Nach Medienberichten (etwa hier oder hier) hat der türkische Premierminister Erdogan den mit Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof und Interpol als Völkermörder gesuchten Staatspräsidenten von Sudan in Schutz genommen, der zu einem Gipfeltreffen der Organisation Islamischer Länder in Istanbul kommen sollte, dann aber darauf verzichtete. Dass er jedoch so oder so nicht verhaftet werden dürfe, erklärte der türkische Ministerpräsident damit, dass Sudan ein islamisches Land sei und islamische Länder nicht in der Lage seien, Verbrechen wie einen Völkermord zu begehen.

Von Völkermord sprach er aber in Bezug auf Israel gegenüber den Palästinensern und in Bezug auf China wegen der Uiguren. In Gaza seien 1.500 Menschen getötet worden, so Erdogan – die UN wirft dem Sudan vor, für 300.000 Todesopfer verantwortlich zu sein!

Ein muslimischer Herrscher kann per Definition gar kein Verbrecher sein, auch wenn die Beweise noch so erdrückend sind? Sind aber Muslime die Opfer, dann wird sofort von Genozid gesprochen? Denn es scheint ja nicht zufällig zu sein, dass China offensichtlich nur des Genozids an den (muslimischen) Uiguren bezichtigt wird, nicht aber des Genozids an den (buddhistischen) Tibetern!

Wenn das dann auf die Geschichte übertragen wird, bedeutet das: Fehler der Muslime in der Vergangenheit werden geleugnet, Fehler der Nichtmuslime dagegen auch nach Jahrhunderten triumphierend angeführt. Diese Mentalität trifft dann passenderweise einerseits auf Christen, die ihre Geschichte sehr selbstkritisch aufarbeiten und viele Fehler zugeben (und das soll auch so bleiben!) und auf christentumskritische Historiker, die immer noch am liebsten nur christliche Vergehen auflisten (das aber sollte sich ändern!).

Das liegt auf einer Linie mit dem, was derzeit eine Mehrheit islamischer Länder unter Führung von Pakistan über mehrere erfolgreiche Abstimmungen gegen die Verunglimpfung von Religion (‚Defamation of Religion‘) des Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen gegen den massiven Widerstand der westlichen Länder durchzusetzen sucht, was bisher nur noch nicht bindendes internationales Recht ist: die Kritik am Islam als Verletzung der Menschenrechte. Denn in der letzten Resolution vom März 2009 ist zwar allgemein von Religion die Rede, namentlich genannt wird aber nur der Islam.

Der Islam darf kritisieren wen und wie er will, aber den Islam darf niemand kritisieren – und sei es noch so friedlich, freundlich und sachlich? Also: Alle Rechte für uns, keine Rechte für andere? Nein, das darf nicht sein! Ich habe mein Buch „Feindbild Islam“ geschrieben, weil aus christlicher Sicht die Verleumdung anderer immer falsch ist, nicht nur wenn es unsere eigene Religion oder unsere eigenen Leute trifft. Es geht um ‚Alle Rechte für alle‘.

Damit mich keiner falsch versteht oder der Pauschalverurteilung bezichtigt: Ich bin dieses Jahr in Istanbul mit türkischen Professoren verschiedener Fachrichtungen (auch islamischer Theologie!) aus dem ganzen Land zusammen gewesen, die für Religionsfreiheit eintreten und mir entsetzt über die Islamisierung von Städten und Provinzen berichteten, die unter Führung von AKP-Politikern stehen. Und ohne großen ‚akademischen Weihrauch‘ erzählen mir türkische Familien, die uns zu Hause besuchen, oder Politiker türkischer Herkunft hier in Bonn dasselbe. Also denken längst nicht alle Türken so wie der türkische Premier.

Und es geht mir keinesfalls darum, irgendwelche Spannungen zu erhöhen. Die Weltweite Evangelische Allianz ist mit einer eigenen Arbeitsgruppe stark in ‚Peacebuilding‘-Aktivitäten engagiert, bei der sich Menschen in kriselnden Regionen über die Religionsgrenzen hinweg persönlich kennenlernen und gemeinsam für Frieden engagieren. Aber trotzdem muss gleichzeitig darauf hingewiesen werden, dass international die Schieflage im Umgang mit dem Islam immer stärker wird, wenn einfach per Definition verfügt wird, dass Muslime immer die Opfer und nie die Täter sind.

 

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