft die Regierung einen verzweifelten Kampf gegen das islamistsiche Netzwerk Al-Kaida, dass Jemen zu seiner neuen Hauptzentrale ausbauen will. Obwohl sich hier die Zukunft des islamischen Terrorismus entscheiden könnte, fehlt Jemen die internationale Unterstützung.
In Hamburg wurde eine zehnköpfige islamistische Terrorzelle entdeckt, die im März zur Terrorausbildung in den Hindukusch gereist sind. In Deutschland sollen derzeit rund 80 ausgebildete islamistische Terroristen leben.
155 Beamte durchsuchen in Berlin Wohnungen in einem Schlag gegen eine Gruppe von 15 Islamisten, die im Verdacht stehen, Anschläge gegen Russland zu planen, und die sich absetzen wollten.
Ein Buch über Ehrenmorde im Droste Verlag erscheint in letzter Minute aus Angst vor Racheakten von Islamisten doch nicht.
Das waren nur drei Tage!
Und mit solchen Islamisten werden Evangelikale verglichen? Absurd! Haltlos! Böswillig!
Schon meine friedlichen muslimischen Nachbarn mit solchen Terroristen zu vergleichen, wäre eine Schande, aber friedliche, oft pazifistisch eingestellte Evangelikale?
Evangelikale dürfen mit ihren Zwangsgebühren ARD und ZDF bezahlen, damit die mit konspirativen Mitteln ‚beweisen‘ und propagieren, was nicht zu beweisen ist, dass Evangelikale eine Art christlicher Islamisten sind. Fakt ist: Es gibt keine evangelikalen Terroristen, keine Selbstmordattentäter und kein evangelikales Netzwerk, dass irgendeine Gewalt plant. Es gibt überhaupt keine Evangelikalen, die planen irgendetwas durch Tod und Gewalt durchzusetzen. Alles andere ist faktischer Unsinn und übelste Verleumdung.
Wo muss man evangelikale Gemeinden nach Waffen durchsuchen? Wo unterhalten Evangelikale Terrorcamps, überfallen Armeehauptquartiere und liefern sich Gefechte mit 30.000 Soldaten?
Wer hat schon Angst, in ein Urlaubsland zu fahren, weil dort Evangelikale wohnen? Wo sind die Evangelikalen, die andersdenkende Journalisten oder ihre Familien bedrohen? Warum kommt keine evangelikale Gruppe in irgendeinem Verfassungsschutz vor, weder in deutschland noch irgendwo weltweit?
Und dazu kommt: Trotz dieser pausenlosen Horrormeldungen über den Islamismus, werden wir – zu Recht – immer wieder daran erinnert, ja erinnern selbst immer wieder daran, dass man Islamisten und friedliche Muslime auseinander halten muss. Überlegen sie einmal, 1,8 Mio. Evangelikale in Deutschland wollten Freiheit mit Gewalt einschränken. Und davon hat noch keiner etwas mit bekommen, wo uns gleichzeitig einige Tausend Islamisten in Atem halten?
Denn im Falle der 400 Millionen Evangelikalen muss man dagegen wohl nicht zwischen Terroristen (wo immer die sein mögen) und Zigmillionen friedlichen Anhängern unterscheiden. Da reicht ein negatives Beispiel, über Zigmllionen in Sippenhaft zu nehmen! Selbst wenn es einen einzigen evangelikalen Terroristen geben sollte oder wenigstens einen, der davon träumt einer zu sein, müßte man in klar von den Zigmillionen friedlichen Evangelikalen unterscheiden.
Noch eine Frage an ARD und ZDF: Gehört nicht zur Religionsfreiheit auch, dass man vor Verfolgung durch staatliche und quasistaatliche Institutionen geschützt ist? Wissen unsere staatlichen Medien eigentlich, dass es keine Verfolgung von Minderheiten gibt, in denen nicht die Medien eine zentrale Rolle spielen und dass heute oft die Medien mehr als andere darüber entscheiden, welche Minderheit als Opfer und welche als aussätzig und selbst dran schuld gilt?
Selbstmordattentate im Islam
Oktober 15, 2009 by Schirrmacher · 1 Kommentar
Die Fundamentalismusdebatte geht oft von der irrigen Annahme aus, gewalttätige, religiöse Fundamentalisten wollten in eine vormoderne Zeit zurück. Die Journalisten, die so gerne alles und jedem Fundamtalismus anhängen wollen, kümmert eh wenig, was die wissenschaftlich belegbar ist und was nicht. Aber auch unter Wissenschaftlern stehen Fundamentalismustheorien meist fest, bevor überhaupt konkrete Bewegungen detailliert utersucht wurden. Tatsächlich sind fundamentalistische Bewegungen oft sehr modern, indem sie völlig neue theologische Konzepte entwicklen und umsetzen. Die Hoffnung, dass sie mit der Zeit ‚moderner‘ und deswegen friedlicher würden, ist deswegen trügerisch.
Die Rechtfertigung von Selbstmordattentaten im Islamismus ist etwa eine moderne Entwicklung die noch anhält. Zwar gab es um Islam früher das Konzept des Märtyrers als Krieger, der im Dschihad gefallen ist, ein Konzept, das es so im Christentum etwa nie gab (aber etwa im nationalen Gewand von europäischen Staaten oder etwa von Japan in den Weltkriegen), aber es war immer ein vom Oberhaupt – etwa dem Kalif oder Sultan – ausgerufener Krieg, man starb im Kampf gegen Ungläubige und man versuchte natürlich, so lange wie möglich zu überleben, beging also eigentlich nicht Selbstmord. (Eine Ausnahme waren die Assasinen des 11.–13. Jh., von denen keine Linie zur Gegenwart führt.)
Die Terrorattentate zur Zeit Arafats etwa konnten deswegen kaum religiös begründet werden und beinhalteten keine eigenlichen Selbstmordattentate. Erst im modernen Islamismus entwickelte sich das Konzept des Selbstmordattentates immer stärker in folgenden Stufen aus, die alle, die die letzten 25 Jahre die Medienberichterstattung verfolgt haben, selbst nachvollziehen können.
Stufen der Entwicklung von Theologie und Praxis der Selbstmordattentate in den letzten 25 Jahren
- Es mußte jetzt kein Dschihad mehr ausgerufen werden, sondern es ist immer auch militärischer Dschihad gegen die Ungläubigen, der Einzelne oder eine kleine Gruppe kann sich selbst beauftragen und wer dabei stirbt kommt als Märtyrer in das Paradies.
- Man darf sich als Mann selbst töten, wenn man dabei Ungläubige in den Tod mitnimmt.
- Auch männliche Kinder können Selbstmordattentäter werden (zuerst in der Intifada).
- Man darf dasselbe, wenn dabei als Kollateralschafen auch Muslime sterben (so zuerst in Israel, dann am 11.9.2001).
- Man darf dasselbe, wenn dabei fast nur oder nur Muslime sterben, aber die Ungläbigen beunruhigt werden (so zuerst im Irak).
- Auch Frauen können Selbstmordattentäter werden, die bisher nur als stolze Mütter der Selbstmordattentäer in Erscheinung traten (so erst seit ganz kurzem).
- In allerjüngster Zeit treten erstmals Mädchen als Selbstmordattentäter auf.
Kurzum: Ein Mädchen, das mit einer Bombe andere Muslime mit in den Tod nimmt, und deswegen als Märtyrerin gelobt wird, das wäre früher im Islam undenkbar gewesen, es ist vielmehr eine ganz neue theologische und dann auch praktische Entwicklung, die wenig mit dem vormodernen Islam gemeinsam hat.
Mit zweierlei Maß: Die Vertreibung der Juden aus der islamischen Welt
September 17, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
1948 bis 1970 wurden 850.000 – 1.000.000 Juden aus arabischen Ländern vertrieben, wo sie zuvor friedlich Jahrhunderte lang gelebt hatten. Während von den Palästinensern täglich in den Medien die Rede ist und die Forderung erhoben wird, dass die Enkel und Urenkel der einst vertriebenen Palästinenser in ihre Heimat zurückkehren müssen, redet von den betroffenen Juden niemand mehr. Die 1976 gegründete Organisation ‚World Organisation of Jews from Arab Countries‘ wird nirgends ernst genommen, obwohl viele Betroffene bis heute nur unfreiwillig in Israel oder den USA leben. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.
In rasantem Tempo schreitet die Vertreibung der alteingesessenen christlichen Minderheiten in der islamischen Welt voran, die oft länger in den Ländern existierten, als es den Islam überhaupt gibt. So sehr das verhehrende Ergebnis des Irakkrieg von George W. Bush vorhersehbar war – wenn die islamischen Terroristen gegen die Amerikaner nicht gewinnen können, suchen sie sich das einzige erreichbare Ziel für einen kleinen Sieg, die friedlichen und in Verteidigung ungeübten Christen, – so sehr setzen die Terroristen und die ihnen nichts entgegensetzende irakische Regierung nur fort, was seit über 100 Jahren im Gange ist.
Darüber wird oft eine ebensolche Tragödie vergessen: Die Vertreibung der Juden aus den islamischen Ländern. Ihr Zahl ist insgesamt geringer als bei den Christen, ihr Prozentsatz höher, ja meist nahe an 100%. Nordafrika, Ägypten, Syrien, Libanon, Jemen und Irak hatten einst Jahrhunderte alte, blühende jüdische Bevölkerungen, die heute fast völlig verschwunden sind.
Im Irak lebten 1948 135.000 Juden, heute sind es 10!
Koran und Bibel
Februar 28, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Zwei Weltreligionen – zwei weltumspannende Bücher: Bibel und Koran. Beide werden zigmillionenfach verbreitet. Ihre Inhalte schreiben Weltgeschichte. Doch in Entstehung, Stil und Botschaft können zwei Bücher kaum unterschiedlicher sein. Endlich erfährt der Leser kurz und bündig, was die beiden eint und vor allem trennt.
Dürfen arabische Christen Gott ‘Allah’ nennen?
Februar 20, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Hinweis: Der Aufsatz liegt nur als PDF-Datei vor.
Bibel und Koran als “Gottes Wort”
Februar 20, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Hinweis: Der Aufsatz liegt nur als PDF-Datei vor.



Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 300 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo).