Interview mit Thomas Schirrmacher zu einem Artikel über ihn in der WELT AM SONNTAG und einem Interview mit ihm im Magazin Chrismon

Thomas Schirrmacher (Mitte) beantwortet Fragen zum Thema bei der Generalversammlung der Weltweiten Evangelischen Allianz in Jakarta, November 2020 © Martin Warnecke

In der WELT AM SONNTAG heißt es, dass Sie gegen eingetragene Lebenspartnerschaften keine Einwände haben. Wurden Sie da richtig zitiert?

Da werde ich gar nicht zitiert, es ist ja ein Artikel über mich. Bei all den netten Worten über mich wäre es ja schlimm, wenn das Zitate wären. Zudem will der Autor ja nur deutlich machen, dass ich, obwohl ich prinzipiell für die evangelikalen Positionen stehe, die der Artikel auch sehr pointiert benennt (auch, dass dazu eine „konservative“ Sicht zur Homosexualität gehört, also dass diese nicht mit dem Willen Gottes zu vereinbaren ist), trotzdem nicht „arg schwarz-weiß“ glaube, sondern stark differenziere, und da hat er grundsätzlich richtig recherchiert. Auch für die drei Beispiele Papst, Hölle und gleichgeschlechtliche Partnerschaft ist das richtig. Darf ich erst einmal etwas zur „Hölle“ sagen?

OK, beginnen wir mit der Hölle, solange das andere dann auch beantwortet wird.

Klar! Also zur Hölle: Fragen nach dem Leben nach dem Tod werden in der Bibel ausnahmslos in Bildern beschrieben und nur angedeutet, nicht ausführlich beschrieben. Deswegen kann man hier nur vorsichtig feste Lehren, geschweige denn „Dogmen“ formulieren. Zudem ist im Neuen Testament zwar häufiger davon die Rede, dass jemand „verloren“ geht, der dies oder jenes nicht glaubt, aber es wird auf keinen Einzelnen gezeigt und für ihn prophezeit, wie später einmal Gottes endgültiges Urteil lauten wird. Wenn Paulus sagt: „Ein jeder prüfe sich selbst, ob er im Glauben steht“, meint er gerade nicht, dass ich das unfehlbar mit einem anderen tun kann. Ich möchte die Komplementarität des Neuen Testaments beibehalten, dass wir einerseits verkündigen, dass es ohne Jesus kein Heil gibt, andererseits aber wir nicht unfehlbar in das Herz Anderer schauen können und wir nicht die Richter sind. Das eine ist so wichtig wie das Andere. – Im Übrigen gibt es unter Evangelikalen in Geschichte und Gegenwart eine viel breitere Diskussion zu der Frage, als manche „schwarz-weiß“-Zeichnungen dazu vermuten lassen, wie etwa ein Buch zeigt, dass ich zusammen mit Prof. Klaus W. Müller 1998 herausgegeben habe (Werden alle gerettet? VKW: Bonn, 1998).

Nun denn, zurück zum Thema, zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft.

Es sind zwei Paar Schuhe, welche Maßstäbe Christen für sich gelten lassen und innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft anwenden und welche Maßstäbe der Staat für jedermann in Gesetze gießt. Für Christen ist die Schuldfrage bei einer Scheidung den Worten von Jesus folgend immer noch relevant, im deutschen Recht existiert sie nicht mehr. Christen sind an die Zehn Gebote gebunden, „kein falsch Zeugnis“ über andere zu reden oder nicht zu lügen; die Meinungs- und Pressefreiheit schützt dagegen vieles, was den Zehn Geboten zuwiderläuft.

Christen aller Zeiten haben immer schon damit gelebt, dass ihre Sicht und die des öffentlichen Rechts nicht identisch sind. Das funktioniert, solange sie nicht vom Staat beziehungsweise vom Recht gezwungen werden, selbst gegen ihre Überzeugung zu handeln. Denn dann greift das berühmte Wort der Apostel: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Wohl gemerkt, man muss Menschen „gehorchen“, anders funktioniert eine Gesellschaft nicht, aber es gibt eine Grenze, die der Staat nicht überschreiten sollte. Deswegen kann ein Christ solange in einem Land leben, in dem die Polygamie per Gesetz erlaubt ist, solange er nicht selbst gezwungen wird, mehr als einen Ehepartner zu haben.

Die eingetragene Lebenspartnerschaft war (und ist es noch in einigen Ländern) aus meiner Sicht ein gelungener Kompromiss. Er ermöglichte einen vollständigen Rechtsrahmen für einen Lebensstil, den ein Teil der Kirchen nicht befürwortet. Er schaffte Rechtssicherheit für die Partner, für den Staat, für das weitere Umfeld (z. B. Erben). Erst wenn dieses Rechtsinstitut eigentlich nur als Durchgangsstadium zur Ehe für Alle angesehen wurde oder wird, ist es kein Kompromiss mehr. Denn mit der Ehe für Alle sind plötzlich alle, die Jahrzehnte unter anderen Bedingungen geheiratet haben, mit betroffen. Auch hier gilt immerhin noch, dass keiner zur gleichgeschlechtlichen Ehe gezwungen wird.

Allerdings bleibt auch hier die Entwicklung nicht stehen. Ich habe kürzlich in einem kleinen Gutachten gezeigt, dass die vom Deutschen Bundestag finanzierte Bundeszentrale für politische Bildung nach der Einführung der Ehe für Alle Schulmaterial veröffentlicht hat, in der alle heterosexuell Verheirateten pauschal der Intoleranz verdächtigt werden und quasi rassistisch der Heterosexualität unumkehrbare negative Motive angedichtet werden.

Und wie geht es für Sie weiter?

Zunächst muss man sich der Realität stellen: Auch der Masse der Evangelikalen in Deutschland ist insgesamt der Umstand, dass wir in einer Demokratie mit Religionsfreiheit (und anderen Freiheiten) leben, die dabei nicht zufällig auch ein gediegenes Leben ohne Überlebenssorgen ermöglicht, im Gesamtbild wichtiger. Und auf den Gedanken, die Ehe für Alle mit Gewalt zu bekämpfen oder Strafmaßnahmen durchzuführen, kommen auch die Evangelikalen nicht, denn sie wissen, dass das gegen den Willen Jesu wäre.

Eine Zweithemenpolitik (Abtreibung, Homosexualität), wie sie ein Teil der Evangelikalen in den USA mit Donald Trump verfolgt hat, kann offensichtlich dazu führen, dass ein demokratisches System so beschädigt wird, dass Christen am Ende wenig gewinnen, aber viel an Freiheit verlieren. Ich kann etwa in Polen nicht einfach begeistert sein, wenn es bei den beiden Themen einen konservativen Schwenk gibt, da dieselben Kräfte auch die Religionsfreiheit zunehmend beschränken, was vor allem Juden und eben die Evangelikalen zu spüren bekommen.

Ist das, was Sie tun, wirklich echtes Differenzieren oder nicht einfach nur gebildet klingende Anpassung an den Zeitgeist? Bleibt da nicht die Bibel auf der Strecke und ist das somit wirklich noch „evangelikal“?

Welchen Zeitgeist? Den in Deutschland, wo meine Position die Mehrheit der Bürger den Kopf schütteln lässt? Oder den Zeitgeist in Uganda, wo meine Position laut Umfragen ebenso eine Außenseiterposition ist, weil dort eine große Mehrheit den Einsatz des Strafrechtes befürwortet?

Aber nun: Die Trennung von Kirche und Staat habe ich ja nicht mal schnell als Ausrede erfunden, sie hat das Christentum schon vom Judentum geerbt. Mit Jesus geben wir dem Kaiser, was ihm zusteht, aber nicht das, was nur Gott zusteht. Und bei Jesus wird das ja gleich irdisch konkret, indem es eine Steuer für den Staat gibt und eine für die Glaubensgemeinschaft. Und wenn Paulus im berühmten Kapitel 13 des Römerbriefes von der Einordnung der Christen in das staatliche Gemeinwesen spricht (genaugenommen nennt er es „Unterordnen“), spricht er ja nicht von einer Demokratie mit lauter frommen Politikern, sondern vom römischen Kaiserreich, das neben einer bis heute prägenden Rechtstaatlichkeit sogar direkte Christenverfolgung kannte.

Ich bin davon überzeugt, dass die Heilige Schrift oberste Instanz unseres Glaubens ist, eben die Verfassung, die auch über der Kirchenleitung steht, so wie im Alten Testament die Tora über König und Hohepriester steht. Aber zugleich glaube ich, dass die biblische Ethik keine lebensfernen Standards enthält, die man sich in der modernen Realität irgendwie zurechtbiegen muss, sondern bereits die Kompliziertheit der realen Welt einpreist. Neben der pazifistischen Sinngebung steht das Wissen, dass es ohne Staat und ohne Armee bzw. Polizei nicht geht. Neben dem Ideal der lebenslänglichen Ehe steht die Regelung der eigentlich abgelehnten Scheidung. Die Heilige Schrift spricht über Pflichtenkollisionen, benennt enorme Spannungsfelder (etwa zwischen der Liebe der Eltern zu den Kindern und der Notwendigkeit, sie aktiv zu erziehen und Regeln aufzustellen und durchzusetzen) und differenziert die Frage unserer Motive aus.

Ich würde gerne ausführlicher darauf eingehen, aber dann kann ich hier auch gleich mein Buch „Führen in ethischer Verantwortung: Die drei Seiten jeder Entscheidung“ referieren. Dort ist meine These, dass in der Heiligen Schrift Gesetz, Weisheit (also Situationsethik) und Herz (als die innere Motivation) gleichwertig sind und alle in eine gute Entscheidung hier und heute eingehen müssen. Ich bezweifele, dass der, der nur das Gesetz und Gebot kennt, der ganzen Bibel gerecht wird.

Können Sie ein paar Themen benennen, die evangelikale Gemeinden auch dann angehen müssen, wenn sie an der traditionellen Sicht zur Homosexualität festhalten?

Ja gerne. Als ich 2009 zusammen mit Kurt Bangert den Doppelband „HIV/AIDS als christliche Herausforderung“ herausgab, gab es Kritik. Heutzutage sind in Afrika Evangelikale und Katholiken am häufigsten an Krankenbetten anzutreffen und stellen die meisten Streetworker und Streetworkerinnen in diesem Bereich.

Ein weiteres Beispiel ist der Umgang mit zölibatär lebenden homosexuell empfindenden Menschen. Zölibatär zu leben ist ja etwa der empfohlene Weg der katholischen Kirche und vieler anderer Kirchen, wenn man homosexuell empfindet und man nicht heterosexuell heiraten will oder kann. Die Berichte bewusst zölibatär lebender homosexuell empfindender Christen zeigen aber, dass Gemeinden oder etwa auch Hauskreise sich trotzdem sehr schwer mit ihnen tun. Dabei spricht ja eigentlich nichts dagegen, dass sie Pastor oder Priester werden.

Ein weiteres Beispiel für ein Thema, das besprochen werden muss und auch für mich der Lösung harrt: Es gibt Christen, die früher in homosexuellen Beziehungen gelebt haben, sich dann aber – meist in und nach einem langwierigen Prozess – für eine heterosexuelle Ehe entschieden haben und diese ‚erfolgreich‘ leben. Fachleute, die damit befasst sind, sagen mir aber, dass es sich dabei fast ausschließlich um Bisexuelle handelt, also um Menschen, die neben ihrem Angezogensein vom gleichen Geschlecht auch noch erotische Empfindungen für das andere Geschlecht haben können. Sind diese gar nicht vorhanden, ist erfahrungsgemäß ein Weg in eine heterosexuelle Ehe kaum möglich. So etwas muss man auch dann diskutieren können, wenn man prinzipiell befürwortet, dass homosexuell empfindende Christen entweder heterosexuell heiraten oder zölibatär leben.

Ich denke, das reicht soweit. Auf die Frage „Würden Sie homosexuellen Paaren den Segen geben?“ haben Sie geantwortet: „Wenn ich das in Asien oder Afrika auch nur diskutieren würde, wäre ich meinen Job los. Aber ich glaube, dass auch wir Evangelikalen nicht um die Frage herumkommen werden, ob wir alle staatlich geschlossenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und Ehen weltweit pauschal aus der Kirche ausschließen wollen, einschließlich unserer eigenen Kinder. Ich kenne kaum eine evangelikale Familie, die ihre eigenen Kinder verstoßen würde, nur weil sie homosexuell sind.“ Wie wollen Sie dieses Spannungsfeld angehen und lösen?

„Lösen“ kann ich es gar nicht oder wenn nur im konkreten Fall. Und das Neue Testament beschreibt ständig unser Leben als von Spannungen betroffen. Beginnen wir von hinten bei den Kindern. Wer solchen Spannungen aus dem Weg gehen will, sollte besser keine Kinder bekommen. Denn wenn es nicht dies Thema ist, kommt ein anderes auf den Tisch. Zwei Dinge bekommt man selten spannungslos glatt unter einen Hut. Erstens kleine Kinder in den eigenen Wertvorstellungen zu erziehen und diese dann bei Teenagern aufrechtzuerhalten und zweitens Kinder gleichzeitig zu eigenständig denkenden Erwachsenen zu erziehen, die aus Überzeugung handeln. Ausnahmen bestätigen die Regel, sie gelten dann aber oft schon bei den dazugehörigen Geschwistern nicht mehr. Ich bleibe aber wie Papst Franziskus dabei, dass Gottes Auftrag der Kindererziehung verfehlt wird, wenn man homosexuell empfindende Kinder einfach aus der Familie verbannt oder mit Zwang aller Art dazu bringen will, anders zu fühlen oder zu handeln.

Ja, aber jetzt bitte zur Frage des Segnens!

Ok. Eine Segnungszeremonie, die eine gleichgeschlechtliche Beziehung de facto der heterosexuellen Ehe gleichstellen soll und gleichstellt, kann ich nicht befürworten. Aber ich kann es auch nicht befürworten, homosexuell empfindenden Menschen das seelsorgerliche Gespräch zu verweigern, wie dies leider immer noch geschieht. Dass man für Menschen beten kann, ohne ihre anderen Maßstäbe damit zu befürworten, gehört ja auch sonst zur Seelsorge dazu.

Wenn ich nun gesagt habe, dass mich schon die Diskussion in einigen Ländern mein Amt kosten könnte – im weltweiten Maßstab tut es das ja offensichtlich nicht –, dann geht es mir um die Kritik daran, dass die gesamte Thematik oft von bestimmten Kirchen ausgesessen wird, anstatt sich den heiklen Anfragen direkt zu stellen, ja proaktiv die Zukunft zu planen.

Zudem sind die heiklen Fragen solche, die die jüngere Generation zunehmend und immer direkter stellt. Die jetzt aufwachsende Generation wächst ja immer seltener mit einer Jahrhunderte alten Tradition der Ehe auf. Was sie vor allem kennen, sind Patchwork-Familien, in unterschiedlichen Arrangements Sexualität ohne Trauschein praktizierende Erwachsene, vom One-Night-Stand bis zur Rentnerehe ohne Trauschein, weil sonst die Rente gekürzt wird. Auf ihre Fragen können wir nicht antworten, indem wir uns die Fragen verbitten oder auf irgendeine glorreiche Geschichte verweisen oder bestimmte Themen verbieten oder kurze Statements wiederholen oder Bücher von vor 30 Jahren weitergeben, sondern nur, indem wir die ethischen Normen des Christentums zur heutigen Realität in Beziehung setzen. Man lese mal das Buch der Sprüche. Da wird die Ehe auch nicht unter Verweis auf das Gesetz der Jugend vermittelt (obwohl das Gesetz natürlich nicht aufgehoben wird), sondern mit praktischen Beispielen und Erfahrungswerten aus der Umwelt.

Ich kann es auch kurz sagen: Das Bewährungsfeld evangelikaler Eltern und evangelikaler Gemeinden in diesen Fragen sind nicht zuerst Parlamente, sondern der Umgang mit unseren Kindern. Wenn wir unseren Kindern gegenüber sprachlos sind, sollten wir auch im Parlament besser schweigen.

In Ihrem Chrismon-Interview steht zwar, dass Homosexualität „Sünde“ ist, aber eher beiläufig.

Ja, da ist natürlich vieles der Kürzung zum Opfer gefallen. Wie die katholische Kirche, die orthodoxen und altorientalischen Kirchen und die große Mehrheit der weltweiten Christenheit – ja auch die Mehrheit der protestantischen Kirchen, insbesondere außerhalb der westlichen Welt, – halte ich Homosexualität wie überhaupt jedwede Sexualität außerhalb der zweigeschlechtlichen Ehe für nicht mit dem Willen Gottes vereinbar. Dass ich in einer Gesellschaft lebe, die den Bereich der Sexualität völlig anders sieht, teile ich mit fast allen Christen seit neutestamentlicher Zeit in vielen Zeiten und Kulturen der Gegenwart.

In einer Demokratie halte ich mich an diesbezügliche Gesetze, selbst dann, wenn ich sie demokratisch und ohne Gewalt zu ändern suche, aber ich erwarte zugleich in einem demokratischen Rechtsstaat, dass mich weder Verfechter einer Ehe ohne Trauschein noch eines gleichgeschlechtlichen Lebensstils zwingen wollen, so zu denken wie sie, noch Kirchen gezwungen werden, anders zu leben und zu handeln, als es ihrem Glauben entspricht.

Sie sind dort der Meinung, dass die exegetische Diskussion neues Licht auf die einschlägigen Bibeltexte wirft!?

Ich habe die letzten Jahre viele Tausend Seiten dazu gelesen. Ich bin immer dagegen gewesen, eine solche exegetische Diskussion zum Thema Homosexualität von vorneherein zu verbieten, was mir durchaus Kritik aus meinem Lager eingebracht hat. Dogmatik und Ethik entwickeln sich schließlich aus einer gediegenen Exegese der Heiligen Schrift, nicht umgekehrt. Aber der Trend in der exegetischen Literatur geht längst wieder in die andere Richtung.

Aber dass Paulus wirklich ausschließlich von Gewalt unter Homosexuellen oder nur von minderjährigen Opfern spricht (was dann ja immer noch eine spannende Frage für heute wäre), wird eigentlich nur noch von Nicht-Exegeten vertreten. Ebenso hat sich auch bei der Frage das Blatt gewendet, ob gewaltfreie, liebevolle, dauerhafte, gleichgeschlechtliche Beziehungen von Erwachsenen damals schon existierten und im Blick der Gesellschaft waren. Es finden sich immer mehr Belege dafür, dass eine Sicht der homosexuellen Beziehung, wie sie die Ehe für Alle voraussetzt, auch schon zur Zeit der Römer und Griechen praktiziert und propagiert wurde.

Ich werde in Kürze für die WEA eine umfangreiche Durchsicht aller wissenschaftlichen exegetischen Veröffentlichungen dazu veröffentlichen lassen, für die ein Exeget naturgemäß sehr lange recherchiert hat, die genau das belegen wird.

Also bleibt alles beim Alten, die Autorität der Bibel wird in Stellung gebracht?

Es gibt meines Erachtens keinen einfachen Weg, praktizierte Homosexualität in das christliche Weltbild einzufügen, solange man der Heiligen Schrift überhaupt noch einen Stellenwert einräumt. Die Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1996, die Homosexualität nicht ablehnt und etwa im Pfarrhaus zwischen zwei Pfarrern für möglich hält und sicher kein fundamentalistisches Bibelverständnis hat, schreibt trotzdem – ich muss hier ein Zitat bringen, auch wenn das für ein Interview unüblich ist:

„Humanwissenschaftliche Ergebnisse besitzen zweifellos eine gewisse Relevanz für die hier anstehende Urteilsbildung. Die entscheidende Argumentation muss jedoch theologisch geführt werden. Deshalb kann auch der (mehrheitlichen) Sichtweise des Phänomens ‚Homosexualität‘ in den gegenwärtigen Humanwissenschaften für die theologische Urteilsbildung keine normative Bedeutung zuerkannt werden. Wenn es gute theologische Gründe dafür gibt, muss ihr eine andere Sichtweise entgegengesetzt werden. …

* Im biblischen Gesamtzeugnis ist Homosexualität ein Nebenthema.
* In der uns überlieferten Verkündigung Jesu spielt das Thema ‚Homosexualität‘ keine Rolle

Dadurch werden aber die deutlichen Aussagen nicht aufgehoben, denen zufolge homosexuelle Praxis zwischen Männern (Lev 18 und 20; Röm 1,27), zwischen Frauen (Röm 1,26) sowie zwischen Männern und Knaben (I Kor 6,9; I Tim 1,10) dem Willen Gottes widerspricht. … Verschiedene Auslegungsversuche haben sich als unzutreffend oder unzureichend erwiesen: So ist es nicht zutreffend, dass Homosexualität in der Bibel (und insbesondere im Alten Testament) nur abgelehnt werde, weil sie zum Kult anderer Götter gehört oder sofern Menschen durch spezifische homosexuelle Praktiken gedemütigt werden.“ (Mit Spannungen leben. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema ‚Homosexualität und Kirche‘. EKD-Texte 57. Kirchenamt der EKD: Hannover, 1996. S. 11+17.)

Schaut man sich die exegetische Fachliteratur aus der Feder von Theologen an, die Homosexualität nicht für Sünde halten, ist der Enthusiasmus, man könne das Problem exegetisch lösen, indem man durchgängig alle einschlägigen Texte als nicht auf das bezogen sieht, was wir heute unter Homosexualität verstehen, vorbei, der Trend geht ganz klar in die Richtung, dass diese Sicht auf Grund der historischen Belege nicht haltbar ist.

In Martin Grabes neuem Buch zum Thema wird das sehr schön deutlich: Aus der exegetischen Möglichkeit, dass dieser und jeder Text eine andere als die traditionelle Bedeutung haben könnte, macht er als Arzt kurzerhand, dass die Texte anders verstanden werden müssen und dass alle Texte anders verstanden werden müssen, und dass deswegen zugleich alle Texte zur Ehe neu bewertet werden müssen. So funktioniert das natürlich nicht: Eine Möglichkeit ist kein Muss. Und so vertritt das nach meinem Kenntnisstand auch kein exegetischer Bibelkommentar der letzten Jahre, gleich welcher Richtung. Grabe wirft auch unterschiedslos den Vertretern einer klassischen Sicht vor, sie hätten sich offenbar nie wirklich intensiv mit den Texten auseinandergesetzt, sie seien „unredlich“, „willkürlich“ und hätten einen „anerzogenen Unwillen“, andere Auffassungen zuzulassen. Er ist sich absolut sicher, dass Paulus keine grundsätzliche Aussage zur Homosexualität machen will. Er zeige mir mal den neueren wissenschaftlichen Bibelkommentar, der das so pauschal sagt. Da sind ihm wohl als Mediziner tausende Seiten wissenschaftlicher Texte der Debatte entgangen. Ich würde mich jedenfalls nicht trauen, eine solche Aussage über eine medizinische Debatte zu machen.

Die Evangelische Allianz Großbritanniens ist in ihrem Buch Homosexualität: Biblische Leitlinien, ethische Überzeugungen, seelsorgerliche Perspektiven (Brunnen: Gießen, 2017, Engl.: Biblical and Pastoral Responses to Homosexuality, 2012) ausführlich auf die exegetische Debatte eingegangen und hat sich seelsorgerlich sehr differenziert, selbstkritisch und ohne Scheuklappen geäußert. Schade, dass Grabe solche Literatur einfach ignoriert.

Es ist jedem unbenommen, der Heiligen Schrift in dieser Frage keine Autorität zukommen zu lassen. Ganz gleich, ob man diese Autorität grundsätzlich verwirft oder nur für bestimmte, vermeintlich zeitgebundene Themen oder wie die EKD 1996, indem man seelsorgerliche Ausnahmen formuliert. Das ist jedenfalls ehrlicher, als so zu tun, dass die Autorität der Heiligen Schrift zwinge, anders zu denken. Noch einmal: Exegetisch mögliche neuere Auffassungen müssen diskutiert und eruiert werden, sie bleiben aber eben nur mögliche Wege oder Auswege, keine zwingenden Normen.

Aber noch einmal: Einer solchen exegetischen Diskussion geht man nicht aus dem Weg, man greift sie auf und argumentiert mit, selbst wenn man sicher zu sein meint, wohin der Trend am Ende geht.

Der Weltweiten Evangelischen Allianz hat man vorgeworfen, dass sie das Thema mal rückständig, mal zu liberal formuliere.

Damit muss man leben. Immerhin sprechen wir für eine enorme Bandbreite von Kirchen in praktisch allen Ländern der Erde, und das ohne einen Papst oder eine zentralistische Struktur. Die Weltweite Evangelische Allianz hat vor ein paar Jahren das neue Strafgesetz gegen Homosexuelle in Uganda verurteilt, aber zugleich die kolonialistisch-patriarchalische Art, wie westliche Nationen Uganda und die Afrikaner überhaupt behandeln. Manchem Evangelikalen in den USA geht das zu weit, vielen Evangelikalen in Europa ist das zu wenig.

Ich bitte aber Folgendes zu bedenken: Die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) ist nicht wie die Katholische Kirche aufgebaut, wo die Zentrale autoritativ mitteilen kann, was die gesamte Kirche (offiziell) vertritt, sondern eher wie der Ökumenische Rat der Kirchen, der nur mit und für seine Mitglieder sprechen kann. Typisch evangelikal ist der Aufbau der WEA von unten nach oben, und deswegen kann die WEA nicht einfach Statements in die Welt setzen, ohne die nationalen Allianzen und die realen, betroffenen Kirchen nicht nur gefragt zu haben, sondern mit unterzeichnen zu lassen. Die WEA kann also nicht ein Statement über ein Problem in Deutschland veröffentlichen ohne Konsultation und Einverständnis der Deutschen Evangelischen Allianz, auch wenn das bei den verabschiedeten Dokumenten selten dabeisteht.

Ein glattes Statement, das den westlichen Kirchen und der weltweiten Medienlandschaft gefällt, nicht aber denen, über deren Länder gesprochen wird, ist so nicht möglich. Vielmehr hatte die Theologische Kommission der WEA die Aufgabe, Sichtweisen und Wünsche westlicher nationaler Allianzen mit denen afrikanischer Allianzen und der Afrikanischen Evangelischen Allianz insgesamt übereinzubringen.

In Deutschland sagen nach einer weltweiten Umfrage des Pew Research Center Religion & Public Life 87% der Befragten, dass Homosexualität von der Gesellschaft anerkannt werden müsse. In Uganda sind es 4%. In Deutschland sind dabei die Positionen der Kirchen über das gesamte politische Spektrum verteilt, im Schnitt aber konservativer als die Bevölkerungsmehrheit. In Uganda sind die Kirchen, auch die evangelikalen Kirchen, viel näher beieinander und durchschnittlich ‚liberaler‘ als die Bevölkerung und das Parlament selbst.

In beide Situationen, also etwa Uganda bzw. Afrika und Deutschland bzw. Europa, gleichermaßen zu sprechen, ist fast unmöglich, trotzdem hat es die WEA versucht. Was herausgekommen ist, erscheint vielen Afrikanern zu liberal, vielen Europäern zu zurückhaltend formuliert. Aber wer nicht kolonialistisch Theologie und Kirchenpolitik afrikanischen Kirchen aufzwingen will, sondern Partnerschaft zwischen Kirchen weltweit wirklich ernst meint, kann nur diesen Weg beschreiten.

Danke für Ihre Antworten!

PDF-Download
 

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.