Thomas Schirrmacher besuchte das Grab von Elisabeth Schiemann (1881–1972), Professorin für Genetik, die sich gegen den Nationalsozialismus aussprach und eine „Gerechte unter den Völkern“ war

Im Vorfeld seines Besuchs in Yad Vashem in Jerusalem Mitte 2022 besuchte Thomas Schirrmacher das Grab einer der „Gerechten unter den Völkern“. Diese Auszeichnung wird von Yad Vashem Nicht-Juden verliehen, die während des Holocausts das Leben von Juden gerettet haben. Elisabeth Schiemann (1881–1972) wurde 2014 mit diesem wertvollen Titel geehrt.

Thomas Schirrmacher am Grab von Elisabeth Schiemann © BQ/Martin Warnecke

Schiemann wurde in Viljandi (Estland) geboren, lebte aber seit 1887 in Berlin. Sie war eine der ersten Frauen in Deutschland, die in Deutschland studieren, promovieren und Professorin werden konnten. Mit ihrer Promotion von 1912 hielt sie Vorlesungen über Saatgutkunde und Reproduktionsbiologie, wobei ihr eigentliches Forschungsgebiet die Geschichte der Kulturpflanzen war. Von 1931 bis 1943 arbeitete Schiemann am Botanischen Institut Berlin-Dahlem. Ihr 1932 erschienenes Buch „Entstehung der Kulturpflanzen“ wurde zu einem Standardwerk auf dem Gebiet der Kulturpflanzen und brachte ihr internationale Anerkennung und Ruhm ein.

Im Jahr 1931 wurde sie Mitglied des Lehrkörpers der Universität Berlin. Als eine der weltweit führenden Genetikerinnen sprach sie sich offen gegen die so genannte Rassenpolitik des Nationalsozialismus und dessen Pseudodarwinismus, gegen die Judenverfolgung und die Abschaffung des Mehrparteiensystems aus. Dies brachte sie in Konflikt mit dem Regime und 1940 wurde ihr nach einer Denunziation und einem Streit um ihren Lehrauftrag die Venia legendi entzogen. Dennoch nahm sie 1943 ihre Lehrtätigkeit in Wien wieder auf. 1946 erhielt sie eine Professur an der wiedereröffneten Berliner Universität, lehrte dort Genetik und Pflanzengeschichte und blieb bis zu ihrer Emeritierung 1956 in hochrangigen akademischen Positionen.

Elisabeth Schiemann engagierte sich aktiv in den Widerstandsgruppen der Ortsgemeinde Berlin-Dahlem und war zusammen mit ihrer Schwester Gertrud (1883–1976) Mitglied der Bekennenden Kirche in Berlin-Dahlem. Sie widmete sich dem Schreiben an Pfarrer und Pastoren der Bekennenden Kirche und forderte sie auf, das Naziregime deutlicher zu verurteilen. Darüber hinaus protestierte sie bei Regierungsvertretern gegen die Behandlung emigrierter Juden. Sie half den Schwestern Valery und Andrea Wolfstein, der Deportation zu entgehen, und verteidigte jüdische Kollegen, die an wissenschaftlichen Symposien teilnahmen.

Nach der Ehrung des Grabes von Elisabeth Schiemann besuchte Schirrmacher auch die St. Annen-Kirche in Berlin-Dahlem, auf deren Friedhof das Grab liegt. Während des Nationalsozialismus (1933–1945) war die Kirche ein Ort der Bekennenden Kirche. Hier versammelte sich die Gemeinde ab dem 4. Juli 1937, nach der Verhaftung ihres Pfarrers Martin Niemöller, jeden Abend um 18 Uhr zu Fürbittgottesdiensten für alle Häftlinge. Die zweite Bekenntnissynode tagte am 19. und 20. Oktober 1934 im gegenüberliegenden Gemeindehaus. In dieser Zeit wirkten auch die Pfarrer Franz Hildebrandt und Helmut Gollwitzer in St. Annen.

Von dort aus ging Schirrmacher weiter zum Nachbarhaus, dem Pfarrhaus, das heute das Martin-Niemöller-Haus ist, ein Ort des Gedenkens und der Forschung über die Bekennende Kirche im Widerstand gegen Hitler. Dort übergab Schirrmacher sein zweibändiges Buch „Hitlers Kriegsreligion“ an die Bibliothek des Niemöller-Hauses.

 

Ein Kommentar

  1. Fujio Watanabe sagt:

    Sehr wichtige historische Forschungen die nächste Generationen wissen sollen.

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