Anmerkungen zu einigen Aussagen im Artikel von Ann-Kristin Schäfer „Wenn die Bibel zum Gesetz wird“ in der Süddeutschen Zeitung vom 19.12.2011

Thomas Schirrmacher,
Direktor des International Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo)

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Im Folgenden möchte ich zu einigen – jeweils kursiv gedruckten – Aussagen des Artikels von Ann-Kristin Schäfer kurz Stellung nehmen.

„in den staatlich anerkannten Privatschulen spielt christlicher Glaube immer eine Rolle …“ / „Bekenntnisschulen müssen sich zwar auch an den Lehrplan ihres Bundeslandes halten, arbeiten aber auf der Basis einer religiösen Weltanschauung.“

Antwort: Bekenntnisgebundene Privatschulen jedweden religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses, auch des christlichen, sind im Grundgesetz verankert. Wenn Frau Schäfer das Grundgesetz ändern möchte, sollte sie das offen sagen. Zu unser freiheitlichen Grundordnung gehört, dass nicht nur der Staat Schulen betreiben darf, sondern auch religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften oder die sich einem gemeinsamen religiösen Bekenntnis verpflichtend fühlenden Eltern eigene Schulen betreiben dürfen.

Dabei ist Fakt: Würde der christliche Glaube in einer christlichen Bekenntnisschule keine Rolle spielen, müsste der Schule die Zulassung entzogen werden. So sehr man das im Detail sehr unterschiedlich füllen mag, so nüchtern muss man sehen, dass die Schulaufsicht und die Genehmigungsbehörden sehr genau kontrollieren, ob das Bekenntnis nur zum Schein vorgegeben wird oder für die Schule tragend ist. Entsprechendes gilt für alle christlichen wie nichtchristlichen Religionsgemeinschaften. Ich erinnere mich an einen Fall, wo eine Bekenntnisschule muslimischen Kindern den christlichen Religionsunterricht erließ und ihr das von der staatlichen Schulaufsicht untersagt wurde, weil es eine christliche Schule sei – wobei das sicher in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gehandhabt wird. Es hätte also nicht heißen müssen: „arbeiten aber auf der Basis einer religiösen Weltanschauung“, sondern richtig: „müssen aber auf der Basis einer religiösen Weltanschauung arbeiten“.

„Dann ist die allmorgendliche Fünf-Minuten-Andacht vorbei.“

Zu dem verpflichtenden religiösen Charakter einer Bekenntnisschule gehören auch religiöse Veranstaltungen neben dem Unterricht. Im katholischen Gymnasium, das mein Sohn besucht hat, beginnt der Unterricht mit dem Vaterunser (im Fremdsprachenunterricht in der jeweiligen Sprache), Schulgottesdienste gehören zum festen Programm, es gibt Einkehrwochen im Kloster, Sammelaktionen für kirchliche Sozialprojekte in der Dritten Welt und das Angebot von Beichte und Seelsorge. An anderen Schulen gibt es christliche Schüler-Eltern-Lehrer Chöre oder Deckenverteilungen an Obdachlose im Winter. Eltern, die ihre Kinder an der Schule anmelden, wissen das im Voraus und wollen das in der Regel auch ausdrücklich.

Eine Fünf-Minuten-Andacht, die man zudem freiwillig besucht, zumal wenn sie noch einen so fördernden Inhalt hat, wie in Frau Schäfer beschreibt („Du bis wertvoll“, wobei ja alle Menschen als wertvoll beschrieben werden, nicht nur Christen), finde ich eine angemessene Lösung, die christliche Ausrichtung deutlich zu machen, ohne Zwang auszuüben oder Schüler über Gebühr zeitlich zusätzlich zu belasten.

„… lernen an freikirchlichen Bekenntnisschulen …“ / „Diese Privatschulen sind staatlich anerkannt, gehören aber keiner der großen Kirchen an, sondern werden meist von freikirchlichen Organisationen getragen.“

Auch die meisten katholischen und landeskirchlich-evangelischen Schule „gehören“ nicht den „großen Kirchen“ an, sondern haben normalerweise einen eigenen Träger und sind mit den Kirchen durch das Bekenntnis in ihrer Verfassung/Satzung, oft durch personelle Verzahnung und/oder durch eine kirchliche Schulaufsicht verbunden. (Ich lasse hier einmal die vom Staat betriebenen evangelischen und katholischen Bekenntnisschulen außen vor, die zahlenmäßig überwiegen, aber schon gar nicht den großen Kirchen angehören.) Die im Artikel beschriebenen Bekenntnisschulen haben von Eltern initiierte Trägervereine, die in ihrer Satzung notwendigerweise ein Bekenntnis voranstellen müssen. Die Mitglieder kommen aus allen Kirchen, auch aus den „großen“. Dabei gibt es gerade im Süden solche evangelischen Schulen, die vorwiegend landeskirchlich geprägt sind (das heißt, dass unter Trägervereinsmitgliedern, Eltern, Schüler und Lehrern die Mitglieder der Gliedkirchen der EKD überwiegen), an anderen Orten solche, die Freikirchen angehören, die übrigens überwiegend als Körperschaften öffentlichen Rechtes denselben staatlichen Rechtsschutz genießen, wie die großen Kirchen. (In anderen Ländern sind es dieselben Freikirchen, die dort die Mehrheit gegenüber den bei uns vorherrschenden Konfessionen stellen. Und wir haben ja keine Staatskirchen mehr und so stünde es auch einer Zeitung gut, diesen kirchlichen Pluralismus nicht pauschal an Hand der Mitgliederzahl zu verdächtigen.)

Das meist von den Bekenntnisschulen zugrunde gelegte Bekenntnis ist die „Glaubensbasis“ der Deutschen Evangelischen Allianz. Sie ist ein breit angelegtes ökumenisches Bekenntnis mit nur wenigen Punkten und ist gerade deswegen so beliebt, weil es viele strittige Punkte zwischen den Kirchen ausklammert und weil sie um ein mehrfaches kürzer ist, als die üblichen kirchlichen Bekenntnisse. Die Bekenntnisse, auf die sich die großen Kirchen verpflichten, sind also viel detaillierter. Und wenn eigens der Glaube an die „Inspiration“ der Schrift angeführt wird: Die Bekenntnisse der Großkirchen geben genauso Wahrheiten vor und die Rheinische Kirche – um nur ein beliebiges Beispiel zu nennen – gibt gleich zu Anfang ihrer Verfassung an, dass sie auf der Grundlage der Bibel steht und die Bibel im Verfassungsrang den anderen Bekenntnissen, hier dem Kleinen Katechismus von Luther und dem Heidelberger Katechismus, vorausgeht.

„Das bedeutet: die Bibel kann zwar interpretiert, aber nicht kritisiert werden. Was in ihr steht, ist Gesetz.“ / Titel: „Wenn die Bibel zum Gesetz wird“.

Das ist Unsinn. Als die Evangelische Allianz als älteste ökumenische Bewegung der Welt 1846 in London gegründet wurde, stand im Bekenntnis noch zusätzlich, dass jeder Christ das Recht und die Pflicht hat, die Bibel selbst auszulegen. Die Evangelikalen sind vor allem eine Laien- und Bibelbewegung, in der jeder, nicht nur Theologen, die Bibel diskutieren und dazu Stellung nehmen darf, ja soll. Nur so ist die enorme Bandbreite an theologischen Auffassungen unter Evangelikalen zu erklären, die sich übrigens auch unter den Lehrern der Bekenntnisschulen findet. Was aber für den einen Interpretation ist, ist für den anderen schon Kritik. Den Vorwurf, dass die Bibel an sich in ihrer Rolle nicht angetastet wird, kann man dagegen allen Kirchen, auch den „großen“ machen. Denn obwohl jeder einzelne Vers umstritten zu sein scheint, halten die evangelischen Kirchen daran fest, dass die Bibel ihre Grundlage ist und allein wahres Zeugnis von Jesus Christus ablegt, und lehrt die katholische Kirche weiterhin, dass die Bibel das inspirierte Wort Gottes ist, auch wenn das kirchliche Lehramt stärker als in den anderen Kirchen betont wird.

„Was in ihr steht …“ Diese Formulierung erweckt den Eindruck, als gäbe es eine einigermaßen von der Mehrheit der Evangelikalen akzeptierte Meinung, was denn die Bibel sagt beziehungsweise, was über das rein Berichtende hinaus auch heute dogmatisch oder ethisch verbindlich ist. Es gibt aber zum Beispiel kein evangelikales Buch, das wenigstens von der Mehrheit der Evangelikalen als gute Zusammenfassung dessen gelten würde, was ‚in der Bibel steht‘. Das kann ich als Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz für die internationale Bewegung ebenso feststellen, wie es sich in den hier besprochenen Schulen schon von Lehrer zu Lehrer und von Schule zu Schule zeigt. Jede Schule hat hier ihre eigene Ausprägung – eine verbindliche Vorgabe gibt es nicht.

Dann fällt das Wort „Gesetz“. So, wie es dasteht, klingt es wie ein Anklang an die Scharia oder das mittelalterliche Kirchenrecht. Nun sind erhebliche Teile der Bibel bereits nicht als ‚Gesetz‘ formuliert. Wie kann die Lebensgeschichte Josephs ‚Gesetz‘ sein? Dann ist es zentraler Bestandteil der Heiligen Schrift, dass das ‚Gesetz‘ nicht rettet und niemand das ‚Gesetz‘ erfüllen kann, weswegen Gnade, Vergebung, gegenseitige Hilfe Markenzeichen des Christentums sind. Und schließlich ist es in der evangelischen Theologie sehr umstritten, ob es in neutestamentlicher Zeit überhaupt noch ein ‚Gesetz‘ für Christen gibt und wenn ja, welche biblischen Gebote denn überhaupt darunter fallen. Alle hierbei vertretenen Positionen gibt es auch unter Evangelikalen. Unter den Evangelikalen dürfte die Auffassung, dass das Neuen Testament von der Gnade bestimmt ist und keine Entsprechung zum alttestamentlichen Gesetz mehr kennt, die Mehrheitsauffassung sein.

Schäfer reduziert die spannungsreiche theologische Diskussion über die Frage, welche ethischen Gebote denn heute noch verbindlich sind, die auch die Bandbreite an Auffassungen unter Evangelikalen widerspiegelt, auf ein simples Wort „Gesetz“, was emotional beim Leser negative Konnotationen auslöst, aber mit dem Alltag der Schulen nichts zu tun hat.

Nun gibt es auch unter Evangelikalen – wie unter allen Christen, ja allen Menschen – Machtmenschen, die gerne religiöse Argumente gebrauchen, damit man ihnen Recht gibt oder die für Gehorsam bessere Noten vergeben als für Widerspruch und selbstständiges Denken. Jede Schule tut gut daran, solche Fälle aufzuarbeiten. Aber dass das theologisches System habe und es an Bekenntnisschulen nur solche Lehrer gäbe (und an anderen Schulen nicht), entspricht – bis zum Beweis des Gegenteils durch eine gediegene Untersuchung – nicht der konkreten Erfahrung.

Denn das muss man hinzufügen: Über die Schulordnung hinaus kann und wird kein Schüler an Bekenntnisschulen gezwungen, irgendwelche „Gesetze“ einzuhalten. Wenn überhaupt solche ethischen Fragen anstehen, dann werden sie an die Eltern übermittelt, die – so lehrt die Erfahrung – sehr unterschiedlich damit umgehen.

Ich habe gerade bei der Abiturfeier einer solchen Schule gesprochen. Etwa die Hälfte der Schüler waren engagierte Christen, die andere Hälfte nicht. Von den Elternhäusern war darauf ebenso wenig zu schließen, wie von ihrem Äußeren. Ich habe einige der Abiturienten befragt, ob sie sich gezwungen gefühlt hätten, bestimmte christliche Werte zu leben – und sei es nur zum Schein. Konkrete Beispiele belegten das Gegenteil. Auch dort, wo eine Schule bestimmte sexualethische christliche Werte darstellt, leben die Schüler so, wie sie es für richtig halten und bekommen bei Abweichung keine schlechteren Noten …

„Also bringt er seinen Zehntklässlern die Evolutionstheorie zwar zunächst so bei, wie sie in den Schulbüchern steht, konfrontiert sie dann aber mit der Weltanschauung des ‚Intelligent Design‘“

„‚Die Schüler wissen, dass ich persönlich den Argumenten der Evolutionstheorie nicht folge. Das zu behaupten, wäre geheuchelt, und das möchte ich nicht. Trotzdem bringe ich den Schülern alles so bei, wie es der Lehrplan vorsieht‘, betont Lehrer Martens.“

Ich finde es sehr erfreulich, dass Frau Schäfer den Schulen ohne Wenn und Aber zugesteht, dass sie den Lehrplan erfüllen und das einschließt, dass alle Schüler die Evolutionstheorie so kennenlernen, wie jeder andere deutsche Schüler auch. Wo immer die Schulaufsicht das überprüft hat, hat sich das bestätigt. Im Übrigen liegen die Bekenntnisschulen beim Abitur, auch beim naturwissenschaftlichen Abitur im Notendurchschnitt immer weit vorne, was ja gar nicht ginge, wenn die Schüler in diesen Themen nicht firm wären.

Frau Schäfer beschreibt sehr korrekt und richtig – und dafür sei ihr ausdrücklich gedankt –, dass es immer um die Frage geht, zusätzlich einen anderen Standpunkt darzustellen. (Ich lasse einmal ganz außen vor, dass das oft im Religionsunterricht geschieht, für den ja sowieso etwas andere Spielregeln gelten.) Welcher Standpunkt das im Einzelnen ist, ist dann ja von Schule zu Schule und von Lehrer zu Lehrer wieder unterschiedlich, da die Bandbreite von ‚Kreationismus‘ über ‚Schöpfungsforschung‘ und ‚Intelligent Design‘ hin zur ‚theistischen Evolution‘ ja enorm ist und es irgendeine einzige anerkannte Version von Kritik der Evolutionstheorie, geschweige denn eine die Wahrheit vorgebende Instanz dafür, unter den Evangelikalen nicht gibt.

In ihrem Artikel beschreibt Frau Schäfer beispielsweise die Position des zitierten Lehrers wie folgt: „Diese Lehre besagt, dass hinter der Entstehung der Welt ein intelligenter Schöpfer stecken müsse, der genetische Informationen in jedes Lebewesen lege und bewusst deren Evolution steuere.“ Ja, was ist denn daran so aufregend? Das wäre ja noch nicht einmal ‚Kreationismus‘, sondern einfach die theistische Evolution, die sich fast automatisch aufdrängt, wenn man glaubt, dass es Gott gibt!?

Am häufigsten wird in den diskutierten Schulen das Lehrbuch von Junker und Scherer „Entstehung des Lebens“ benutzt. Das Lehrbuch selbst diskutiert viele Schwächen der Evolutionstheorie, versucht zudem, zwischen der Evolutionsbiologie als naturgesetzlich zu belegenden Vorkommnissen und der Evolutionstheorie als Weltanschauung zu unterscheiden, schreibt aber sehr deutlich gleich zu Beginn, dass es eine wissenschaftlich verantwortbare positive Alternative zur Evolutionstheorie derzeit nicht gibt, sondern lediglich Rückfragen und Einwände im Detail. Bescheidener kann man doch gar nicht auftreten! Und dass Schüler höherer Klassen nicht in der Lage wären, daraufhin ihre eigene Entscheidung zu fällen, glaube ich nicht.

Zudem muss man sich die zeitliche Komponente vor Augen führen. Um den Lehrplan zu erfüllen, muss zeitlich der größte Teil des Unterrichts dafür aufgewandt werden. Zusätzliche Themen, Anfragen und Diskussionen bilden zeitlich gesehen immer nur eine Minderheit, erst recht, wenn man gar keine umfassende Alternative darstellen kann, weil es sie nicht gibt.

„Man versuche, bei jedem Thema christliche Inhalte in den Unterricht einzustreuen.“

Das Einstreuen der eigenen Weltanschauung gilt doch nicht nur für christliche Privatschulen und nicht nur für christliche Lehrer. In meiner eigenen Schulzeit wussten wir von jedem Lehrer, wo er weltanschaulich stand und neben dem Lehrplan vertraten die Lehrer ständig auch ihre eigenen Standpunkte. Meine Kinder können mir von jedem Lehrer sagen, wofür er sich engagiert, was er vertritt und welche Positionen er erbittert verteidigt. Von fast allen wissen sie, welche Partei sie wählen oder was sie von Religion oder bestimmten Religionen halten. Der neutrale Lehrer ist doch ein Chimäre und ich weiß noch nicht einmal, ob es gut für den Schüler ist, wenn der Lehrer ihm seinen weltanschaulichen Standpunkt verheimlicht und so tut, als wäre alles, was er sagt, neutrales, unantastbares Wissen und nicht persönliche Meinung. Wenn aber Lehrer ihre Weltanschauung zusätzlich zum Lehrstoff einfließen lassen, stehen alle Weltanschauungen und Religionen in unserem Land auf einer Stufe. Christliche dürfen dann nicht automatisch als anrüchig gelten.

„Als Kulturnation, deren Wirtschaftskraft zudem maßgeblich von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen abhänge, könne es sich Deutschland nicht leisten, ‚den kreationistischen Hokuspokus hinzunehmen‘.“

1. Da musste ich doch schmunzeln. Von den wenigen Schulen hängt also die Zukunft der Wirtschaftskraft Deutschlands ab? Und das Auf und Ab unserer Wirtschaft der letzten Jahre und Jahrzehnte erklärt sich daraus, wie stark jeweils der ‚Kreationismus‘ gelehrt wurde? Deutschland ‚leistet‘ sich viel schwerwiegendere Probleme im Bildungssystem, die enorme wirtschaftliche Folgen haben – die Privatschulen gleich welcher Richtung gehören bestimmt nicht dazu.

2. Die evangelischen Bekenntnisschulen liegen in den naturwissenschaftlichen Fächern im Abiturdurchschnitt weit vorne. Sie haben etliche Preisträger bei ‚Jugend forscht‘ und anderen Wettbewerben hervorgebracht. Viele Abiturienten dieser Schulen haben naturwissenschaftliche Berufe ergriffen, jedenfalls sicher nicht weniger, als an staatlichen Schulen, und einige haben es sehr weit gebracht. Eltern wählen Privatschulen und auch die hier diskutierten Privatschulen bekanntlich gerne, weil sie davon ausgehen, dass der Bildungsstand ihrer Kinder dort am Ende besser ist. Das genau lehrt auch die Erfahrung. (Ich kenne die Diskussion zur Genüge, dass das vermutlich eher an der sozialen Selektion von Privatschulen liegt, als an der Zusammensetzung der sozialen Position der Elternhäuser, das ändert für die Entscheidung der Eltern allerdings gar nichts.)

3. Der Anteil der Schüler an evangelischen Bekenntnisschulen ist viel zu klein, als dass er den hohen Prozentsatz unter den Deutschen erklären kann, die die Welt für eine Schöpfung halten und die Evolutionstheorie ablehnen. Wieso ist der Anteil unter Katholiken so hoch, die doch selten auf eine evangelikale Privatschule gehen? Kutschera hat selbst Untersuchungen durchgeführt und entsetzt veröffentlicht, nach denen ein erstaunlich hoher Prozentsatz von naturwissenschaftlichen Studierenden und Lehramtsstudierenden an einen Schöpfer glauben oder die Grundlagen der Evolutionstheorie nicht kennen. Vermutlich war keiner von ihnen auf einer Bekenntnisschule.

4. Wer es wirklich ernst meint, müsste erst einmal untersuchen, was Abgänger von Bekenntnisschulen zum Beispiel 10 Jahre später glauben. Bekanntlich gibt es ja einen Unterschied zwischen dem, was die Schule lehrt und was der ehemalige Schüler später vertritt. Unsere Lehrer waren seinerzeit fast ausnahmslos CDU-Wähler und haben das propagiert. Mein Abiturjahrgang hat sich trotzdem so auf alle Parteien verteilt, wie es unserer Alterskohorte entsprach.

5. Jemand, der die Evolutionstheorie gut kennt und gleichzeitig noch ihre Schwächen diskutiert, wird nach menschlicher Erfahrung ein aufgeschlossenerer Forscher als jemand, der Naturwissenschaft quasi als Wahrheit vermittelt bekommt. Ich hätte mir gewünscht, dass in meinem naturwissenschaftlichen Unterricht viel mehr problematisiert worden wäre. Immerhin ist vieles meines naturwissenschaftlichen Abiturwissens heute längst obsolet und ich hätte mir gewünscht, die enorme Bandbreite der naturwissenschaftlichen Meinungen kennenzulernen, ja der ständige Fluss von Ergebnissen und die Tatsache, wie schnell wissenschaftliche Revolutionen (nach Thomas Kuhn) alles verändern können, wären alle in der Schule offen und ehrlich thematisiert worden.

„Leonie … sagt, ihre Lehrer seien nett und hätten immer ein offenes Ohr für sie. Und sie glaubt, dass Gott die Welt geschaffen hat. So wie ihre Lehrer.“

Das ist doch ein echtes Kompliment am Ende des Artikels und doch keine Selbstverständlichkeit! Nur haben die beiden Dinge nicht automatisch etwas miteinander zu tun – nett und offen sein und an den Schöpfer zu glauben. Aber immerhin wird diese Schule für diese Schülerin ihrem Anspruch gerecht, dass sich der Glaube nicht vor allem in Richtigkeiten beweist, sondern im konkreten Umgang von Menschen miteinander und der Nächstenliebe. Und es ist genau dieser Umgang miteinander, der viele Eltern, die ihre Kinder auf christliche Schulen schicken, motiviert. Diese Nächstenliebe braucht unsere Bildungslandschaft heute dringender als alles andere.

 

2 Kommentare

  1. Hopf konrad 28. Januar 2012 at 14:39

    Leonie glaubt, dass ihre Lehrer immer ein offenes Ohr für sie haben. dann sind es sicher gute Lehrer! Sie glaubt, dass Gott die Welt geschaffen hat. Das ist gut für sie. Ich habe mich bei dem Artikel in der SZ auch gewundert, dass nirgends angegeben wird, wie viel Prozent diese “fundamentalistischen” Schulen in Deutschland ausmachen. Aber im Artikel ging es ja auch wieder letztlich um die angeblich gefährdete “Wirtschaftskraft” Deutschlands als offenbar höchstem Wert schlechthin. Die Kulturnation Deutschland kann sich glücklich schätzen, dass es Schulen gibt, in denen Lehrer Schülern ein Stück weit ein anderes Bild vermitteln, so dass Schüler zum Denken angeregt werden. Die klassische Naturwissenschaft Biologie wird ja nicht ausgeklammert, sonst könnten Schüler an diesen Schulen ja kaum gute Abiturnoten bekommen. Bekommen sie aber! Auch in Biologie!Und überhaupt gehört zu einer Kulturnation auch eine Herzensbildung, die am Bild Gottes als einem liebenden Schöpfer orientiert ist. Das fehlt heute leider oft! Die Folgen sieht man allenthalben.

     
  2. Aliasnimue 21. Februar 2012 at 12:09

    Sicher ist der Artikel nicht ordentlich geschrieben, das mag an Kürzungen liegen oder auch an einer gewissen Polemik .

    Nun muß man aber das Leben der Schüler als ganzes betrachten. Nicht nur gehen sie tagsüber in eine Schule die Kreationismus fördert sondern sie leben auch in fundamentalistischen freien Gemeinden und bleiben auch dort unter sich.
    Nimmt man den Standort Gummersbach so hat auch die evangelische Kirche dort erkannt:

    http://www.ekagger.de/Schulreferat.177.0.html

    In der Zukunft wird sich die Bildungsarbeit der Kirchen darauf konzentrieren müssen, die Beheimatung in der Überlieferung des eigenen Glaubens und die Dialogfähigkeit mit anderen Religionen zu fördern. In einer Zeit des beginnenden religiösen Analphabetismus, aber auch religiösen Fundamentalismus gilt es, die Dialogfähigkeit zu fördern, die gegründet ist in der Kenntnis des eigenen Glaubens.
    Pfarrer Matthias Weichert, Schulreferent

    Es mögen diese freie Gemeinden zwar auch in der evangelischen Allianz sein. Doch hält dies die evangeliche Kirche nicht davon ab vom Besuch des Gottedienstes in den fundamentalistischen Gemeinden abzuraten, eine Mitgliedschaft führt sogar zum Ausschluß.
    Von mir aus mag jeder glauben was er will, aber Kindern sollte doch Bildung vermittelt werden ohne das Abiturienten am Ende behaupten die Erde wäre 6000 Jahre alt.

    Besser und umfangreicher zu diesem Thema eine Reportage des WDR: mit der Bibel zum Abitur, welche man sich auf youtube anschauen kann.

     

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