Von Nicolai Franz, pro-medienmagazin.de

Ein Deutscher wird künftig als Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz 600 Millionen Christen repräsentieren: Thomas Schirrmacher. Schon seit Jahrzehnten mischt er auf der großen Bühne der Politik und Religionen mit.

Wer Thomas Schirrmacher in knappen Worten beschreiben will, kann dabei nur scheitern. Er ist Theologe, Religionssoziologe, Kulturanthropologe, Autor, Menschenrechtsexperte, Bischof. Er schrieb mehr als 100 Bücher, vier Doktorarbeiten und eine siebenbändige Ethik, war Rektor des Martin-Bucer-Seminars. Schon das würde reichen, um ein besonders engagiertes Akademikerleben bis weit in den Ruhestand auszufüllen. Doch das ist nur die eine Seite des 60-Jährigen. Er war Pastor, leitete mehrere Menschenrechtsorganisationen, kämpft gegen Menschenhandel, gibt seit 20 Jahren das „Jahrbuch Christenverfolgung“ heraus, trifft sich mit den Mächtigen der Weltreligionen und Politik, war als Sachverständiger für den Bundestag tätig. Keine Frage: Schirrmacher ist ein Multitalent, ein so außergewöhnliches, dass es keinen Beobachter gewundert haben kann, dass er 2020 zum Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) gewählt wurde. Ab März vertritt er damit 600 Millionen Evangelikale.

pro trifft Thomas Schirrmacher im Januar. Für das Foto schlüpft er in sein Bischofshemd, das wuchtige Kreuz darf natürlich nicht fehlen. Als Bischof ist er seit 2016 innerhalb der anglikanischen Kirche für die „communio messianica“ zuständig, die aus zum Christentum konvertierten Muslimen besteht. Das riesige Büro mit tausenden Büchern teilt er sich mit seiner Frau Christine, einer angesehenen Islamwissenschaftlerin.

Als WEA-Generalsekretär wird Schirrmacher vor allem Netzwerk-Arbeit und Diplomatie leisten – Bereiche, in denen er kampferprobt ist. Schon in seinen bisherigen Funktionen, unter anderem als stellvertretender Generalsekretär, war er für die WEA im globalen Dauereinsatz. Häufig, um Brände zu löschen, gerade wenn es um Religionsfreiheit ging. 2020 vermittelte er zwischen Kirchen, Muslimen und Politik in Gambia, um die Einführung einer von der Scharia geprägten Verfassung zu verhindern. 2017 traf er den Großmufti von Lahore und sprach mit ihm über die umstrittenen Blasphemiegesetze Pakistans, im selben Jahr warb er in einer Rede in Baku vor einer großen Menge muslimischer Geistlicher, christliche Minderheiten zu schützen. „Ich bin Krisenmanager weil ich Krisen hasse.“

Und auch dort, wo es friedlich zugeht, weiß Schirrmacher zu netzwerken. Beim Kirchentag in Berlin 2017 tauchte er in Fliege auf dem Empfang des Evangelischen Arbeitskreises der CDU auf, auf dem auch Angela Merkel sprach. Dort übernahm er eine weitere seiner tausend Rollen: Platzanweiser. „Ich wusste, welche internationalen Kirchengäste kommen würden, die keine Sitzplatzreservierung hatten. Der Erzbischof von Canterbury war angemeldet, da wäre es seltsam gewesen, wenn er hätte stehen müssen.“ Nach der Veranstaltung schaffte Schirrmacher es noch, den – evangelikalen – das Oberhaupt der Kirche von England zur Kanzlerin durchzuschleusen, die sich daraufhin länger mit ihm unterhielt. „Die EKD hatte daran kein Interesse.“

Billy Graham saß beim jungen Schirrmacher am Mittagstisch

Typisch Schirrmacher. Anders als Amtsträger der Großkirchen verfügt er nicht über einen großen Apparat an Stabsmitarbeitern, Pressesprechern und Infrastruktur, das meiste macht er in Eigenregie, zusammen mit einer Handvoll Mitarbeitern in Bonn. Pressemitteilungen, Newsletter, Buchveröffentlichungen: Schirrmacher ist nie verlegen, das, was er bewirkt hat, auch gleich medial zu kommunizieren. Schwingen da nicht auch Eitelkeiten mit? Sein Vater Bernd, Nachrichtentechniker an der Universität Gießen, lehrte ihn, keine allzu große Ehrfurcht vor Autoritäten zu haben. Wer weiß, wie die an ihre Titel gekommen sind, habe er immer gesagt. Als die Mutter beim Vater einmal eine Taschengelderhöhung für Thomas vorschlug, sagte Bernd Schirrmacher beiläufig, das passe ja ganz gut zu den Familienfinanzen, schließlich sei er seit ein paar Monaten Professor. „Meine Mutter fiel aus allen Wolken, sie hatte das gar nicht gewusst.“ Bernd Schirrmacher hatte eine christliche Schule in Gießen gegründet und ein Missionswerk geleitet. Für den Sohn war es normal, schon als Kind mit Berühmtheiten zu tun zu haben. Prominente wie der Evangelist Billy Graham saßen bei den Schirrmachers genauso am Esstisch wie andere Geistliche aus aller Welt.

Als er mit Anfang 20 Pastor einer landeskirchlichen Gemeinschaft in der damaligen Hauptstadt Bonn wurde, traf er dort im Ältestenkreis auf einen Ex-General und einen ehemaligen Minister, „lauter so hohe Tiere“ seien in der Gemeinde gewesen. Vorher seien drei Pastoren verschlissen worden, habe die Gemeinschaftsleitung gesagt, aber ihm, Schirrmacher, sei es doch egal, wer ihm gegenüber sitzt. Das stimmt wohl.

Auch aufgrund dieser wagemutigen Wuseligkeit verkörpert er die weltweite Allianz wie kaum ein anderer. Zwar repräsentiert die WEA zahlenmäßig nach der katholischen Kirche die zweitgrößte Bewegung der Christenheit, sie ist aber kein Kirchenbund, sondern ein loses Netzwerk mit hoher Autonomie der Ortsgemeinden und kaum hierarchischen Strukturen. Jeder, der evangelikale Grundüberzeugungen teilt, ist willkommen. Schwarmtranszendenz statt Kircheneminenz.

Die größte Debattengemeinschaft der Welt

„Die Evangelikalen sind auf der einen Seite unglaublich dogmatisch und auf der anderen unglaublich undogmatisch“, sagt Schirrmacher. Manche Denominationen würden Frauen ordinieren, andere nicht. Allgemein akzeptiert sei aber, dass diese Frage nicht heilsentscheidend sei. „Eine Kirche, die gegen Frauenordination ist, akzeptiert in der Gebetswoche eine Kirche, die mit einer Frau auftaucht. Das machen wir seit 1846 so, als die Heilsarmee schon mit dabei war, die Ehepaare ordinierte.“ Dasselbe gelte im Umgang mit der Bibel: „Wir sind dogmatisch, indem wir der Bibel Verfassungsrang geben.“ Andererseits würden die Evangelikalen jeden Christen in die Pflicht nehmen: „Im Allianzbekenntnis von 1846 steht: Die Bibel ist die oberste Richtschnur in allen Fragen des Glaubens und Lebens der Kirche. Jeder Gläubige ist verpflichtet, die Heilige Schrift selbst zu lesen und zu beurteilen.“ Außenstehende hätten Schwierigkeiten, die Evangelikalen in diesem Punkt zu verstehen: „Wir haben auf der einen Seite ein klares Fundament, sind aber andererseits die größte theologische Debattengemeinschaft der Welt. Wenn Theologie nicht im Hauskreis ankommt, ist sie nichts wert.“ Er selbst vertritt konservative evangelikale Positionen, etwa die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Schrift. Das hält ihn jedoch nicht vom interreligiösen Dialog oder von sozialen Anliegen ab, im Gegenteil. Dass es in der Allianz ein breites Spektrum an Meinungen gibt, ob über Sexualität oder Politik, Taufe oder Frömmigkeit, ist für ihn kein Problem. Ihm kommt es auf den Kern an: „Die DNA des Christentums ist das Evangelium, und das dreht sich um Jesus und eine persönliche Beziehung zu ihm. Und woher wissen wir das? Aus der Bibel. Das ist evangelikal.“ Mit Papst Franziskus ist Schirrmacher schon länger befreundet, mehr als 30 Mal hat er ihn getroffen. Theologisch sieht er im Papst einen Verbündeten, mehr noch als in manchem liberalen Protestanten.

Und doch erfordert gerade die Ökumene diplomatisches Fingerspitzengefühl. Regalmeter an Büchern hat Schirrmacher geschrieben, doch sein eigentliches Opus Magnum ist nur fünf Seiten lang: „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“, die erste gemeinsame Erklärung des Vatikans, des Ökumenischen Rats der Kirchen und der WEA. Schirrmacher plaudert aus dem Nähkästchen, das Gespräch in seinem Bonner Büro dauert zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Stunden. Fünf Jahre lang hatten die Verantwortlichen um Formulierungen gerungen. Bibelstellen als Belege waren aus Rücksicht auf andere Religionen nicht vorgesehen. Als das Papier 2011 in Bangkok zur Abstimmung durch die drei beteiligten Gremien stand, gab es laut Schirrmacher Rückfragen: Warum keine Bibelstellen enthalten seien und ob man nicht eine Präambel brauche. Auf beides war Schirrmacher vorbereitet, denn die Kommission hatte schon entsprechende Entwürfe vorbereitet – aber verworfen. Nach einer Sitzungsunterbrechung legte die Kommission den überarbeiteten Entwurf vor: Gespickt mit Bibelstellen und mit einer Präambel, die evangelikaler kaum sein könnte. Die ersten Worte: „Mission gehört zutiefst zum Wesen der Kirche. Darum ist es für jeden Christen unverzichtbar, Gottes Wort zu verkünden und seinen Glauben in der Welt zu bezeugen. Es ist jedoch wichtig, dass dies im Einklang mit den Prinzipien des Evangeliums geschieht, in uneingeschränktem Respekt vor und Liebe zu allen Menschen.“ Die Erklärung wurde angenommen, sogar alle Gliedkirchen der EKD haben sie ratifiziert, die sonst nicht für besonderen Missionseifer bekannt sind. Eine strategische Meisterleistung – und ein Pluspunkt bei seiner Berufung zum WEA-Chef.

Als solcher wird er noch stärker auf der Weltbühne für die Evangelikalen sprechen. Die meisten seiner übrigen Ämter gibt er ab. Doch schon jetzt gibt es wenige, die wie er fast nebenbei Sätze sagen wie: „Manchmal treffe ich bei einer Reise auch nur den Parlamentspräsidenten.“

Und dann gibt es doch noch ein Leben neben dem Dienst. Jedes Jahr verbringt er mit seiner Frau vier Wochen auf einer Nordseeinsel. „Die Familie sieht es mir an der Nasenspitze an, wenn es zu viel wird.“ Auch ein Schirrmacher braucht mal eine Pause. 
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