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Ein Kommentar von Thomas Schirrmacher

Vor einem Jahr im April 2019 hat Papst Benedikt einen Artikel veröffentlicht, der erklären soll, wie es zu dem Missbrauchsskandal innerhalb der Katholischen Kirche kommen konnte. Ein Jahr später stellt man fest, dass trotz einer intensiven Berichterstattung und vielen, oft sehr emotionalen, Statements pro und contra eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem gesamten Text und seinen Hauptthesen kaum erfolgte. Grund genug, dass jetzt im Abstand unaufgeregt zu tun.

Der Papst erhält Bücher zum Thema Christenverfolgung © Osservatore Romano

Der Papst erhält Bücher zum Thema Christenverfolgung © Osservatore Romano

Die Vorwürfe zum Missbrauch durch Priester sind Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte alt. Wann immer Bischofskonferenzen, wie auch in Deutschland, Untersuchungen in Auftrag geben, finden sie Jahrzehnte zurückliegende Fälle. Im Fall Deutschlands reichen die Akten bis 1946 zurück.

Papst Franziskus geht davon aus, dass es sich um ein schon lange vorhandenes Problem handelt, das nur nie grundlegend angegangen wurde, und dass es sich um „Klerikalismus“ und um Machtmissbrauch handelt und damit um Dinge, die nicht erst gestern erfunden wurden. Und er sieht die Parallele zu Übergriffen von Priestern und Bischöfen gegenüber Nonnen. Damit ist auch deutlich, dass es sich nicht um ein Problem handelt, dass es erst in jüngster Zeit gibt.

Papst em. Benedikt meldete sich nun mit einer diametral anderen Sicht zu Wort. Ich habe wirklich beim Lesen gedacht, nach dem langen Schweigen seit seinem Rücktritt wäre es gut gewesen, wenn Benedikt auch weiter geschwiegen hätte. Ich habe sehr viele brillante Texte von Benedikt gelesen. Dies ist sein mit Abstand schwächster Text. Kardinal Ratzinger war über zwei Jahrzehnte von 1981 bis 2003 Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, die für Missbrauchsfälle bzw. die Säkularisierung von Priestern wegen moralischer Entgleisungen zuständig war. Niemand also war näher an den Beweisen dran als er.

In seinem Artikel erweckt er nun den Eindruck, dass es sich eigentlich nicht um ein Problem der Kirche handelt, sondern um ein Problem der gottlosen Gesellschaft, dass nur auf die Kirche abgefärbt hat.

„1. Die Sache beginnt mit der vom Staat verordneten und getragenen Einführung der Kinder und der Jugend in das Wesen der Sexualität.“ „Eine Gesellschaft, in der Gott abwesend ist – eine Gesellschaft, die ihn nicht kennt und als inexistent behandelt, ist eine Gesellschaft, die ihr Maß verliert.“

Da gebe ich lieber Papst Franziskus recht: Es geht um ein Problem der Kirche, nicht der Gesellschaft. Und es wird nur gelöst, wenn die Kirche sich ändert, nicht wenn die Gesellschaft sich ändert. Und selbst, wenn der Anstoß von außen gekommen wäre: Was ist das für eine Kirche, die derartige Fehlentwicklungen fast wehrlos innerhalb kürzester Zeit flächendeckend übernimmt? So jedenfalls erscheint es im Schreiben von Benedikt.

Benedikt erweckt den Eindruck, als wenn es sexuellen Missbrauch durch Priester und Bischöfe (oder etwa auch homosexuelle Beziehungen in Priesterseminaren) erst seit der Mitte der 1960er Jahre gibt und dies eine Folge der sexuellen Revolution war. Als direkte Folge dieser Revolution sei es zu einem Zusammenbruch der akademischen katholischen Moral an den Hochschulen gekommen.

Es hat doch aber nie jemand gelehrt, dass Priestern sexuelle Übergriffe gegenüber Minderjährigen moralisch erlaubt seien! Auch sehr liberale katholische Moraltheologen haben das nie gelehrt.

Papst Benedikt sagt damit direkt oder indirekt:

Benedikt sagt: Es gab diese Art sexuellen Missbrauch vor 1965 nicht oder zumindest nicht als gewichtiges Problem. (Einen Beleg dafür bringt er nicht.)

Was ist mit den Prozessen, die bereits in der Weimarer Republik liefen? Alle Feinde der Katholischen Kirche haben sich des Themas bedient, natürlich oft für Schauprozesse oder Polemik, das ändert aber nichts daran, dass sie sich auf real existierende Fälle berufen konnten.

Dazu kommt ein weiteres Problem. Der Missbrauchsskandal ist ein globaler. Wie aber sollte die sexuelle Revolution der 1960er Jahre in Deutschland dazu führen, dass zeitgleich sich Bischöfe in Chile oder Mali an Minderjährigen vergriffen?

Benedikt sagt: In kürzester Zeit schlug die sexuelle Revolution auf die an den Universitäten gelehrte Theologie auf die Priester und Bischöfe durch. „Unabhängig von dieser Entwicklung hat sich in derselben Zeit ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet.“

Wirklich? Wie sollte die sexuelle Revolution, die vorwiegend im säkularen Raum stattfand und zunächst auf erbitterten Widerstand großer Teile der Gesellschaft traf, über Nacht Tausende von Priestern und Bischöfen bewegt haben, Minderjährige zu missbrauchen? Wo ist hier der Zusammenhang? Und wenn, dann hätte es Zeit gebraucht, bis die sexuelle Revolution im Hörsaal ankam und hätte dort nur solche Neupriester beeinflusst, die ihre Ausbildung vor höchstens 40/45 Jahren begannen. Oder anders gesagt: Jeder Fall von Missbrauch, der einen Bischof oder Priester betrifft, der 50 Jahre oder älter ist, kann rein chronologisch nicht mit der sexuellen Revolution zusammenhängen.

Der australische Kardinal George Pell etwa ist Jahrgang 1941, er erhielt sein theologisches Diplom in Rom 1967. Wie soll da sein Missbrauch auf die sexuelle Revolution zurückgehen? Oder wurde in Rom wirklich bereits Mitte der 1960er Jahren die sexuelle Revolution gelehrt? Der Gründer der Legionäre Christi hat in Mexiko seit 1960 mehrere Kinder gezeugt und Seminaristen missbraucht. Eine Grand Jury des Bundesstaates Pennsylvania zählte seit den 1940er Jahren 300 katholische Priester, die des Missbrauchs schuldig sind, usw. usw.

Benedikt sagt: Missbrauch findet statt, weil und wenn es keine strenge Sexualethik mehr gibt.

Dass derartiger Missbrauch falsch ist, wissen doch aber die Täter bis heute, sonst würden sie die Taten nicht verheimlichen oder dabei helfen, die Taten anderer zu verheimlichen.

Benedikt sagt: „Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde.“

Das ist so richtig, wie es zu pauschal ist. Aber mal angenommen, es stimmt einfach so: Das soll die Erklärung dafür sein, dass Priester sich an Minderjährigen vergangen haben?

Noch zwei Anmerkungen möchte ich hinzufügen:

A. Die Opfer des Missbrauchs kommen in dem Schreiben nicht vor. Die meisten dürften das Schreiben befremdlich finden.

B. Was immer man von anderen Thesen und Einsichten der feministischen Bewegungen hält, haben sie doch in der einen Sache sicher Recht, dass Vergewaltigung und Missbrauch nicht Spielarten von Sexualität, sondern Spielarten von Unterdrückung und Machtmissbrauch sind, die durch die sexuelle Komponente noch furchtbarer werden. Deswegen dürfte Papst Franziskus eher auf dem richtigen Weg sein, das Problem mit falsch verstandener priesterlicher Autorität in Verbindung zu bringen, als Papst em. Benedikt, der rein im Bereich der Sexualität verbleibt und die Machtfrage gar nicht anspricht.

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