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Cornelsen muss anti-evangelikale Passagen streichen: Hier meine Stellungnahme
Juli 18, 2010 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
So meldete es der Börsenverein des deutschen Buchhandels:
Cornelsen muss anti-evangelikale Passagen streichen
Das bayerische Kultusministerium duldet keine anti-evangelikalen Passagen in einem Schulbuch und verwehrt dem Cornelsen-Verlag die Zulassung des neuen Englischbuchs „Context 21“, „wenn es weiter Aussagen enthält, die Evangelikale in den USA in ein sehr schlechtes Licht rücken“. Das hat die Behörde auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea mitgeteilt.
In dem Kapitel „Fundamentalismus in Amerika“ behaupte die Journalistin Susan Jacoby, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Kreationismus habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig beeinflusst“. Er sei ein wichtiger Grund dafür, dass amerikanische Gymnasiasten weniger über die Wissenschaft wissen, als Gleichaltrige in Europa und Asien. Diese Darstellung stimme „teilweise nicht mit den in Artikel 131 der Bayerischen Verfassung formulierten Obersten Bildungszielen überein“, so das Kultusministerium.Bereits im März hatten sich zwei Lehrer über das Buch beschwert. Ein führender Mitarbeiter der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, warf Jacoby vor, „hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen zu reduzieren“. Danach hatte der Verlag angekündigt, den Text zu überarbeiten. Dies geschah allerdings nach Ansicht der Kritiker nur sehr unzureichend. Sie beschwerten sich erfolgreich beim Ministerium. Der Cornelsen-Verlag wollte sich nach Angaben der Evangelischen Nachrichtenagentur bislang nicht zu dem Vorgang äußern. (Quelle)
Auf vielseitige Bitte gebe ich hier meine Stellungnahme vom 4.3.2010 zu den antievangelikalen Passagen in einem Englischbuch des Cornelsen Verlages wieder, die das Bayrische Kultusministerium abgelehnt und der Verlag daraufhin zurückgezogen hat:
Susan Jacoby reduziert hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf ganz einfache Stereotypen, mit denen sie wunderbar bestimmte Gruppen diskriminieren kann. So führt sie zum Beispiel den Kreationismus und Intelligent Design rein auf die Evangelikalen zurück. Unter Evangelikalen – so Gallupumfragen in den USA – glauben 70% nicht an Evolution, unter Katholiken 30%, das heißt über 20 Millionen. Das zeigt, dass die wirklichen Verläufe wesentlich komplizierter sind, denn es gibt Zigmillionen von Evangelikalen, die die theistische Evolution vertreten und Zigmillionen von Nichtevangelikalen, die die Evolution ablehnen. Aber wenn man einer Gruppe die Schuld an allen Miseren geben will, ist für solche Differenzierungen natürlich kein Platz.
Angeblich sollen amerikanische Gymnasiasten wegen des verbreiteten Kreationismus weniger über Wissenschaft wissen, als Gymnasiasten in Europa und Asien. Das ist schlicht Unsinn und wird von keinem Erziehungswissenschaftler so vertreten. Die Gründe dafür sind vielschichtig und haben nur bedingt mit Religion zu tun. Und gerade die vielen Gymnasiasten an christlichen (evangelikalen) Privatschulen ebenso wie in der Homeschoolbewegung in den USA liegen in ihrem Kenntnisstand wissenschaftlicher Zusammenhänge weit vor ihren amerikanischen Altersgenossen. Man vergesse bitte nicht: An kreationistischen Schulen wird Evolution und Schöpfung unterrichtet, die Evolutionstheorie kann danach in der Regel besser referiert werden.
Weil angeblich in der USA in der Unterschicht der Glaube an die Bibel verbreiter ist als unter Hochschulabsolventen, sei die Verbindung zwischen Fundamentalismus und fehlender Bildung bewiesen. Auch das ist Unsinn. In aller Welt gehören die Gebildeten nun einmal zu den unreligiösesten Menschen. Die Evangelikalen in den USA gehören überwiegend zur gebildeten Mittelschicht, nicht zur Unterschicht. Wer die USA kennt, weiß, dass große religiös motivierte – auch evangelikale – Universitäten in den USA ganz vorne mitmischen.
Im übrigen bedient die Darstellung von Jacoby in einem Schulbuch viele irrige Klischees über die USA. Die ach so gebildeten Europäer sind den religiösen Amerikanern haushoch überlegen. Der Schüler, der die USA dann tatsächlich besucht, wird dort eine ganz andere Welt vorfinden.
Und hier die dazugehörige idea-Meldung vom 7.3.2010 und anschließend die Meldung aus PRO vom 28.6.2010 zum weiteren Verlauf, danach weitere Links zur Debatte:
Kritik an Darstellung Evangelikaler: Schulbuch wird überarbeitet
Berlin/Bonn (idea) – Weil zwei Lehrer die einseitige Darstellung Evangelikaler in einem geplanten Englischbuch kritisieren, will der Cornelsen-Verlag (Berlin) die umstrittene Passage überarbeiten. In dem noch nicht erschienenen Band „Context 21“ werden evangelikale Christen in den USA in ein negatives Licht gerückt.
Im Kapitel „Fundamentalismus in Amerika“ behauptet die Atheistin und Journalistin Susan Jacoby, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Kreationismus habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig beeinflusst und ist ein wichtiger Grund dafür, dass amerikanische Gymnasiasten weniger über die Wissenschaft wissen, als Gleichaltrige in Europa und Asien“. Der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz, Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn), sagte auf idea-Anfrage, Jacoby reduziere hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen. So führe sie zum Beispiel Kreationismus und Intelligent Design rein auf die Evangelikalen zurück. Laut Umfragen würden aber in den USA nicht nur 70 Prozent der Evangelikalen, sondern auch 30 Prozent der Katholiken die Evolutionstheorie ablehnen. „Das zeigt, dass die wirklichen Verläufe wesentlich komplizierter sind, denn es gibt Zig-Millionen von Evangelikalen, die die theistische Evolution vertreten, und Zig-Millionen von Nichtevangelikalen, die die Evolution ablehnen“, so Schirrmacher. „Aber wenn man einer Gruppe die Schuld an allen Miseren geben will, ist für solche Differenzierungen natürlich kein Platz.“ Die Aussage, dass amerikanische Gymnasiasten wegen des verbreiteten Kreationismus weniger über Wissenschaft wissen als Gymnasiasten in Europa und Asien, sei zudem „schlicht Unsinn“. Die Evangelikalen in den USA gehörten überwiegend zur gebildeten Mittelschicht, nicht zur Unterschicht. Wer die USA kenne, wisse, dass große religiös motivierte – auch evangelikale – Universitäten ganz vorne mitmischten.
Verlag räumt falsche Darstellung ein
Der Cornelsen-Verlag teilte auf idea-Anfrage mit, dass er derartige Hinweise sehr ernst nehme. „Wie jeder andere Text des Buches spiegelt der angesprochene Text die Sichtweise seines Verfassers, aber nicht notwendigerweise die Sicht der Redaktion wider“, hieß es. „Wir werden aber Aufgabenstellungen so überarbeiten oder ergänzen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Text stärker in den Fokus gerückt wird. Gleichzeitig müssen wir einräumen, dass die Definition von ,Intelligent Design‘ tatsächlich so verknappt ist, dass sie falsch ist. Wir werden sie überarbeiten.“ Ob der geplante Erscheinungstermin im Mai zu halten sein wird, sei unklar.
Kein Einzelfall
Es ist nicht das erste Mal, dass der Cornelsen-Verlag in die Kritik gerät. Ende vergangenen Jahres hatte die Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern sich kritisch zu einem Deutschbuch geäußert, in der die „Sage vom Doktor Faust“ behandelt wird. Zu den Aufgabenstellungen für die Fünftklässler gehörte unter anderem, eine Beschwörungsformel für den Teufel zu verfassen und zu überlegen, welche Verlockungen heute einen Teufelspakt rechtfertigen könnten. In einem anderen Englischbuch, das im vergangenen Jahr erschienen ist, wurden Evangelikale diskreditiert. So hieß es in einem Text: „Wir können über diese Menschen lachen, aber wir sollten sie nicht abweisen. Dass ihr Glaube schwachsinnig ist, bedeutet nicht, dass sie eine Randerscheinung sind.“
Ministerium verbietet anti-evangelikales Schulbuch
In einem Schulbuch für die Oberstufe dürfen evangelikale Christen nicht pauschal als weniger gebildet bezeichnet werden. Das entschied das bayerische Kultusministerium nach Protesten gegen das Buch „Context 21“ aus dem Schulbuchverlag Cornelsen.
Ein Englisch-Buch des Schulbuchverlages Cornelsen verstößt gegen die bayerische Verfassung, weil es keine Achtung vor religiösen Gefühlen anderer zeige, urteilte das bayerische Kultusministerium
Das Englisch-Lehrbuch „Context 21“ enthält ein Kapitel zum Thema „Fundamentalismus in Amerika“. Darin steht ein Text der amerikanischen Schriftstellerin Susan Jacoby, in dem sie behauptet, dass „ein unbestreitbarer, starker Zusammenhang zwischen religiösem Fundamentalismus und einer fehlenden Bildung“ bestehe. Der Glaube an die göttliche Schöpfung unserer Welt habe „die öffentliche Bildung in vielen Regionen des Landes nachhaltig (negativ) beeinflusst“, heißt es da. Dies sei ein Grund dafür, dass das Wissen amerikanischer Gymnasiasten geringer sei als das von gleichaltrigen Schülern in Europa und Asien.
Im März hatten sich zwei Lehrer über das Buch beschwert. Auch der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, warf Jacoby vor, in ihrem Text „hochkomplexe Zusammenhänge in einem stark religiösen Land wie den USA auf einfache Stereotypen zu reduzieren“. Danach hatte der Verlag angekündigt, den Text zu überarbeiten. Dies geschah allerdings nach Ansicht der Kritiker nur sehr unzureichend.
Wie die Evangelische Nachrichtenagentur „idea“ berichtet, entschied nun das Kultusministerium von Bayern, dass das Schulbuch des Berliner Cornelsen-Verlages nicht zugelassen werden könne, wenn es die umstrittenen, anti-evangelikalen Aussagen enthalte. Die Politiker erklärten, die Passage stimme nicht mit Artikel 131 der Bayerischen Verfassung überein. Darin heißt es unter „Ziele der Bildung“: „Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen (…)“.
Der Verband Evangelischer Bekenntnisschulen begrüßte laut „idea“ diese Entscheidung. Das angesprochene Kapitel stelle die Evangelikalen sehr einseitig dar, so Vorstandsmitglied Gerhard Ellermann. Der Cornelsen-Verlag wollte sich bislang nicht zu dem Vorgang äußern.
Nicht das erste anti-evangelikale Cornelsen-Buch
Es ist nicht das erste Mal, dass der Cornelsen-Verlag Texte in Schulbüchern abdruckt, die evangelikale Christen scharf angreifen. Das Englischbuch „Crossover“ (Band 2, 1. Auflage, ISBN 978-3-06-020483-0) aus dem Jahr 2009 hat ebenfalls „fundamentalistische Christen“ zum Thema gemacht und davor gewarnt, diese seien einem religiösen „Wahn“ verfallen, der auf der Bibel gründe. Es enthält einen Artikel der britischen Tageszeitung „The Guardian“, der überschrieben ist mit „Ihr Glaube ist übergeschnappt, aber sie sind das Herz der Macht“. Diese Christen wollten einen Krieg im Nahen Osten herbeiführen, weil dann der Messias wieder käme. Das Buch forderte die Schüler auf: „Wir können über diese Menschen lachen, aber wir sollten sie nicht abweisen. Dass ihr Glaube schwachsinnig ist, bedeutet nicht, dass sie eine Randerscheinung sind.“
Laut „idea“ brachte der Cornelsen-Verlag außerdem im vergangenen Jahr ein Deutschbuch heraus, in dem die Sage von Doktor Faust behandelt wird. Der Verein „Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ (KSBB) in Bayern habe das Buch kritisiert, weil darin die Aufgabe gestellt worden sei, eine Beschwörungsformel für den Teufel zu verfassen und zu überlegen, welche Verlockungen heute einen Teufelspakt rechtfertigen könnten.
Im Sommer 2008 brachte der „Verlag an der Ruhr“ aus Mülheim, der zur Cornelsen-Holding gehört, ein Buch für Schüler der Klassen 7 bis 13 zum Thema „christlicher Fundamentalismus“ heraus. Der damals 25-jährige Verfasser Stephan Sigg schreibt darin, es gebe kaum einen Unterschied zwischen muslimischen und christlichen Fundamentalisten. Während die Welt aus irgendwelchen Gründen jedoch den radikalen Islam zum „Sündenbock“ erkoren habe, gelte: „Christliche Fundamentalisten verbreiten nach wie vor ihren Glauben mit Gewalt.“ Auch in Deutschland versuchten diese christlichen Fundamentalisten ihre Herrschaft auszubreiten. Sie seien antimodern und fortschrittsfeindlich. „Ihre Aktionen können für eine Gesellschaft gefährlich werden“, heißt es in dem Schulbuch.
Quelle: pro-medienmagazin.de
Weitere Beiträge hier.
Atheistische Kritik an der Entscheidung des Landes Bayern („Zensur in der Schule: Bayern lässt anti-evangelikale Passagen in Schulbüchern streichen“) findet sich hier.
Dr. Reinhard Hempelmann schafft eine Grundlage für das Gespräch mit den Evangelikalen
Februar 2, 2010 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Frank Hinkelmann und Thomas Schirrmacher zu einem neuen Text der EZW
Dass die Evangelische Kirche fundiert, informiert, differenziert und fair über Evangelikale berichten kann, ohne Besorgniserregendes und Kritisches zu verschweigen, hat der Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in seinem Büchlein „Evangelikale Bewegungen: Beiträge zur Resonanz des konservativen Protestantismus“ (EZW-Texte 206, Berlin, 2010) soeben bewiesen.
Gratulation und herzlichen Dank, Dr. Hempelmann, können wir da als Evangelikale nur sagen. Evangelikale wie Nichtevangelikale in den Kirchen sollten diese Studie lesen und als Grundlage für intensivere Gespräche nutzen.
Ich (Thomas Schirrmacher) gebe zwar offen zu, dass ich in meinem soeben erschienen Buch ‚Fundamentalismus‘ einen anderen Fundamentalismusbegriff vorschlage, als ihn Hempelmann verwendet, der einen eher innerchristlichen Begriff verwendet und deswegen die Frage des Schriftverständnisses für die Definition von Fundamentalismus für zentral hält, während ich für alle Religionen und Weltanschauungen von einem ‚militanten Wahrheitsanspruch‘ als Fundamentalismus ausgehe, die Schriftfrage aber für zweitrangig halte (schon bei der katholischen Kirche geht es nicht um die Schrift als letzte Instanz, sondern um das päpstliche Lehramt und im Hinduismus und anderen Religionen gibt es gewalttätigen Fundamentalismus ohne Rückbezug auf irgendwelche Schriften).
Aber da Dr. Hempelmann deutlich macht, dass man mit einem sehr konservativen Schriftverständnis tolerant und demokratiefreundlich und ohne ein solches trotzdem unbelehrbar sein kann, können wir kann ich dennoch fast alles nachvollziehen, was er schreibt.
„Es gibt berechtigten Anlass, differenzierende Begriffsverwendungen anzumahnen.“ (29), schreibt Dr. Hempelmann, etwa nicht Fundamentalismus und Evangelikalismus gleichzusetzen. Auch bei einem fundamentalistischen Schriftverständnis mahnt er immer noch weitere Differenzierungen an, ob man sich „offen und anerkennend in einer größeren Gemeinschaft von Christinnen und Christen bewegt“ oder ob man andersdenkenden Christen einfach das Christsein abspricht (29).
Offen sieht Hempelmann den Fundamentalismus auch als Anfrage an die Kirche und die Kirchen, zeigt er doch „Defizite an gemeinschaftsbildender Kraft, ethischer Verbindlichkeit und religiöser Orientierung auf“ (35).
Sicher wird es im von Hempelmann gut dargestellten enorm breiten Spektrum der Evangelikalen, Charismatiker und Pfingstler auch solche geben, die weder das Gespräch mit anderen Evangelikalen, noch das mit der Evangelischen Kirche wünschen. Aber wer unter den Evangelikalen an dem Gebot Jesu zur Einheit der Christen festhält und wer davon überzeugt ist, dass wir nur gemeinsam unserem Volk die christliche Botschaft bezeugen können, wird die Anfragen selbstkritisch prüfen und die ausgestreckte Hand nicht ausschlagen, die angesichts des Drucks der Medien nicht selbstverständlich ist, sondern ihrerseits Mut erfordert.
Drs. Frank Hinkelmann, Vorsitzender der Österreichischen Evangelischen Allianz
Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, Sprecher für Menschenrechte der weltweiten Evangelischen Allianz
Link: http://www.ekd.de/ezw/Publikationen_2109.php
Fundamentalismus ist militanter Wahrheitsanspruch
November 21, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
In Kürze erscheint in der Reihe ‚kurz und bündig’ (Verlag: SCM Hänssler) mein Taschenbuch ‚Fundamentalismus’. Da erlaube ich mir im Vorfeld schon einmal als Religionssoziologe, meine Fundamentalismus-Definition in den Ring zu werfen. Man sollt nämlich meines Erachtens nur von Fundamentalismus sprechen, wenn Gewalt im Spiel ist oder eine echte Gefahr für die innere Sicherheit besteht.
Fundamentalismus wird seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in der Öffentlichkeit meist einfach als radikale, gewaltbereite, religiös motivierte Extremisten oder einfach gar als religiöse Terroristen verstanden. Was der Volksmund mit ‚Fundamentalismus’ meint, ist militanter Wahrheitsanspruch und genau das finde ich die kürzeste Definition.
Meines Erachtens gibt es nur zwei Möglichkeiten, den Begriff ‚Fundamentalismus’ für eine seriöse Anwendung zu retten: Entweder wird der Fundamentalismusbegriff näher an den alltäglichen Sprachgebrauch herangeführt und auf wirklich gewaltnahe Bewegungen bezogen. Oder aber die weite Verwendung auf allerlei Bewegungen ist gewünscht, dann muss der Begriff dringend entemotionalisiert werden und eine neutrale, nicht abwertende Bedeutung erlangen und dazu müsste es einen Großeinsatz von Fachleuten geben, die sich den Massenmedien entgegenstellen, derzeit eine Illusion.
Meines Erachtens sollten sich diejenigen, die die Öffentlichkeit vor fundamentalitischen Strömungen warnen, auf die Gruppen beschränken, die durch ihre prinzipielle Rechtfertigung von Gewalt oder durch Gewaltbereitschaft – oder gar durch angewandte Gewalt – gefährlich sind, oder von denen wenigstens die Gefahr ausgeht, dass sie auf undemokratische Weise politische Gewalt über Andersdenkende gewinnen wollen. Deswegen lautet meine Definition im in Kürze erscheinenden Buch:
Fundamentalismus ist ein militanter Wahrheitsanspruch, der aus nicht hinterfragbaren höheren Offenbarungen, Personen, Werten oder Ideologien einen Herrschaftsanspruch ableitet, der sich gegen Religionsfreiheit und Friedensgebot richtet und nichtsstaaliche oder nichtdemokratisch-staatliche Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele rechtfertigt, fordert oder anwendet. Dabei beruft er sich oft gegen bestimmte Errungenschaften der Moderne auf historische Größen und Zeiten, nutzt diese Errungenschaften aber zugleich zur Ausbreitung und schafft meist eine moderne Variante alter Religionen und Weltanschauungen. Fundamentalismus ist eine modernitätsbestimmte Transformation von Religion oder Weltanschauung.
Wer hat schon Angst vor evangelikalen Terroristen?
Oktober 21, 2009 by Schirrmacher · 7 Kommentare
Wider die bösartige Gleichsetzung von Evangelikalen und islamistischen Terroristen
Innerhalb von drei Tagen fand ich folgende wahllos herausgegriffenen Meldungen über Islamisten, die parallel in fast allen großen Medien Deutschlands veröffentlicht wurden:
In der pakistanischen Hauptstadt Islambad hat ein islamistischer Selbstmordattentäter durch einen Bombenanschlag auf das örtliche Hauptquartier des Welternährungsprogrammes vier UN-Angestellte getötet.
Islamisten haben einen Tag lang das Hauptquartier der pakistantischen Armee durch Beschuss und Geißenahme lahmgelegt. 30.000 pakistanische Soldaten versuchen nun, gegen Islamisten vorzugehen und die Schande wieder gut zu machen.
Ein einstündiges deutschsprachiges Video einer mit Al-Kaida verbundenen islamistischen Gruppe, in dem mehrere deutsche und deutschsprachige Islamisten Deutschland drohen, zeigt im Hintergrund Bilder aus den Terrorcamps, auf denen sich auffällig viele blonde oder europäisch wirkende Kinder befinden.
Im Jemen kämpft die Regierung einen verzweifelten Kampf gegen das islamistsiche Netzwerk Al-Kaida, dass Jemen zu seiner neuen Hauptzentrale ausbauen will. Obwohl sich hier die Zukunft des islamischen Terrorismus entscheiden könnte, fehlt Jemen die internationale Unterstützung.
In Hamburg wurde eine zehnköpfige islamistische Terrorzelle entdeckt, die im März zur Terrorausbildung in den Hindukusch gereist sind. In Deutschland sollen derzeit rund 80 ausgebildete islamistische Terroristen leben.
155 Beamte durchsuchen in Berlin Wohnungen in einem Schlag gegen eine Gruppe von 15 Islamisten, die im Verdacht stehen, Anschläge gegen Russland zu planen, und die sich absetzen wollten.
Ein Buch über Ehrenmorde im Droste Verlag erscheint in letzter Minute aus Angst vor Racheakten von Islamisten doch nicht.
Das waren nur drei Tage!
Und mit solchen Islamisten werden Evangelikale verglichen? Absurd! Haltlos! Böswillig!
Schon meine friedlichen muslimischen Nachbarn mit solchen Terroristen zu vergleichen, wäre eine Schande, aber friedliche, oft pazifistisch eingestellte Evangelikale?
Evangelikale dürfen mit ihren Zwangsgebühren ARD und ZDF bezahlen, damit die mit konspirativen Mitteln ‚beweisen‘ und propagieren, was nicht zu beweisen ist, dass Evangelikale eine Art christlicher Islamisten sind. Fakt ist: Es gibt keine evangelikalen Terroristen, keine Selbstmordattentäter und kein evangelikales Netzwerk, dass irgendeine Gewalt plant. Es gibt überhaupt keine Evangelikalen, die planen irgendetwas durch Tod und Gewalt durchzusetzen. Alles andere ist faktischer Unsinn und übelste Verleumdung.
Wo muss man evangelikale Gemeinden nach Waffen durchsuchen? Wo unterhalten Evangelikale Terrorcamps, überfallen Armeehauptquartiere und liefern sich Gefechte mit 30.000 Soldaten?
Wer hat schon Angst, in ein Urlaubsland zu fahren, weil dort Evangelikale wohnen? Wo sind die Evangelikalen, die andersdenkende Journalisten oder ihre Familien bedrohen? Warum kommt keine evangelikale Gruppe in irgendeinem Verfassungsschutz vor, weder in deutschland noch irgendwo weltweit?
Und dazu kommt: Trotz dieser pausenlosen Horrormeldungen über den Islamismus, werden wir – zu Recht – immer wieder daran erinnert, ja erinnern selbst immer wieder daran, dass man Islamisten und friedliche Muslime auseinander halten muss. Überlegen sie einmal, 1,8 Mio. Evangelikale in Deutschland wollten Freiheit mit Gewalt einschränken. Und davon hat noch keiner etwas mit bekommen, wo uns gleichzeitig einige Tausend Islamisten in Atem halten?
Denn im Falle der 400 Millionen Evangelikalen muss man dagegen wohl nicht zwischen Terroristen (wo immer die sein mögen) und Zigmillionen friedlichen Anhängern unterscheiden. Da reicht ein negatives Beispiel, über Zigmllionen in Sippenhaft zu nehmen! Selbst wenn es einen einzigen evangelikalen Terroristen geben sollte oder wenigstens einen, der davon träumt einer zu sein, müßte man in klar von den Zigmillionen friedlichen Evangelikalen unterscheiden.
Noch eine Frage an ARD und ZDF: Gehört nicht zur Religionsfreiheit auch, dass man vor Verfolgung durch staatliche und quasistaatliche Institutionen geschützt ist? Wissen unsere staatlichen Medien eigentlich, dass es keine Verfolgung von Minderheiten gibt, in denen nicht die Medien eine zentrale Rolle spielen und dass heute oft die Medien mehr als andere darüber entscheiden, welche Minderheit als Opfer und welche als aussätzig und selbst dran schuld gilt?
Erklärung zu den politischen Zielen der Evangelischen Allianz
Mai 23, 2009 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Der Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) hat das Ergebnis einer längeren redaktionellen erfreulichen Zusammenarbeit von Dr. Horst Afflerbach und Dr. Stephan Holthaus und mir nach vielen immer neu überarbeiteten und erweiterten Fassungen, die von vielen Entscheidungsträgern immer wieder durchgesehen wurden, nun verabschiedet und veröffentlicht als: „Sucht der Stadt Bestes“: Zur Verantwortung der Christen in Staat und Gesellschaft: Eine Stellungnahme der Deutschen Evangelischen Allianz. Der Text kann als Heft bei der Pressestelle der Allianz unter allianzhaus@ead.de bestellt oder als pdf direkt hier heruntergeladen werden.
Zur Veröffentlichung ließ die DEA verlauten:
Für christliche Grundwerte in unserem Staat:
Stellungnahme der Deutschen Evangelischen Allianz: ‚Sucht der Stadt Bestes’
Die Evangelische Allianz in Deutschland (DEA) hat in einer umfassenden Stellungnahme unter dem Titel „Sucht der Stadt Bestes“ erstmals ihre politischen Grundüberzeugungen im Zusammenhang veröffentlicht. Der Verband, dem sich nach Schätzungen ca. 1,4 Millionen Christen aus Landes- und Freikirchen zugehörig fühlen, will mit dem Dokument über die gesellschaftlichen Ziele der Bewegung informieren. „Manche aktuelle Kritik an den ‚Evangelikalen’ in den Medien, die einseitig einzelne Aspekte unseres gesellschaftlichen Engagements aus dem Zusammenhang reißen und damit falsch interpretieren, erfordern eine umfassendere Stellungnahme dessen, was uns wichtig ist“, betonte der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb …
Die DEA ist Teil einer weltweiten „evangelikalen Bewegung“, die rund 500 Millionen Christen umfasst. Mit der Stellungnahme „Sucht der Stadt Bestes“ reagiert die Evangelische Allianz zudem auf eine zunehmende Bereitschaft unter Christen, gesellschaftliche und politische Verantwortung zu übernehmen. „Die Allianz-Bewegung versteht sich grundsätzlich als konstruktiv-kritische Begleiterin aller Regierungen und Parteien, unabhängig davon, welchem politischen Spektrum sie angehören. Immer wieder wird es Situationen geben, in denen Überzeugungen von Regierungen im Kontrast zu Überzeugungen der christlichen Ethik stehen. Christen der Evangelischen Allianz sehen es als ihre politische Verantwortung an, in diesen Fällen respektvoll ihre Positionen ins Gespräch zu bringen“, so die Evangelische Allianz.
In der Stellungnahme wird der freiheitliche Verfassungsstaat der Bundesrepublik Deutschland ausdrücklich bejaht. Dabei lehnt die Evangelische Allianz Forderungen nach einem „christlichen Staat“ ab, betont die bewährte Trennung von Kirche und Staat, fordert aber auch die Parlamentarier und die Regierung auf, sich der christlichen Wurzeln der modernen Demokratie zu erinnern, sie zu fördern und sich davon leiten zu lassen. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme: „Die klare Unterscheidung zwischen dem geistlichen Auftrag der Kirche und dem weltlichen Auftrag des Staates ist elementar. Nach unseren Überzeugungen darf sich weder der Staat anmaßen, als totalitäre Ideologie alle Lebensbereiche seiner Bürger zu bestimmen, noch die Kirche, weltliche Herrschaft im säkularen Staat ausüben zu wollen.“
Zu den Grundüberzeugungen der Evangelischen Allianz gehören seit ihrer Gründung 1846 außerdem der Einsatz für weltweite Menschenrechte und Religionsfreiheit, auch für andere Religionen, für den Lebensschutz und die friedliche Beilegung von Konflikten. „Christen der Evangelischen Allianz sehen wie viele andere eine besondere Verantwortung für die Schwachen und Ausgegrenzten in der Gesellschaft. Sie wenden sich gegen jede Form von Rassismus und beugen sich unter die Schuld der Christenheit, in der Vergangenheit Rassismus gefördert, unterstützt oder geduldet zu haben. Jede Form von Sklaverei, auch in der modernen Form der Ausbeutung und des Menschenhandels, ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Hass gegen Minderheiten, Juden oder Ausländer widerspricht diametral der biblischen Ethik und ist Schuld vor Gott und den Menschen“, so die Evangelische Allianz …
In der Stellungnahme bekennt sich die Evangelische Allianz auch zu den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft. Sie fordert vom Staat eine nachhaltige Wirtschaftspolitik, eine an den wirklichen Bedürfnissen orientierte Entwicklungshilfe und verstärkte Anstrengungen gegen weltweite Armut. Mit der weltweiten „Micha-Initiative“ fördert die Evangelische Allianz bewusst die „Millenniums-Ziele“ der Vereinten Nationen. Hunderte von Sozialwerken im Rahmen der Allianz arbeiten heute schon an der Überwindung der sozialen Nöte im In- und Ausland. Die Stellungnahme der Evangelischen Allianz umfasst zudem Fragen des Umweltschutzes und der Außenpolitik.
Die vollständige Meldung findet sich hier.
taz und brightsblog schrumpfen mich zum Funktionär und brüskieren mit Zollitsch und Huber alle Christen in Deutschland
April 7, 2009 by admin · Schreiben Sie einen Kommentar
Die taz macht der Bundeszentrale für politische Bildung schwerwiegende Vorwürfe, weil diese in ‚Aus Politik und Zeitgeschichte‘, der Beilage der Bundestagszeitung ‚Das Parlament‘, einen Artikel von mir abgedruckt hat (Wolf Schmidt. „Wiedergutmachung für Hardliner“. taz.de 2.4.2009). Natürlich schrumpfe ich zum Evangelikalenfunktionär, dass es sich um einen seriösen, wissenschaftlichen Beitrag mit Verweis auf internationale Literatur handelt, wird gar nicht erst erwähnt.
Die Kritik der taz belegt meine Warnung, dass es in dem Buch „Mission Gottesreich“ und anderen anti-evangelikalen Veröffentlichungen von Journalisten eigentlich nicht gegen die Evangelikalen, sondern gegen die Christen überhaupt geht. Denn der Bundeszentrale wird das ganze Heft „Christen in der Demokratie“ vorgeworfen und kritisch auch vermerkt, dass sonst „normalerweise … Historiker, Politikwissenschaftler oder Journalisten“ schreiben, diesmal aber neben mir Robert Zollitsch, Vorsitzender der Bischofskonferenz, und Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der EKD, das ganze unter der Überschrift „Wiedergutmachung für Hardliner“. Also wirft es „ein ungünstiges Licht“ auf die Bundeszentrale, dass kirchliche Spitzenvertreter dort schreiben. Verschwiegen wird natürlich, dass praktisch alle Autoren ehemalige oder gegenwärtige Professoren und ausgewiesene Fachleute sind und dass auch früher schon nicht nur die genannten Berufsgruppen als Autoren zur Verfügung standen, sondern beispielsweise auch muslimische Autoren. Und warum sollten in einer Fachpublikation „Journalisten“ gefragt sein, Theologieprofessoren aber nicht?
Noch deutlicher werden weitere Reaktionen auf das Heft „Christen in der Demokratie“. Im brightsblog.wordpress.com stellt sich ‚nickpol‘ „Übelkeit“ ein, inbesondere wegen der Beiträge von Zollitsch, Huber und des katholischen Sozialethikers Prof. Bernhard Sutor. Von Bischof Huber wird ein Satz zitiert und dann gesagt: „Der Rest ist evangelikales Geschwafel“. Also da gilt Huber schon als evangelikal, weil er überhaupt irgendwelche Standpunkte vertritt, und gehört in staatlichen Publikationen verboten. Ich kann deswegen nur allen Christen empfehlen, gegen solche Angriffe zusammen zu stehen und sich nicht nach dem Motto derer aufspalten zu lassen, die den Schutzheiligen gegen Feuer anriefen: “Heiliger Sankt Florian, bewahr’ mein Haus, zünd’ andere an”.
Den Artikel „Demokratie und christliche Ethik“ finde Sie hier: www.bpb.de.
Als hätte es jemand kommen sehen: „Ethik der Evangelikalen“ in idea-Spektrum 13/2009
März 26, 2009 by admin · Schreiben Sie einen Kommentar
Im Rahmen einer Serie über die Evangelikalen in idea-Spektrum erschien soeben mein Beitrag zur Ethik der Evangelikalen in idea-Spektrum (S. 20-22) als Folge VII unter dem Titel „Vorkämpfer gegen Sklaverei und Unterdrückung“. Die Deutsche Evangelische Allianz hat den Beitrag freundlicherweise auf ihrer Webseite zur Verfügung gestellt.
Als ich diesen Artikel vor langer Zeit verfaßte und zusammen mit dem Koordinator der Serie, Dr. Stephan Holthaus vom Institut für Ethik und Werte (Gießen) redigierte und polierte, konnte ich noch nicht damit rechnen, dass er so aktuell werden würde. Jetzt, Monate später, nach der Mediendiskussion zwischen der Bundeszentrale für politische Bildung und der Deutschen Evangelischen Allianz und nach Erscheinen des Buches ‚Mission Gottesreich’ könnte es fast so aussehen, als sei der Artikel als Antwort auf den Vorwurf verfasst, Evangelikale seien eine Gefahr für die Gesellschaft. Der Artikel – durchaus selbstkritisch in Bezug auf die Unprofessionalität von Teilen der evangelikalen Ethik –, erinnert daran, dass die Evangelikalen in ihrer Geschichte im Kampf gegen Sklaverei, Rassismus und für Religionsfreiheit dereinst führen waren und eine positive Bilanz in punkto Unterstützung der Demokratie aufzuweisen haben.
Viele Evangelikale sind katholischer als die katholische Kirche
Mai 27, 2004 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar
Zu meinem Vortrag ‚Sola Gratia’ auf den ‚Internationalen Studientagen’ des Arche Studienzentrums in Hamburg unter dem Gesamtthema „Die ‚Sola’ der Reformation“ schrieb Thomas Josiger in einem Presseartikel:
Nach einer Darstellung der Gnadenlehre der katholischen Kirche, nach der der Gnade Gottes sowohl zeitlich als auch in ihrer Wirksamkeit der Vorrang zustehe und nur aufgrund dieser Gnade Gott die Verdienste des Menschen ermögliche und anerkenne, behauptete der Bonner Theologe Schirrmacher, dass bei vielen Evangelikalen das Tun des Menschen in der Lehre oder in der Praxis eine größere Rolle spiele, als in der katholischen Kirche.
Die Kernfrage zwischen Papst und Luther und zwischen katholisch und evangelisch sei aber nie gewesen, ob die Gnade oder die Werke zählen, sondern ob nur die Gnade zählt oder neben und unter der Gnade die Verdienste des Menschen oder die Sakramente eine Rolle spielen.
Schirrmacher wörtlich: „Wenn wir die Rechenmaschine anwerfen, sind wir so oder so verloren. Denn unsere Schuld wiegt immer viel schwerer als die wenigen guten Taten, die wir vielleicht getan haben. Gottes Gnade bedeutet, dass Gott die Rechenmaschine ungenutzt läßt.“ Genau das sei die Botschaft, die Paulus in Römer 4,4–8 am Beispiel Abrahams erläutere.


Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Sprecher für Menschenrechte der Weltweiten Evangelischen Allianz, die weltweit etwa 300 Mio. evangelische Christen vertritt und Direktor von deren 2006 gegründeten Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo).