60. Gesamtkonferenz der katholischen Militärgeistlichen zum Thema „Gewalt in den Religionen“

Thomas Schirrmacher, Christine Schirrmacher und Lothar Bendel (Leitender Wissenschaftlicher Direktor im Kirchendienst) (v. l. n. r.) in der Diskussionrunde zum Aspekt Fundamentalismus in den Weltreligionen.

Thomas Schirrmacher, Christine Schirrmacher und Lothar Bendel (Leitender Wissenschaftlicher Direktor im Kirchendienst) (v. l. n. r.) in der Diskussionrunde zum Aspekt Fundamentalismus in den Weltreligionen.

(Berlin, 24.10.2015) Unter dem Titel „Gewalt in den Religionen“ fand die diesjährige Gesamtkonferenz der katholischen Militärgeistlichen und Pastoralreferenten vom 19. bis 22. Oktober 2015 in Berlin-Steglitz statt. Als Experten für Islam und Islamismus sowie Menschenrechte und Religionsfreiheit referierten Prof. Dr. Christine Schirrmacher und Prof. Dr. Thomas Schirrmacher vor den etwa 100 Vertretern aus Staat, Streitkräften, Kirchen und Laienorganisationen aus dem In- und Ausland.

Angesichts der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten, die sich bis nach Europa auswirken, widmete sich Christine Schirrmacher, Professorin für Islamwissenschaft an der Universität Bonn, der Frage nach der Anziehungskraft des „Islamischen Staates (IS)“. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Stagnation, koloniale Dominanz durch europäische Mächte sowie nicht vorhandene politische und wirtschaftliche Teilhabe unter den autokratischen Herrschern seit der Dekolonialisierung hätten den Nährboden für religiösen Extremismus in Teilen der islamischen Welt bereitet. „In einem Zustand von Identitätskrise und Chancenlosigkeit“, so Schirrmacher, „versprechen die Forderungen des Islamismus sowie der noch immer für viele Muslime attraktive Kalifatsgedanke eine utopisch heile Welt“.

Christine Schirrmacher während ihres Vortrags zum Thema „Der Islam und der ,Islamische Staat (IS)': Ursachen der Radikalisierung.“

Christine Schirrmacher während ihres Vortrags zum Thema „Der Islam und der ,Islamische Staat (IS)’: Ursachen der Radikalisierung.“

Daran anknüpfend betonte Thomas Schirrmacher, Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit und Präsident der International Society of Human Rights, dass neben dem islamischen Fundamentalismus besonders das Phänomen des religiösen Nationalismus ein friedliches Zusammenleben der Religionen weltweit bedrohe. Im Zuge wachsender gesellschaftlicher Heterogenität begännen manche Staaten, ihre nationale Identität über die Mehrheitsreligion zu definieren.

Als Beispiel führte Schirrmacher Indien an, dessen Ministerpräsident offen die Ansicht vertritt, dass nur ein Hindu wahrer Inder sein könne. Eine Haltung, die Christen und Muslime im Lande zunehmend beunruhigt. Daneben nannte Schirrmacher Sri Lanka, das von radikalen Buddhisten regiert wird, die die Insel als Buddhas exklusiven heiligen Boden beanspruchen.

Thomas Schirrmacher im Austausch mit Dr. Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen und katholischer Militärbischof

Thomas Schirrmacher im Austausch mit Dr. Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen und katholischer Militärbischof

„Sowohl der Staat durch sein Gewaltmonopol als auch die Kirchen durch ihre Theologie müssen aktiv zur Gewaltprävention beitragen“, so der Religionssoziologe. Nachdem es in der Geschichte des Christentums Kreuzzüge, Religionskriege und bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein verschiedene Formen eines teils radikalen Fundamentalismus gegeben habe, so hätten die christlichen Kirchen in den vergangenen Jahrzehnten einen friedlicheren und toleranteren Weg eingeschlagen. Zwar gäbe es auch heute Fälle, in denen Nicht-Christen durch Christen bedrängt oder gar verfolgt würden, doch im Unterschied zu den anderen Weltreligionen verfüge das Christentum über keine zu Hass und Gewalt aufrufenden Theologen, auf die sich gewaltbereite Christen berufen könnten.

Während der Veranstaltung

Während der Veranstaltung

Für den Islam attestierte Christine Schirrmacher, dass es noch immer einflussreiche theologische Denkschulen gäbe, die den Einsatz von Gewalt als legitimes Mittel betrachten, etwa im Umgang mit Frauen, Apostaten, „Götzendienern“ und anderen Gruppen. Die Hoffnungen auf einen diesbezüglichen Wandel lägen auf den Vertretern eines freiheitlichen Islamverständnisses, welches mit den universellen Menschenrechten sowie den Werten und Normen des Grundgesetzes durchaus kompatibel sein kann. Dazu gehöre jedoch die Bereitschaft, Abstriche an der immerwährenden Vorbildhaftigkeit Muhammads und der Scharia zu machen sowie Koranverse im historischen Kontext zu betrachten. Die abschließende Frage, ob der Islam mit Demokratie, Menschen- und Freiheitsrechten kompatibel sei, beantwortete die Bonner Islamwissenschaftlerin wie folgt: „Ja, wenn der Islam als Religion und nur als Religion gelebt wird – nein, wenn der Islam als politisches Programm dient.“

(Martin Warnecke)

 

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