Thomas Schirrmacher
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Leopold von Ranke über meinen Großvater Friedrich Wilhelm Schirrmacher

Februar 22, 2010 by Schirrmacher · Schreiben Sie einen Kommentar 

Mein Urgroßvater Friedrich Wilhelm Schirrmacher (1824–1904) gehörte zum engeren Schülerkreis Leopold von Rankes (1795–1886), promovierte bei Ranke [s. Wolfgang Weber. Biographisches Lexikon zur Geschichtswis­senschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Peter Lang: Frankfurt, 1984(1), 1987(2). S. 515 und Gunter Berg. Leopold von Ranke als akademischer Lehrer. Göttin­gen: Vandenhoeck & Ruprecht., 1968. S. 237] und wurde von diesem bis zu seiner Rostocker Professur 1866 gefördert  [in Friedrich Wilhelm Schirrmacher an Vize-Kanzler der Universität Ro­stock. Liegnitz, den 27.5.1866. 4 S., in meinem Besitz,  dankt er für seine berufung und inesbesondere S. 3 für die Förderung durch Ranke] – wobei in Rostock schon beide Vorgänger ab 1857 Rankeschüler gewesen waren – und galt dort als einer der produktivsten Anwender der Methode des Historismus Rankes, indem er viele Quellenbände edierte und daneben umfangreiche Biografien und eine Universalgeschichte (bes. Spaniens) verfasste.

Kurios erscheint heute, dass die DDR-Geschichtsschreibung meinen Urgroßvater zum Sozialisten umdeutete, obwohl er doch gerade die sozialgeschichtliche Methode ablehnte.

Hier ein Beispiel: Konrad Canis u. a. „1789–1917“. S. 85-153 in: Gerhard Heitz u. a. (Hg.). Ge schichte der Universität Ro stock 1419–1969. Bd. 1. Rostock 1969, S. 139-140, besser dagegen Helga Schultz, Gerhard Heitz, Karl-Friedrich Olechnowitz. „Die Entwicklung ge­schichtswissenschaftlicher Studien an der Universität Rostock seit Ende des 18. Jahrhun derts“. Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Rostock, Gesellschafts wissenschaftliche Reihe 20 (1970) 5: 355–375, S. 364–365.

Die Korrespondenz zwischen Ranke und Schirrmacher ist nicht erhalten [so auch Klüssendorf, s. unten]. Also verbleiben einige wenige Hinweise auf das, was Ranke über meinen Urgroßvater sagte:

Für Greifswald habe ich mein Fürwort bereits an Schirrmacher verpfändet, der eine Berück­sichtigung in hohem Grade verdient. Doch ich weiß nicht, ob man meinen Rat begehren wird, oder ob ich auch nur Gelegenheit finden werde, einen solchen auszusprechen.

Ranke an Heinrich von Sybel vom 14.3.1864: Leopold von Ranke. Neue Briefe. Hoffmann und Campe: Hamburg, 1949. S. 432

Dann verdient Schirrmacher Anerkennung, da er den großen Stoff, den die Gesellschaft im Auge hatte, wirklich umfaßt hat. Der Gegensatz gegen Höfler hat gemacht, daß das apologetische Moment dann und wann etwas zu stark hervortritt; ich habe Stellen gefunden, in denen ich die Texte anders auslegen möchte, als er; aber im allgemeinen ist es doch sehr wohl studiert. Eine Anerkennung von Ihrer Seite wird ihn anfeuern und vielleicht selbst in den Stand setzen, die all­gemeine Darstellung der Zustände und Tendenzen der Epoche zu unternehmen, von der ich viel erwarte.

Ranke 22.3.1865 an Georg Waitz, zitiert nach Leopold von Ranke. Zur eigenen Lebensgeschichte. hg. von Alfred Dove. Sämmtli­che Werke Bd. 53/54. Duncker & Humblot: Leipzig 1890. S. 437 (S. 541 nur Erwähnung Schirrmachers)

Bei einem Gespräch, das wir neulich mit Herrn Professor Ranke zu führen die Ehre hatten, lobte dieser Meister der Geschichtsschreibung das Schirrmachersche Werk und erklärte, daß der zweite Band im Vergleich mit dem ersten auch für einen guten Fortschritt zeuge.

Cf. „Zur Deutschen Geschichte: Kaiser Friedrich der Zweite …“. Bei­lage Nr. 16 der Neuen Preußi­schen (Kreuz-) Zei­tung (Berlin) vom 19.1.1862, S. 1 (Titelblatt)

Vergleich dazu auch:

Dem Verfasser selbst aber möchten wir gönnen, daß sein ei­gener Wunsch bald erfüllt würde, die unge­störte Fortsetzung der mit so rühmlichem Erfolg betriebenen historischen Studien und den zur weitern For­schung anregenden Reiz persönlicher Nähe von empfängli­chen Zuhörern ge­statten, zu denen auch Niebrechts Aus­druck gesagt werden kann: ‚Ihr seid meine Schwingen‘. Da Ranke und Giesebrecht von Gymnasiallehrern gleichfalls zu einer er­folgreichen Thätigkeit als Professoren an der Universität em­porstiegen, so hoffen wir, daß Hr. Schirrmacher bei dem Erschei­nen des dritten Bandes der Erfüllung seiner Wünsche be­reits nä­her ge­rückt sei, wenn möglich, sie schon erreicht haben werde.

Ebd.

Er [Wilhelm Maurenbrecher] gehörte zu dem jüngeren Kreise der Schüler und Jünger, die, wie Arnold, Dove und Dümmler, Oelsner, von Noorden und Pauli, Arnold Schäfer, Schirrmacher und Steindorff, Warrenbach, Weizsäcker, Winkelmann und Winter in Ranke ihren Lehrer und Meister verehrten.

Leopold von Ranke. Neue Briefe. Hoffmann und Campe: Hamburg, 1949. S. 423, Anm. 423, Anmerkung der Herausgeber

I im Sommer-Semester 1845 …
4. Die Geschichte der neuesten Zeit ” ” ” Ranke, sehr fleißig

Mir im Original vorliegende „Auflistung der Vorlesungen von Friedrich Wilhelm Schirrmacher in Berlin 1845/46“ (alles in deutscher Schrift außer den hier kursiv wiedergegebenen Namen, die im Original in lateinischer Schrift ge­schrieben wurden).

Weitere Zitate zum Verhältnis von Schirrmacher und Ranke:

Darauf studierte er in Berlin vornehmlich Geschichte. Ranke trat ihm dort von Anfang an näher, und S. gehörte immer zu seinen auserwählten Schülern und Freunden. Außer Ranke hörte er die Historiker Sieg­fried Hirsch, Adolf Schmidt, Gneist und Gelzer, sowie die Philoso­phen Trendelenburg und Werder. … Mit S. ist ei­ner der letzten Schüler und Freunde Rankes dahinge­gangen, der auch vollständig an der Geschichtsauffassung seines verehrten Mei­sters festhielt.

A. Vorberg. „Schirrmacher, Friedrich Wilhelm“. S. 76–78 in: Anton Bettel­heim (Hg.). Biographi­sches Jahrbuch und Deutscher Nekro­log. Bd. 9 (zu 1904). Georg Reimer: Berlin, 1906

Wie andere namhafte Historiker seiner Zeit, darun­ter sein Lehrer, der 1865 geadelte Leopold v. Ranke, wurde Schirrmacher aus dem höheren Schuldienst auf einen Lehrstuhl berufen: an die Universität Rostock. Dort hatten zu der Zeit schon zwei Ranke-Schüler nacheinander die Professur innegehabt. Die innere Ver­bindung zu Ranke und seiner Schule stand in Schirrmachers jungen Jahren hinter der zu seinem Mentor Theodor Hirsch und dem 1860 verstorbenen Siegfried Hirsch zurück. Ranke hatte sich 1864 für Schirrmacher eingesetzt, als eine Professur in Greifswald zur Besetzung anstand. Die Ver­ehrung, die Schirrmacher Leopold v. Ranke als dem damals prominentesten Historiker entge­genbrachte, und wohl auch der Kontakt zu anderen Vertretern von dessen Schule, etwa Fried­rich Wilhelm v. Giesebrecht (1814–1889), wurden mit fortschreitenden Jahren zusehends stär­ker. Im Nachlaß von Ranke sind freilich keine Korrespondenzen mit Schirrmacher er­halten. …

Der Buch­bestand, der in einem normalen Hörsaal, nicht in einem gesonderten Seminarraum, aufge­stellt war (für Schirrma­cher in seiner Spätphase bezeichnend: unter einer Büste v. Rankes, vielleicht der, die ihm seine Schüler zum 80. Geburtstag schenkten) …

Niklot Klüßendorf. „Schirrmacher, Friedrich Wilhelm“. S. 232–237 in: Sabine Pettke (Hg.). Biographisches Lexikon für Mecklenburg. Bd. 2. Veröffentlichungen der Historischen Kom­mission für Mecklenburg, Reihe A. Schmidt Römhild: Rostock, 1999

Mit Friedrich Schirrmacher ist einer der letzten Freunde und Schüler Leopold von Rankes dahingegangen. Als Student in Berlin hatte er zu jenem engeren Kreise gehört, den Ranke um sich versammelt hatte, und sicher war er eins der treuesten Glieder dieses Kreises. ‚Wir wa­ren wie eine Familie‘, sagte er noch letzthin, ‚aufs engste miteinander verbunden.‘ Sein Auge leuchtete, wenn man zu ihm von Ranke sprach, und freudige, lebenswarme Erinnerungen an jene Zeit belebten, besonders bei festlichen Anlässen, den Vortrag in seinem historischen Se­minar. Gern wandte er dann den Blick auf die treffliche Büste seines Lehrers, die treue Schü­ler ihm zur Freude und dem schmucklosen Raum zur Zierde gestiftet hatten. …

So ist er auch in seiner Wissenschaft zeitlebens der Rankeschen Geschichtsauffassung un­wandelbar treu geblieben. ‚Zu sagen, wie es wirklich gewesen ist‘, darin sah er mit Ranke die Aufgabe des Historikers in Wort und Schrift, häufig hörte man ihn bei geschichtlichen Erörte­rungen sagen: ‚Man muß die Dinge nehmen, wie sie sind, das ist es!‘ und dann folgte ge­wöhnlich in kurzen, fast aphoristischen Sätzen eine so markante Darstellung der Sachlage, eine so charakteristische Schilderung der Persön­lichkeiten, daß der Hörer die Wirklichkeit der Vorzeit greifbar vor Augen hatte. Die moderne Auffassung, die aus dem sozialen Milieu die Geschichte sich entwickeln läßt, lehnte er mit Entschiedenheit ab und hob die Bedeutung der Persönlichkeit für die historische Entwicklung der Weltbegebenheiten mit allem Nachdruck hervor, wie er denn auch in seiner literari­schen Tätigkeit sich mit Vorliebe und Geschick der Darstellung großer Persönlichkeiten gewidmet hat.

Ernst Schäfer. „Friedrich Schirrmacher“. Historische Vierteljahrs­schrift 8 (1904) 3: 454–457

Und hier noch zur Ergänzung zu Rankes Methode: „Ranke ist einer der Gründerväter der modernen Geschichtswissenschaft. Nach den preußischen Reformen (um 1810) und der Gründung der ersten Berliner Universität unter Wilhelm von Humboldt hatte sich das Wissenschaftskonzept des Historismus durchgesetzt. Der Historismus unterschied sich durch einen systematischen und quellenkritischen Ansatz von der bisherigen vornehmlich philosophischen Geschichtsbetrachtung. Aufgrund dieses Ansatzes lieferte Ranke eine Methodik, die die alte erzählende Geschichte mit den neuen wissenschaftlichen Grundlagen (mit einer zunehmenden Professionalisierung durch das Geschichtsstudium) verbindet. Der Historiker hat demzufolge die Aufgabe, aufzuzeigen, „wie es eigentlich gewesen“ ist. Ranke geht es um möglichst große Objektivität bei der Wiedergabe der Geschichte. Dieser Wesenszug seiner Geschichtsschreibung führt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der deutschen Geschichtswissenschaft zur Ausprägung sog. ‚Neorankeaner‘.“ (aus Wikipedia 20.1.2010 http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_von_Ranke)

Das Glaubensbekenntnis meines Ururgroßvaters

Februar 17, 2010 by Schirrmacher · 2 Kommentare 

Meine Vorfahren waren reformierte Hugenotten, die aus Salzburg nach Preußen kamen und sich schließlich in Danzig und Königsberg niederließen. Mein Ururgroßvater Carl Friedrich Schirrmacher (1790–1855), Erster Oberlehrer (Direktor) der Petrischule in Danzig, hinterließ folgendes handschriftliche Glaubensbekenntnis, das auch das meine ist:

Mein Glaubensbekenntnis
Die evangelische Kirche protestirt von Anfang an und muß fortwäh­rend protestiren; aber einmal von einer posi­tiven Grundlage aus, näm­lich dem unbedingten Glauben an die freie Gnade Gottes in Christo wie sie nämlich in den Schriften des Paulus, Petrus und Johannes als absolute Form für alle Zeiten geoffenbart ist, und zweitens sie prote­stiert auf rein
religiösem Gebiet nur gegen dasjenige, was deren Glau­bensgrund in ir­gend einer Weise alteriert.
Carl Friedrich Schirrmacher
geboren den 14. Septb 1790
in Königsberg in Preussen

[Handschriftliche Eintragung von Carl Friedrich Schirrmacher auf der ersten Seite des Vorsatzblattes eines Exemplares Das Va­ter Unser: Ein Erbau­ungsbuch für jeden Christen. Mit einer Abhand­lung über den Inhalt und Gebrauch des Vater Un­sers, von dem Vi­cepräsidenten und Oberhofpredi­ger Christoph Friedrich von Am­mon D. Ch. G. Kayser’schen Buchhand­lung F. Beyer: Leipzig, 1839 (in meinem Besitz)]

Sein Sohn und mein Urgoßvater, Friedrich Wilhelm Schirrmacher (1824–1904) hinterließ im Danziger reformierten Gesangbuch folgende Zeilen, die ich mir auch zu eigen machen möchte:

Eins nur wünsch ich mir hienieden,
Jesu, Deinen Geist und Frieden,
Und von den Ruhm an meinem Grabe,
daß ich Dich geliebet habe.
Friedrich Wilhelm Schirrmacher

[Handschriftliche Eintragung in einem Gesangbuch (Kirchen Ge­sang-Buch Der Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Dantzig. Thom. Joh. Schrei­ber: Dantzig, 1745) in meinem Besitz. Die erste Eintragung in das Gesangbuch stammt vom 14.9.1777 von A. V. E. (vermutlich kein Vor­fahre der Familie Schirrmacher). Am 14.9.1854 widmete „Carl Friedrich Schirrma­cher” das Buch seinem Sohn Friedrich Wilhelm, der undatiert die zitierte Widmung schrieb. Das Buch gelangte wohl über dessen Sohn Leo Schirrma­cher zu dessen Sohn Klaus Leo Schirrmacher, der es am 16.3.1968 zum Geburtstag „meinem lieben Bruder Bernd Schirrmacher“ ver­machte. Dieser – mein Vater – vermachte mir das Buch mit Wid­mung von „Weihnachten 1989“. (Vgl. zu diesem Gesangbuch Franz Kessler. Danzinger Gesangbücher 1586–1793. Einzelschriften der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung 15. Institut Nordostdeutsches Kulturwerk: Lü­neburg, 1998. S. 65–70 unser Gesangbuch; sowie S. 3–7 zur Reformation und S. 6–7 zu den Reformierten in Danzig.)]

Ich habe zwei Bücher meines Großvaters neu herausgegeben und beide mit einer gleichlautenden Biografie eingeleitet, die in ähnlicher Form auch im Biografisch-Bibliografischen Kirchenlexikon erschienen ist:

„Über den Verfasser“. S. 5–28 in: Friedrich Wilhelm Schirrmacher. Briefe und Akten zum Marburger Religionsgespräch (1529) und zum Augsburger Reichstag (1530). Geschichte – Kirchengeschichte – Reformation 21. Bonn: VKW, 2003

„Friedrich Wilhelm Schirrmacher“. S. 5–23 in: Friedrich Wilhelm Schirrmacher. Die Entstehung des Kurfürstenkollegiums. Geschichte – Kirchengeschichte – Reformation 22. Bonn: VKW, 2003

„Friedrich Wilhelm Schirrmacher (1825–1904)“. S. 142–151 in: Thomas Schirrmacher, Klaus Schirrmacher, Ingrid von Tor­klus (Hg.). Baumeister bleibt der Herr: Fest­gabe zum 80. Geburtstag von Prof. Bernd Schirrmacher. VKW: Bonn, 2001

„Schirrmacher, Friedrich Wilhelm“. 1226–1235 in: Friedrich Wilhelm Bautz, Traugott Bautz (Hg.). Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Bautz: Herzberg ab Bd. I, 1975, hier Bd. XIX, 2001

Meine Artikel im Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon

Nur wenige wissen, dass ich zu drei Personen, mit denen ich mich inhaltlich wie historisch intensiv beschäftigt habe, jeweils Artikel im Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon verfasst habe und diese im Internet zur Verfügung stehen, ein für ein Großlexikon seltenes und rühmliches Vorgehen! Es handelt sich um den Wiener reformierten Systematiker Eduard Böhl (1836-1903), dessen Dogmatik ich neu herausgegeben habe, um Hans Naumann (1886-1951), Germanist und Volkskundler in Bonn und Rektor der Universität Bonn während der Karl-Barth-Affäre im Dritten Reich, über den meine zweite Dissertation ging, und um meinen Urgroßvater Friedrich Wilhelm Schirrmacher (1824-1904), Geschichtsprofessor in Rostock.

Eigentlich hätte ich längst Ähnliches für Theodor Christlieb (1833–1889) (Thema meiner ersten Dissertation) tun müssen, aber der Artikel ist über die Rohfassung nie hinausgekommen und inzwischen hat Karl-Heinz Vogt eine gute Biografie mit vollständiger Bibliografie Christliebs im BBKL fertiggestellt: www.bautz.de

Thomas Schirrmacher