„Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber“ (Bernd Schirrmacher)

Kürzlich besuchte ich in Soweto das frühere Haus von Desmond Tutu. Der 85-jährige Friedensnobelpreisträger und einstige anglikanische Erzbischof von Kapstadt ist neben Nelson Mandela Symbolfigur der Überwindung der Apartheid in seinem Land. Tutu nahm Mandela in der ersten Nacht nach seiner Freilassung auf, später ernannte Präsident Mandela Tutu zum Vorsitzenden der Wahrheits- und Versöhnungskommission zur Aufarbeitung der Verbrechen während der Rassentrennung.

Vor der Mandealstatue in Pretoria

Vor der Mandealstatue in Pretoria

Kein geringerer als Desmond Tutu sagt nun über Südafrika und über Südafrikas Präsidenten Zuma:

„Diese Regierung ist schlimmer als die während der Apartheid“.

Was muss das bitter für Tutu sein. Und was für eine Tragödie, dass er Recht hat.

Alles, aber auch alles noch so Gute wird durch Korruption in Frage gestellt. Korruption ist ein Urübel an der Wurzel aller Errungenschaften. Wer Korruption duldet, duldet eigentlich auch alle anderen üblen Dinge in der Welt.

Ich gehöre theologisch sicher nicht in das Lager von Tutu und stimme längst nicht mit allen früheren und gegenwärtigen Handlungen und Vorstößen überein – so jüngst sein Vorstoß pro Sterbehilfe. Aber wo er recht hat, hat er recht.

Mandelastatue vor dem südafrikanischen Sitz von Präsident und Regierung

Mandelastatue vor dem südafrikanischen Sitz von Präsident und Regierung

Das Schlimmste dabei ist: Diesmal ist die personifizierte Korruption von der Mehrheit in freien Wahlen ins Präsidentenamt gewählt worden – wie beispielsweise auch in Russland oder der Türkei. Und zwar nachdem alles über lange Zeit in den Medien ausgebreitet wurde. Wenn ein Präsident, gegen den weit über hundert Ermittlungsverfahren wegen Korruption laufen, zahlreiche unter dubiosen Umständen niedergeschlagen hat (meist, indem die Ermittler ihr Amt verloren), sich schließlich seines angesehenen Finanzministers Pravin Gordhan entledigt, damit seine Getreuen Zugriff auf die Staatskoffer bekamen, und sich dann aus Steuergeldern ein privates Schloss in seinem ärmlichen Heimatdorf für 18 Millionen US$ baut, kann man niemand mehr entschuldigen, der ihn trotzdem gewählt hat.

Ich weiß, dass die Partei Zumas von ihrem großen Erbe lebt und es die Partei ist, nicht der Wähler, die entscheidet, wer als Präsident in Frage kommt. Ich weiß, dass Zuma als wegen Korruption abgesetzter Vizepräsident geschickt die Partei benutzt hat, um den amtierenden Präsidenten Mbeki aus dem Amt zu katapultieren.

Heutiges Slum außerhalb des früheren Soweto (Johannesburg)

Heutiges Slum außerhalb des früheren Soweto (Johannesburg)

Und ich weiß, warum immer noch viele dem ANC ihre Stimme geben, die damit eigentlich Mandela, den großen Umbruch und die Tradition ihrer Partei meinen. Ich weiß, dass Zuma und andere den bisherigen ANC-Wählern erfolgreich den Eindruck vermitteln, ohne sie würden die Ärmeren unter ihnen noch das Letzte verlieren, was sie haben. Als würden sich die superreichen Korrupten jemals um die Armen scheren.

Das ändert aber nichts daran: Die Demokratie, die vor allem erfunden wurde, um korrupte und sonstig üble Regierungen ohne eine blutige Revolution friedlich beseitigen zu können, dient hier zum Machterhalt der Korrupten. Afrika hätte so dringend das Vorbild Südafrikas gebraucht, dass die Masse der Wähler Politiker und Parteien abwählt, die nicht dem Land dienen, sondern sich selbst und ihren Getreuen.

Die Chance kommt bei jeder Wahl wieder!

Die Chance kommt bei jeder Wahl wieder! Und immer zeigt sich bei kleineren Wahlen bereits, dass man die südafrikanischen Wähler nicht für dumm halten sollte. Wer es geschafft hat, auch mit dem Stimmzettel die Apartheid los zu werden, der schafft es auch, mit dem Stimmzettel Korruption an der Spitze abzuwählen.

Mein verstorbener Vater sagte zu solchen Fällen, wo demokratische Wahlen nicht dazu genutzt wurden, schlechte und korrupte Herrscher unblutig aus dem Amt zu entfernen:

„Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber“.

Das dürfte er wohl von dem deutschen Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht (1898–1956) abgeschaut haben, den er eigentlich nicht leiden konnte :=). Dort lautet der Spruch im Original:

„Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber“.

Edmund Stoiber hat daraus später „Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber“, gemacht. Ich finde, die Version meines Vaters reimt sich aber besser und rhythmischer:

„Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.“

 

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