Die Fundamentalismusdebatte geht oft von der irrigen Annahme aus, gewalttätige, religiöse Fundamentalisten wollten in eine vormoderne Zeit zurück. Die Journalisten, die so gerne alles und jedem Fundamtalismus anhängen wollen, kümmert eh wenig, was die wissenschaftlich belegbar ist und was nicht. Aber auch unter Wissenschaftlern stehen Fundamentalismustheorien meist fest, bevor überhaupt konkrete Bewegungen detailliert utersucht wurden. Tatsächlich sind fundamentalistische Bewegungen oft sehr modern, indem sie völlig neue theologische Konzepte entwicklen und umsetzen. Die Hoffnung, dass sie mit der Zeit ‚moderner‘ und deswegen friedlicher würden, ist deswegen trügerisch.

Die Rechtfertigung von Selbstmordattentaten im Islamismus ist etwa eine moderne Entwicklung die noch anhält. Zwar gab es um Islam früher das Konzept des Märtyrers als Krieger, der im Dschihad gefallen ist, ein Konzept, das es so im Christentum etwa nie gab (aber etwa im nationalen Gewand von europäischen Staaten oder etwa von Japan in den Weltkriegen), aber es war immer ein vom Oberhaupt – etwa dem Kalif oder Sultan – ausgerufener Krieg, man starb im Kampf gegen Ungläubige und man versuchte natürlich, so lange wie möglich zu überleben, beging also eigentlich nicht Selbstmord. (Eine Ausnahme waren die Assasinen des 11.–13. Jh., von denen keine Linie zur Gegenwart führt.)

Die Terrorattentate zur Zeit Arafats etwa konnten deswegen kaum religiös begründet werden und beinhalteten keine eigenlichen Selbstmordattentate. Erst im modernen Islamismus entwickelte sich das Konzept des Selbstmordattentates immer stärker in folgenden Stufen aus, die alle, die die letzten 25 Jahre die Medienberichterstattung verfolgt haben, selbst nachvollziehen können.

Stufen der Entwicklung von Theologie und Praxis der Selbstmordattentate in den letzten 25 Jahren

  1. Es mußte jetzt kein Dschihad mehr ausgerufen werden, sondern es ist immer auch militärischer Dschihad gegen die Ungläubigen, der Einzelne oder eine kleine Gruppe kann sich selbst beauftragen und wer dabei stirbt kommt als Märtyrer in das Paradies.
  2. Man darf sich als Mann selbst töten, wenn man dabei Ungläubige in den Tod mitnimmt.
  3. Auch männliche Kinder können Selbstmordattentäter werden (zuerst in der Intifada).
  4. Man darf dasselbe, wenn dabei als Kollateralschafen auch Muslime sterben (so zuerst in Israel, dann am 11.9.2001).
  5. Man darf dasselbe, wenn dabei fast nur oder nur Muslime sterben, aber die Ungläbigen beunruhigt werden (so zuerst im Irak).
  6. Auch Frauen können Selbstmordattentäter werden, die bisher nur als stolze Mütter der Selbstmordattentäer in Erscheinung traten (so erst seit ganz kurzem).
  7. In allerjüngster Zeit treten erstmals Mädchen als Selbstmordattentäter auf.

Kurzum: Ein Mädchen, das mit einer Bombe andere Muslime mit in den Tod nimmt, und deswegen als Märtyrerin gelobt wird, das wäre früher im Islam undenkbar gewesen, es ist vielmehr eine ganz neue theologische und dann auch praktische Entwicklung, die wenig mit dem vormodernen Islam gemeinsam hat.

 

Ein Kommentar

  1. Johannes sagt:

    Meiner Meinung ist diese Entwicklung extrem…
    Bedeutet dies, dass Selbstmordattentäter/oder die „normalen“ Terroristen sich nicht auf ihren Glauben berufen können? Ein offener Kampf/Krieg wird ja gar nicht geführt….

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