ArchivAbtreibung
Gutachten zu gewaltätigen Abtreibungsgegnern jetzt auf Englisch
Januar 12, 2010 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Die Weltweite Evangelische Allianz hat jetzt die englische Fassung meines Gutachtens „Gewalt gegen Abtreibungskliniken – ein evangelikales oder konservativ-katholisches Problem?“ (zuletzt hier) offiziell herausgegeben und auf ihre Webseite gestellt: www.worldevangelicals.org
Die Lebensrechtsbewegung als Menschenrechtsbewegung
November 6, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Die Lebensrechtsbewegung hat sich immer als eine Menschenrechtsbewegung verstanden. Sie tritt vor allem für das Recht auf Leben derer ein, die sich nicht selbst vertreten können. Waren es anfänglich nur die Ungeborenen, so sind aufgrund der gesellschaftlichen und medizinischen Entwicklung inzwischen weitere Felder hinzugetreten: Alte, Kranke und Behinderte ebenso wie künstlich gezeugte Embryonen.
Heute ist der ungeborene Mensch gewissermaßen nicht ein Mensch, der angenommen wird, sondern entgegen aller Logik wird er erst Mensch, wenn er angenommen wird – ein ungewolltes Kind hat kein Lebensrecht.
Menschenrechte bedeuten aber gerade, dass uns die Würde des Menschen an sich zukommt, bevor wir irgendeinem anderen Menschen oder einer Institution wie Familie oder Staat begegnen. Jeder andere Mensch und erst recht der Staat findet unsere Menschenwürde vor, er erschafft sie nicht kraft seines Amtes.
Das Verbot, Unschuldige zu töten, gehört zum Wesen des Rechtsstaates. Alle Gegner der Todesstrafe erwarten sogar vom Staat, dass er keine Schuldigen tötet. Aber die Unschuldigsten und Wehrlosesten aller Menschen, die im Mutterleib, stehen ohne jeden staatlichen Schutz da, wenn die, die sie eigentlichen mehr als alle anderen beschützen sollten, Mutter, Vater und Arzt/Ärztin, ihren Tod beschlossen haben.
Derzeit jagt eine nationale oder europäische Antidiskriminierungsmassnahme und –richtlinie die andere. Aber das Ungeborene diskriminiert werden, weil sie ungeboren sind, oder zusätzlich, weil sie behindert oder ungeliebt sind, oder gar noch schlimmer, aufgrund ihres Geschlechtes – all’ das beschäftigt die nicht, denen der bishrige Schutz gegen Diskriminierung nicht weit genug geht.
Jedes ungeborene Kind ist vom Moment seiner Zeugung ein Mensch und hat Anspruch auf dieselben Menschenrechte, wie jedes andere Mitglied der menschlichen Gemeinschaft. Sein Leben ist unbedingt zu schützen, ihn zu töten ist undenkbar.
Die Menschenrechte des Embryos sind dabei wie alle Menschenrechte auch unabhängig vom Gewissen anderer, als etwa der Mutter oder der Ärzte.
Dort, wo ein Mensch doch rechtmäßig getötet werden kann, kann dies nur sein, um ihn am Töten zu hindern (z. B. Notwehr, Notwehrrecht des Staates) – etwas, was bei einem Ungeborenen ausgeschlossen ist – oder in einer schwerwiegenden Pflichtenkollision, in der Leben gegen Leben steht (z. B. gerechter Krieg, Selbstaufopferung für andere), nie aber, um einen niedrigeren Wert zu verteidigen.
Gewalt gegen Abtreibungskliniken – ein evangelikales oder konservativ-katholisches Problem?
September 11, 2009 by Schirrmacher · 2 Kommentare
Nach einem Jahrzehnt Ruhe ist in den USA wieder ein Abtreibungsarzt erschossen worden. Scott Roeder erschoss den vielleicht bekanntesten Abtreibungsarzt Dr. Georg Tiller in Wichita (Kansas) vor seiner Kirchengemeinde.
Was ändert der neue Fall an meinem Gutachten, das ich 2008 verfasst habe?
Auch wenn mir bisher nur die Medienberichterstattung aus den USA vorliegt und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft noch nicht abgeschlossen sind, kann man vorläufig Folgendes feststellen.
1. Wenn nach einem Jahrzehnt wieder ein Mord geschieht, bedeutet das weiterhin, dass Millionen von Evangelikalen und Katholiken in den USA und Hunderte Millionen Evangelikale und Hunderte Millionen Katholiken weltweit, die Abtreibung ablehnen, völlig friedlich ihre Sicht vertreten! 51% der Amerikaner sind nach der neusten Umfrage Gegner der Abtreibung. 120 Millionen sind es friedlich, einer nicht, Grund genug, für die Presse, alle in einen Sack zu ‚hauen‘.
2. Eine Zuordnung des Täters Scott P. Roeder zum evangelikalen oder katholischen Bereich wird von keinem Fachmann vorgenommen. Bisher konnte noch nicht einmal – genauso wie bei den Tätern der 1990er Jahre – überhaupt eine Verbindung zu den großen Antiabtreibungsorganisationen hergestellt werden. Wenn der Atheistenblog blasphemieblog.wordpress.com schreibt: „Mordanschlag: bibeltreuer Christ erschießt Abtreibungsarzt“, dann ist das reine Verleumdung.
Dass der Täter wohl einen Eintrag auf der Webseite von ‚Operation Rescue‘ hinterlassen hat, woraus auch etwa die Neue Zürcher Zeitung und die Süddeutsche Zeitung durch die Hintertür die erwünschte Verbindung herstellen wollen, besagt zunächst ja nichts, da heute jeder in jedem offenen Blog mitschreiben kann. Operation Rescue lässt alle Mitarbeiter eine Gewaltverzichtserklärung unterschreiben, hat den Eintrag gelöscht und den Mord an Tiller aufs Schärfste verurteilt.
3. Nach allem, was man sagen kann, gehört der Täter wie frühere Täter vom Ku-Klux-Clan der rechtsradikalen Szene an und ist früher schon von einem Gericht nach einer 16monatigen Haftstrafe als geisteskrank eingestuft worden („Symptome der Schizophrenie“). Seine von ihm geschiedene Frau bestätigt beides. Roeder gehörte Mitte der 1990er Jahre der sogenannten ‚Freeman‘-Bewegung an, die anstelle des Obersten Gerichts der USA einen eigenen Obersten Gerichtshof einrichtete und Regierung und Gesetze der USA bekämpfte. Roeder, so die Tageszeitung Die Welt, „gehörte in seinem paranoiden Leben so ziemlich jeder Bürgerwehr an, die Amerika zu bieten hat“.
Das Opfer Georg Tiller ist übrigens – ohne damit den Mord irgendwie beschönigen zu wollen – wie seine Gegner ein typisches Beispiel dafür, wie viel aggressiver und kulturkampfartiger solche Debatten in den USA ausgetragen werden, hat er doch ebenso wie seine Gegner das Fernsehen nicht nur zur Werbung für seine Spätabtreibungsklinik genutzt, sondern auch zu angriffigen Plädoyers für die Spätabtreibungen. Er war, wie die Tageszeitung Die Welt schreibt, „starrsinnig wie seine Feinde“.
Man sollte auch nicht verschweigen, dass gegen Tiller Verfahren zur Aberkennung der medizinischen Lizenz liefen und er deswegen unter strenger staatlicher Aufsicht des Staates Kansas arbeitete. Man mag kritisieren, dass er von Prozessen überzogen wurde, aber das ist in Amerika bei allem und jedem so. Tiller war landesweit wegen seiner Konzentration auf Spätabtreibungen auch bei vielen prinzipiellen Abtreibungsbefürwortern umstritten. Er war einer von drei Ärzten in den USA, die Abtreibungen bis zur Geburt durchführten. Deswegen fand sich für die von ihm geleitete Klinik auch kein Nachfolger, weswegen sie nach seinem Tod geschlossen wurde (articles.latimes.com).
Zu meinem Gutachten sei noch ein Zitat des völlig unverdächtigen Kritikers der Evangelikalen, dem Münchner Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte Michael Hochgeschwender, angeführt:
Allerdings wird man sich davor hüten müssen, den Anteil von Gewalttätern innerhalb der neofundamentalistischen Szene zu hoch anzusetzen. Auf dem absoluten Höhepunkte der Bombenattentate im Jahre 1994 starben vier Menschen, insgesamt kamen in den neunziger Jahren sieben Menschen bei Angriffen auf Abtreibungskliniken ums Leben. Verglichen mit dem allgemeinen Gewaltniveau der amerikanischen Gesellschaft oder selbst verglichen mit dem Gewaltpotential der extremen Rechten in den USA fielen die Neofundamentalisten kaum aus dem Rahmen. Darüber hinaus waren die meisten Täter pathologische Persönlichkeiten. Darin wichen sie von ihrem Sympathisantenumfeld nicht ab. Die absolute Mehrheit der Neofundamentalisten, mehr als 95 Prozent, verhielt sich demgegenüber bei aller verbaler Militanz systemkonform und griff, trotz der Tradition der extralegalen Volksgewalt in den USA, nicht auf terroristische Gewalt zurück. Religiöser Fanatismus allein führte gerade nicht notwendig in den Terrorismus. Prägnanter formuliert: Es gab gewalttätige Fundamentalisten, aber keinen gewalttätigen Fundamentalismus.
(Michael Hochgeschwender. Amerikanische Religion: Evangelikalismus, Pfingstlertum und Fundamentalismus. Frankfurt: Verlag der Weltreligionen, 2007. S. 199)
- Der zitierte Artikel „Tod eines Überzeugungstäters“ vom 2.6.2009 in ‚Die Welt‘ findet sich in ähnlicher Form unter www.welt.de
- Neue Zürcher Zeitung: www.nzz.ch
- Zu Georg Tiller: en.wikipedia.org
- Anklageschrift gegen Scott P. Roeder: news.findlaw.com
Ein vollständiger Bericht kann hier herunter geladen werden: Abtreibungsgegner2009
Der gefährlichste Ort der Welt
September 7, 2009 by Schirrmacher · 1 Kommentar
In Deutschland wie in vielen anderen Ländern ist der gefährlichste Ort der Mutterleib, also genau der Ort, der früher in Sprachgebrauch und Literatur als der Inbegriff von Geborgenheit und Sicherheit galt. Nirgends ist der Mensch heute wehrloser, schutzloser und rechtloser.
Mehr und mehr sind Glück, Gesundheit, Wohlstand und Selbstverwirklichung die Werte, die unsere Gesellschaft zusammen halten, während bei anderen Werten zunehmend jeder Konsens fehlt. Wenn alles eine Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen wird, ist es kein Wunder, dass dies auch für Schwangerschaft und Kinder gilt. Die ökonomische und materialistische Dominanz unserer Kultur schlägt gegen die Schwächsten der Gesellschaft durch.
Abtreibungsgegner nehmen dagegen zunächst einmal einfach die Position des Ungeborenen ein. Alles andere ergibt sich daraus von selbst. Ihre Position läßt sich ganz einfach beschreiben – alles andere sind nur logische Konsequenzen daraus: Bei der menschlichen Zeugung entsteht mit der Verschmelzung der Keimzellen eine neue biologische und geistige Realität, der Mensch mit seiner unverwechselbaren Würde, und später gibt es keinen Einschnitt, der in seiner Bedeutung diesem Ereignis auch nur nahe käme und aus einem Nichtmenschen einen Menschen machte.
Der Schutz des menschlichen Lebens ist zweifellos die zentrale und wichtigste Aufgabe des Staates, die Pflichten wie Rechte begründet. Daraus folgerte das Bundesverfassungsgericht 1993, dass der Staat nie und nimmer aktiv die Beendigung menschlichen Lebens, auch des vorgeburtlichen, betreiben oder auch nur für Recht erklären dürfe.
Während es um diesen Schutz des Lebens während des Lebens in demokratischen Staaten im Vergleich zur Geschichte vorangegangener Jahrhunderte sehr gut steht, versagen dieselben Staaten am Anfang des Lebens in der vorgeburtlichen Phase (und zunehmend auch am Ende des Lebens) fast völlig und verweigern damit den Schwächsten der Gesellschaft den Schutz vor anderen Menschen, die sie töten wollen. Unseres Erachtens rüttelt das an den Grundfesten des Staates und führt durch Gewöhnung dazu, dass der Lebensschutz generell mehr und mehr zu einem Anliegen unter vielen wird, dass man durchaus auch einmal anderen Überlegungen unterordnen kann.
Wenn wir wieder soweit sind, dass der Staat meint, dass er über das Lebensrecht ganzer Bevölkerungsteile abstimmen kann, verliert der Staat seine wichtigste Existenzberechtigung, nämlich das Leben der Bürger vor anderen Menschen zu schützen. Zur gleichen Zeit, als man in Rio de Janeiro ein Artenschutzabkommen für Tiere und Pflanzen unterschreibt, beschließtender Deutsche Bundestag, dass man die ‘Art’ Mensch im Mutterleib töten darf.
Häufigste Todesursache weltweit
Abtreibung ist die häufigste Todesursache auf unserem Planeten. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO standen 2007 136 Mio. Geburten und 54 Mio. Todesfällen 42 Mio. gemeldete Abtreibungen gegenüber. Von den 54 Mio. starben 17,5 Mio. an Herz-Kreislauferkrankungen, 11 Mio. Menschen an einem Krebsleiden. Weniger als ein Fünftel der 54 Mio. waren Kinder. Demnach werden jährlich viermal so viele Kinder im Mutterleib getötet, wie geborene Kinder sterben.
Aus einem in Washington veröffentlichten Bericht des Forschungsinstitutes ‚World-Watch’ geht hervor, dass jährlich fast ebenso viele Kinder abgetrieben werden, wie im 2. Weltkrieg insgesamt an Menschen umkamen. Während im Weltkrieg 55 bis 60 Millionen Menschen starben, werden jährlich mindestens 50 Millionen Kinder im Mutterleib getötet, wobei zusätzlich 200.000 Frauen ihr Leben lassen.
In Japan und Frankreich wird die Hälfte aller Kinder im Mutterleib getötet, in Deustchland und den Niederlanden ein Viertel.
Betrachtet man allerdings die deutschen Medien, könnte man den Eindruck gewinnen, als ginge es statistisch um ein Randproblem und um eine moralische Bagatelle.
In den USA werden vor allem Afroamerikaner abgetrieben
August 3, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Uwe Siemon-Netto. „Gift direkt ins Herz”. Rheinischer Merkur Nr. 19, 7.5.2009 schreibt:
Es mutet seltsam an, dass sich ausgerechnet der Afroamerikaner Barack Obama im Krieg der Kulturen auf die Seite von Leuten wie Tiller und Sebelius stellt. Abtreibung ist ein Genozid gegen Schwarze: Dieser Schriftzug auf einem Transparent vor der PP-Anlage in St. Louis war keine Übertreibung, sondern entspricht den Statistiken aller einschlägigen Institute. Schwarze machen nur 12,3 Prozent der amerikanischen Frauen aus, aber 37 Prozent aller im Mutterleib getöteten Babys sind schwarz; die Hälfte der Schwangerschaften schwarzer Frauen wird gewaltsam beendet. In manchen Schwarzenvierteln kommen auf jede Lebendgeburt drei abgetriebene Babys, sagt Pastor Clenard Childress, ein afroamerikanischer Pastor. Die Abtreibung ist der größte Killer in unserem Gemeinwesen. In Mülltonnen hinter einer Klinik in Südkalifornien wurden vor einigen Jahren 15000 tote Föten gefunden; 12000 davon waren schwarz. Zu den verwirrenden Fakten der amerikanischen Politik gehört es, dass die Schwarzen fast ausschließlich für die Demokraten stimmen, bei denen das Bekenntnis zum Recht auf Abtreibung zum unerschütterlichen Dogma geworden ist. 78 Prozent aller Planned-Parenthood-Kliniken, auch jene in St.Louis, sind in schwarzen Wohngegenden angesiedelt, und dies kommt nicht von ungefähr: Die Gründerin dieser Organisation war die Eugenikerin Margaret Sanger (1879–1966), die vor dem Ku-Klux-Klan zu sprechen pflegte und für eine rigide Politik der Sterilisation und Segregation schwacher Bevölkerungsteile eintrat, so der Schwarzen, der irischen Katholiken und der Armen.
Ginge es um eine andere Thematik als um Abtreibung, wäre das ein Skandal erster Güte. Europäische Medien würden den USA ihren unterschwelligen Rassismus vorhalten, Antidiskriminierungsprogramme würden gefordert und das Thema täglich diskutiert. Da aber eine breite Wiederbelebung der Abtreibungsdiskussion nicht gewünscht ist, wird auch das Los der schwarzen Bevölkerung nicht diskutiert.
Ähnliches gilt für die millionenfachen Geschlechterselektion durch Abtreibung überall dort, wo Jungen wesentlich mehr gelten, als Mädchen, etwa in China, Indien, der islamischen Welt, ja, auch zunehmend in aller Welt. Soeben hat die Nationale Sozial- und Gesundheitsbehörde Schwedens entschieden, dass Abtreibungen aufgrund des Geschlechts nicht verweigert werden dürfen. Eine Mutter hatte nach zwei Töchtern bereits zwei weitere Mädchen abgetrieben und wollte nun das dritte Mädchen abtreiben, da sie nur einen Jungen zur Welt bringen will. Ginge es nicht um Abtreibung, wäre das ein Skandal erster Ordnung und Frauenbeauftragte aus aller Welt würden protestieren.


Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 300 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo).