Dieser Beitrag ist erschienen im Jahrbuch Religionsfreiheit 2018.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags für Theologie und Religionswissenschaft (http://www.vtr-online.de) aus. Elmar Spohn (Hg.). Gottes Handeln in der Geschichte: Festschrift für Klaus Wetzel. ISBN 978-3-95776-076-0, S. 114–132.

Im Folgenden sollen zwei statistische Berichte im Bereich der Kirchen und Religionen kritisch hinterfragt werden. Zum einen eine aus dem evangelikalen Bereich stammende Zahl der Märtyrer pro Jahr, zum anderen eine aus dem säkularen Bereich stammende Rangfolge der Länder in Sachen Religionsfreiheit. Klaus Wetzel hat als einer, der häufig in Überblicksvorlesungen und -beiträgen von Zahlen und Statistiken Gebrauch gemacht hat, in seinen Veröffentlichungen früh darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, im Bereich der Missions- und Kirchenstatistik eine Fülle von Zahlen kritisch zu hinterfragen und sich im Klaren darüber zu sein, dass Zahlen nie neutrale Fakten sind.1

Und dies gilt für ihn und überhaupt, gleich ob die Zahlen von „Freund“ oder „Feind“ stammen, das heißt dass die evangelikale Bewegung auch einen gesunden kritischen Umgang mit Zahlen aus ihren eigenen Reihen benötigt. Das habe ich früh von ihm gelernt. Dass man durch die Diskussion über den Sinn und Unsinn von Zahlen ungewollt in globale, bisweilen sehr heftig geführte Debatten gezogen werden kann, wie ich es bei beiden vorgestellten Debatten erlebt habe, beweist nur, wie wichtig es ist, hinter die Kulissen zu schauen.

Zur Kritik der Zahl von 90.000 christlichen Märtyrern pro Jahr: Sind es nicht eher drei Prozent dieser Zahl?

Die zu diskutierende Zahl der Märtyrer

Seit vielen Jahren gibt es für jedes Jahr immer nur eine einzige Zahl, die jährlich als Gesamtzahl der christlichen Märtyrer pro Jahr angegeben wird, die Zahl des „Global Status of Mission“. Diese Zahl wird zwar von verschiedenen Institutionen, so vom EU-Repräsentanten für Religionsfreiheit oder dem päpstlichen Missionswerk „Kirche in Not“ („Aid to the Church in Need“) zitiert, Letzteres spricht von 130.000–170.000 Märtyrern pro Jahr.

Aber auch wenn sie mit einer gewissen Schwankungsbreite erscheint, so haben alle, die sie zitieren, sie weder selbst recherchieren lassen, noch überprüft. Sie gehen alle auf eine einzige Quelle zurück.

Die Zahl wird jährlich im International Bulletin for Missionary Research (internationalbulletin 2017) vorgelegt. Für 2010 stand die Zahl bei 178.000, für 2009 bei 176.000, (Status of Global Mission 2011) seit 2011 ist sie – unter anderem aufgrund unseres Einspruchs – auf 100.000 korrigiert worden (Status of Global Mission 2011)2 und liegt für 2015, 2016, 2017 ohne Angabe von Gründen für die Verringerung um 10% bei 90.000 (gordonconwell 2017) Viele denken natürlich, es handele sich um die Zahl der Märtyrer im jeweiligen Jahr, aber tatsächlich soll sie den Durchschnitt pro Jahr des jeweils letzten vollen Jahrzehnts angeben (also z.B. 2017 gibt den Durchschnitt für 2000–2010 an).

Der Kommentar zu „Global Status of Mission“ gibt selbst an, dass die Zahl die wohl am häufigsten zitierte Zahl aus dieser Statistik ist (gordonconwell 2017:28). Durch die Bücher „World Christian Encyclopedia“, „World Christian Trends“, „Atlas of Global Christianity“ und die elektronische „World Christian Database“ ist die Zahl in dieser Größenordnung weit verbreitet worden.

Es fällt mir schwer, diese Zahl wegen ihrer weiten Verbreitung zu kritisieren, zumal sie von seriösen Forschern und guten Freunden kommt. Aber als Wissenschaftler habe ich solche Zahlen zu oft vor säkularen Kollegen, Politikern und Journalisten weltweit, und als Gutachter im Deutschen Bundestag, dem House of Lords, dem US-Repräsentantenhaus oder im Europäischen Parlament zu verantworten gehabt, als dass unser Institut (das International Institute for Religious Freedom) sie einfach nur übernehmen könnte.

Da die Zahl von vielen säkularen, christlichen, darunter auch evangelikalen (persecution 2017) Forschern und Fachleuten 1. als viel zu hoch angesehen wird, und 2. als aufgrund zahlreicher Faktoren überhaupt nicht zu erheben gilt, wäre es wünschenswert, wenn es eine genaue Darstellung gäbe, aufgrund von welchen umfangreichen Recherchen die Zahl erhoben wird, welche wissenschaftliche Vorgaben dabei befolgt werden oder wie die Belastbarkeit von Forschungskollegen überprüft werden kann. All das liegt nicht vor – auch die ausführlichste Darstellung in den „World Christian Trends“ sagt nirgends, woher die Daten kommen und nach welchen Kriterien geschätzt wird (Barrett & Johnson 2001: 531–549, Kap 16).

Nur ist in unserer heutigen Medienwelt natürlich jemand mit einer noch so grob geschätzten Zahl im Vorteil gegenüber demjenigen, der sagt, dass die Zahl derzeit nicht zuverlässig zu erheben ist.3 Deswegen werde ich am Ende auch eine eigene Schätzung versuchen.

Zur Kritik der Zahl4

Die Zahl 90.000 war meines Erachtens für 2015 um mehr als das Zehnfache zu hoch, für 2016 sogar um das Dreißigfache! Die Zahl von 90.000 getöteten Christen ist irreführend, wenn auch korrekt berechnet, wenn man das Kleingedruckte der Berechnung des Instituts liest, das sie veröffentlicht.

1. Es ist die Durchschnittszahl pro Jahr der Schätzung für den gesamten Zeitraum 2000–2010, die auf 2017 übertragen wird. Niemand hat also für diese Zahl im Jahr 2016 Buch geführt, erst recht nicht für 2017. Die Zahl ist nicht aktuell, sondern bezieht sich auf wesentlich ältere Situationen und Verhältnisse (die Zahl für 2017 bezieht sich auf den Zeitraum 2000–2010). Deswegen bleibt die Zahl auch zehn Jahre für jedes Jahr gleich, obwohl in der realen Welt die Zahl von Jahr zu Jahr stark nach oben und unten schwankt. (De facto wurde sie einmal von 100.000 ohne Angabe von Gründen auf 90.000 geändert.) Und nur deswegen steht die Zahl auch immer schon im Voraus fest, das heißt Ende 2016 wurde die Zahl für 2017 veröffentlicht!

Einmal ganz plump gesagt: Die Leute interessiert im Jahr 2017 nicht, wie hoch die Zahl der Märtyrer zwischen 2000 und 2010 war! Und sie gehen selbstverständlich davon aus, dass eine Zahl für 2017 sich auf aktuelle Verhältnisse bezieht.

2. Die Zahl fragt nicht danach, ob die Täter die Christen getötet haben, weil sie Christen sind. Sie enthält zu mehr als 90% Christen, die Opfer von Bürgerkriegen wurden und auch Christen, die in Bürgerkriegen von „Christen“ getötet wurden. Das kann man so definieren, die Leser der Zahl werden aber sicher etwas Anderes unter Märtyrern verstehen, Politiker und Medienschaffende sowieso.

Die Rolle von Bürgerkriegen

Die Zahl der 156.000–178.000 Märtyrer pro Jahr in den Angaben für 2001 bis 2010 sind nach eigenen Angaben eigentlich eine Durchschnittszahl pro Jahr für die zehn Jahre 1990–2000 (Christianity 2011:28). Dabei muss man aber wissen, dass der weitaus größte Anteil der 1,6 Mio. Märtyrer in zehn Jahren auf die Bürgerkriege im südlichen Sudan und in Ruanda entfällt, ohne dass das ausdrücklich gesagt wird. Selbst bei einer sehr weiten Definition („martyrs in the widest possible sense“) von Christenverfolgung dürfte es aber zumindest umstritten sein, inwieweit man Ruanda überhaupt dazurechnen darf und wie hoch der Anteil der Toten im Südsudan ist, der auf Verfolgung von Christen durch Muslime zurückgeht und nicht entweder Animisten traf oder von südsudanesischen, brutalisierten Bürgerkriegsparteien ausging.

Für die zehn Jahre 2000–2010, deren Durchschnitt die neue Zahl 100.000 aus 2011 und später 90.000, ergeben soll, spielen Südsudan und Ruanda keine Rolle mehr. Hier fällt der Mammutanteil der jetzt angegeben 10 x 100.000 auf den Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo (DRC). Zwar starben dabei viele Christen, aber dass sie starben, weil sie Christen waren, wird meines Wissens in der Literatur von niemandem vertreten. Vermuten wir einmal, dass für die DRC 900.000 Märtyrer veranschlagt wurden. Der Rest von 100.000 Märtyrern über 10 Jahre käme dann einer viel niedrigeren Zahl schon recht nahe.

Was ich vor allem bemängele ist, dass nirgends die Zusammensetzung der Zahl nach Ländern angegeben wird und zwar so, dass man die Schwerpunktländer erkennen und diskutieren kann, also etwa die DRC. Dann wäre nämlich sehr leicht zu ersehen, auf welche ein bis zwei Länder die hohe Zahl zurückgeht. Und ich bemängele, dass über diese schwer einzuordnenden ein bis zwei Situationen dann keine Diskussion stattfindet.

Denn es wird ja nicht einfach jeder Christ, der in einem Bürgerkrieg wie im Kongo stirbt, mitgezählt. Es wird ein Anteil der getöteten Christen geschätzt, der als Märtyrer starb. Dieser Anteil müsste dann aber erst einmal diskutiert und begründet werden. Stattdessen erfährt man nirgends, welcher Anteil geschätzt wurde, geschweige denn wieso. Es heißt nur „a substantial proportion“ der 5,4 Mio. in der DRC. Eine Erhöhung des Anteils der Märtyrer in der DRC um 10% würde aber die Gesamtzahl der 100.000 Märtyrer pro Jahr um 54.000, also um 30% nach oben steigen lassen! Würden 10% weniger als der unbekannte Prozentsatz im Kongo geschätzt, wären das jährlich 54.000 weniger, das heißt die Zahl von 100.000 würde auf 46.000 um über 50% schrumpfen!

Das heißt, bei der Schätzung des Anteils der Märtyrer an den Opfern der Unruhen in Kongo wird de facto die Gesamtzahl der Märtyrer weltweit entschieden.

Zur Definition

Ich sehe einen generellen Widerspruch zwischen der Definition des „Status of Global Mission“, Märtyrer seien „believers in Christ … in a situation of witness“ und der Aussage „Defining and enumerating martyrs in the widest possible sense“.

Eine innerchristliche, theologische Definition wird immer viel enger sein, als eine soziologische. Als Religionssoziologe sehe ich durchaus, dass für die säkulare Welt eine sehr weite Zahl gewählt werden darf, die nicht darauf Rücksicht nimmt, ob der ermordete Christ ein Baby, ein schlechter Kirchgänger oder ein Sektierer war. Ich halte dann selbst die „situation of witness“ für unnötig. Wenn in Ägypten eine Kirche in die Luft gesprengt wird und dabei 20 Menschen getötet werden, ist das Christenverfolgung, sogar dann, wenn die 20 Ermordeten nur interessierte Gäste waren.

Meine weiteste politische Definition wäre: „Getötete Christen, die nicht getötet worden wären, wenn sie keine Christen gewesen wären.“ Aber: Selbst wenn ich diese Definition zugrunde lege, komme ich bei weitem nicht auf 170.000 oder 100.000 christliche Märtyrer pro Jahr.

Sehr selten mehr als 50 Märtyrer an einem Tag

Ereignisse mit 20 oder 50 ermordeten Christen werden heutzutage nicht nur in der christlichen Welt breit berichtet, sondern in einigen Ländern wie Deutschland in der Regel sogar auf der Titelseite von Zeitungen. Experten, die sich mit Christenverfolgung beschäftigen, bekommen solche Ereignisse sowieso mit. Keiner würde sagen, dass Ereignisse dieser Art jeden Tag vorkommen. Aber selbst wenn wir einmal davon ausgehen, es gäbe täglich ein Ereignis mit 50 ermordeten Christen, wären das im Jahr immer noch erst 18.250. Bei 20 am Tag wären es 7.300 – eine Zahl, die ich für realistischer halte.

Man mag dem entgegenhalten, dass es Ereignisse mit höheren Zahlen als 50 wegen ihres Glaubens getöteten Christen gab und gibt. Ja, es gibt sie, aber es sind Einzelereignisse und sie sind über die Jahre verteilt. Ich kenne folgende Länder in den letzten Jahren, auf die das zutrifft: Indonesien, Indien, Irak, Syrien, Nigeria. Nur dass sich diese Ereignisse kaum überschnitten haben. In den letzten Jahren sind diese schrecklichen Ereignisse punktuell innerhalb von ein bis drei Jahren geschehen und in den Jahren danach von anderen Schwerpunktländern abgelöst werden. Oder anders gesagt: Ein Ereignis mit mehr als 100 christlichen Märtyrern in einem Land pro Jahr gibt es in der Regel in einem Jahr nur einmal auf der Welt.

Merkwürdige Zahlen aus der Geschichte freier, westlicher Länder

Was für merkwürdige Zahlen herauskommen, wenn man einfach grob schätzt, zeigt sich, wenn man in der „World Christian Database“ die Länder nach der jährlichen Zahl der Märtyrer sortiert, wobei dort der Durchschnitt der letzten 50 Jahre gewählt wurde, also ab 1960.

In Dänemark und Finnland soll es je 15 Märtyrer pro Jahr geben, in Schweden 19, in der Schweiz 20, in den Niederlanden 39, in Australien 45, in Kanada 76, in Großbritannien 149 und in Deutschland sage und schreibe 192. In all diesen protestantischen Ländern sind seit 1960 keine Märtyrer bekannt, niemals aber das jeweils 50fache der genannten Zahlen. Für Deutschland wären das die Zeit von 1960 bis 2010 9.540 Märtyrer, die ein Institut in den USA gefunden hat, von denen in Deutschland selbst aber noch nie jemand gehört hat!

Dass die hohen Zahlen schwer nachvollziehbar sind und auf großzügige Schätzungen der Anteile christlicher Märtyrer an Krieg und Bürgerkrieg zurückgehen, gilt genauso für die Geschichte. Gab es wirklich 1.000.000 christliche Märtyrer in Deutschland durch die Nationalsozialisten? Kein Erforscher des Nationalsozialismus (zu denen ich mit zwei Dissertationen zum Thema selbst zähle) würde das bestätigen. Zwar starben im Zweiten Weltkrieg Millionen von Christen, aber nicht, weil sie als Christen verfolgt wurden. Zu wirklichen christlichen Märtyrern zählen solche Christen, die wegen ihres christlichen Widerstandes oder als Geistliche oder Vertreter von Glaubensgemeinschaften getötet wurden. Ihr Schicksal ist sehr gründlich erforscht, ihre Geschichte wird in Personenlexika dargestellt und zu fast jedem liegt ein Lebenslauf vor.5 Dennoch sind es insgesamt nur einige Tausende, nicht eine Million.

Soviel Märtyrer wie Tote in Bürgerkriegen und Kriegen?

Ein Vergleich kann helfen: Seit 2003 starben inklusive des Zweiten Irakkrieges im Irak bis heute geschätzte 268.000 Menschen gewaltsam, also 26.800 pro Jahr, in Syrien seit 2011 etwa 350.000 Menschen, also 70.000 pro Jahr. Die vermeintliche Zahl von 90.000 Märtyrern würde der Zahl aller gewaltsamen Opfer im Irak und Syrien entsprechen. Die weitaus meisten der Opfer sind aber keine Christen, nirgends sind aber 2015 und 2016 mehr Christen zu „Märtyrern“ geworden als dort.

Ich möchte noch einen anderen Vergleich ziehen, der mir die Zahl der 170.000 oder 90.000 als zweifelhaft erscheinen ließ und lässt. Laut Statistik der World Health Organization gab es 2004 184.000 Opfer von Kriegen und Bürgerkriegen (World Health Organization 2008:74).6 Und die Zahl der Märtyrer soll etwa genauso groß sein, ohne dass man die Fälle, die diese Zahlen zusammenbringen lassen, selbst als Experte nicht sofort auflisten kann? Man kann doch alle Kriege und Bürgerkriege eines Jahres auflisten und so deutlich machen, wie sich die 184.000 Opfer verteilen. Wenn die Zahl der Märtyrer etwa genauso groß ist: Wieso kann man dann nicht genauso die Ereignisse auflisten und zusammenzählen, quasi aus dem Kopf? Wieso fallen dann selbst Experten viel zu wenige Großereignisse ein, die die hohen Zahlen erklären könnten?

Auf dem Weg zu einer tatsächlichen Zahl für vergangene Jahre

Wie hoch ist denn die Zahl der jährlichen christlichen Märtyrer tatsächlich? Ich beschäftige mich seit Jahren damit und habe weltweit mit jedem mir bekannten Experten aller großen Konfessionen und darüber hinaus diskutiert, der dazu etwas zu sagen hat. Einmal ganz abgesehen von der Schwierigkeit der Definition: Selbst wenn man eine konkrete Definition vorgibt, weichen Experten schon für einzelne Länder stark voneinander ab. Sind die „verschwundenen Christen“ Nordkoreas vor Jahrzehnten oder Jahren umgebracht worden oder leben sie noch in Zwangslagern und werden auch aktuell getötet?

Fragt man nach der Gesamtzahl weltweit, wagt praktisch keiner eine Schätzung. Zudem sind sich alle einig, dass eine Durchschnittszahl keinen Sinn macht, sondern die Zahl der Märtyrer von Jahr zu Jahr sehr stark schwankt. Deswegen muss die Zahl – wenn überhaupt – für jedes Jahr neu erhoben werden. Wer eine Zahl für z. B. 2010 hört, geht ja sowieso davon aus, dass dies kein Durchschnittswert für 1990–2000 ist, sondern dass irgendeine Institution die Zahl konkret für 2010 erforscht, belegt oder wenigstens realistisch aufgrund von Berichten geschätzt hat.

Insgesamt sind wir meines Erachtens von einer zuverlässigen Zahl der Märtyrer pro Jahr weit entfernt. Das Internationale Institut für Religionsfreiheit wird am Ball bleiben und will zu einer fairen und offenen Diskussion weltweit beitragen.

Was wir brauchen ist eine Datenbank, in der wir für ein Jahr alle bekannten, größeren Fälle eintragen so dass wir am Ende eines Jahres nicht nur eine brauchbare Schätzung gewinnen, sondern jeder anhand der Auflistung die Belastbarkeit der Schätzung überprüfen kann.7

Das Internationale Institut für Religionsfreiheit (IIRF) schätzte die Zahl der Christen, die wegen ihres Glaubens getötet wurden, für 2014 auf 8.000 bis 9.000. Open Doors International erfasste nur belegbare Fälle und kam für 2015 auf 7.106. Für 2016 liegt die geschätzte Zahl des IIRF bei einem Drittel der Zahl für 2015 (2.000 bis 3.000), die Zahl von Open Doors für 2016, die mit dem Weltverfolgungsindex zusammen veröffentlicht wird, liegt mit 1207 wesentlich niedriger als für 2015. IIRF und Open Doors zählen aber nur die Fälle, in denen die Täter Christen getötet haben, weil sie Christen sind. Ich bin der Meinung, dass auch nur diese Zahl für die Diskussion von Interesse ist.

Schauen wir uns die Zahlen von Open Doors näher an, dann erklärt sich der Rückgang der Zahlen schnell. 2015 hatten wir laut Open Doors zwei Situationen mit über 1.000 Märtyrern, Nigeria (4.028) und Zentralafrikanische Republik (1.269), daneben drei weitere Länder zwischen 100 und 1.000, Tschad mit 750, die DRC mit 467 und Kenia mit 225. Nigeria kam 2016 auf 695, die DRC auf 156, die anderen drei zusammen auf 70 Märtyrer.

(Teil 2 wird hier nicht abgedruckt, da er bereits im Jahrbuch 2017 erschien.)

Bibliographie

  • Barrett, David & Johnson, Todd 2001. World Christian Trends. Pasadena (CA): William Carey Library.
  • BBC 2017a. http://www.bbc.co.uk/programmes/p01kdgsw.
  • BBC 2017b. http://www.bbc.com/news/magazine-24864587.
  • Gordonconwell 2017. http://www.gordonconwell.edu/ockenga/research/documents/StatusofGlobalChristianity2017.pdf.
  • Johnson, Todd M.; Barrett, David B. & Crossing, Peter F. 2011. Christianity 2011: Martyrs and the Resurgence of Religion. International Bulletin of Missionary Research Vol. 35 No. 1, 28–29.
  • Moll, Helmut (Hg.) 2010. Zeugen für Christus: Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. 2 Bde. 5. Aufl. Paderborn: Schöningh.
  • Parks, David 2015. „Smoke on the Martyrs“. https://www.thegospelcoalition.org/article/smoke-on-the-martyrs (01.07.2015).
  • Persecution 2017. http://www.persecution.net/faq-stats.htm.
  • Schirrmacher, Thomas 2011. A Response to the high counts of Christian martyrs per year. International Journal of Religious Freedom Vol. 4/2, 9–13.
  • Schirrmacher, Thomas 2011. Zur Kritik der Zahl von 178.000 (2010) bzw. 100.000 (2011) christlichen Märtyrern pro Jahr, in Klingberg, Max; Schirrmacher, Thomas & Kubsch, Ron (Hg.): Märtyrer 2012. Das Jahrbuch zur Christenverfolgung heute. Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 119–124.
  • Schirrmacher, Thomas 2011. Christenverfolgung geht uns alle an. Auf dem Weg zu einer Theologie des Martyriums; 70 biblisch-theologische Thesen. Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft (Studien zur Religionsfreiheit, Bd. 19).
  • Schirrmacher, Thomas & Müller Thomas 2016. Märtyrer zählen?, in Schirrmacher,
  • Thomas;Klingberg, Max Kubsch, Ron (Hg.): Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen 2016. Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 16–27.
  • Schultze Harald & Kurschat Andreas (Hg.) 2008. „Ihr Ende schaut an …“: Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts. 2. Aufl. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.
  • Status of Global Mission 2011. http://ockenga.gordonconwell.edu/ockenga/globalchristianity/resources.php.
  • World Health Organization 2008 The Global Burden of Disease. Geneva: WHO. http://www.who.int/topics/global_burden_of_disease/en/.
  • Worldmapper 2017. http://www.worldmapper.org/display_extra. php?selected=484.
  • worldwatchmonitor 2013. https://www.worldwatchmonitor.org/2017/01/90000-christian-martyrs-annually-claim-disputed/.
  • „Christianity 2011: Martyrs and the Resurgence of Religion“. Ibid. p. 28.

 


Fußnoten:

1 Alle nicht weiter gekennzeichneten Weblinks wurden am 12.07.2017 aufgerufen und überprüft.

2 Siehe auch Johnson, Barrett & Crossing 2011:29 und dort die Zeile 28.

3 Eine Ausnahme ist das BBC, das jährlich meine Kritik aufgreift, z.B. in worldwatchmonitor 2017, BBC 2017a und 2017b.

4 Vgl. meine frühere Kritik der Zahl (Schirrmacher 2011:9–13). Meiner Kritik schloss sich z.B. David Parks 2015 an.

5 Z. B. für den katholischen Bereich siehe Helmut Moll 2010 und für den evangelischen Bereich siehe Harald Schultze & Andreas Kurschat 2008.

6 Vgl. die Angabe von 171.000 für 2002 in der Karte des Atlas der wirklichen Welt (worldmapper 2017).

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