Die OECD hat wieder einmal festgestellt, dass Mädchen und Jungen in der Schule unterschiedlich sind und macht dafür wieder einmal die bösen Eltern und die Umwelt verantwortlich. Es muss doch irgendwie möglich sein zu erzwingen, dass Mädchen und Jungen gleich werden, selbst wenn die Mädchen das gar nicht wollen, oder?

Meine Frau und ich haben fast den gleichen Beruf, sie als Professorin für Islamwissenschaft, ich als Professor für Religionssoziologie und für Theologie. Wir haben uns gegenseitig immer gefördert und sind beruflich beide etwa auf demselben Niveau angekommen. Auf unterschiedlichem Wege sind wir auch unabhängig voneinander zu Sprechern der Weltweiten Evangelischen Allianz geworden, ich für Menschenrechte, sie für Fragen des Islam.

Dennoch sind unsere beiden Kinder zweierlei Geschlechts der perfekte Beweis für die Ergebnisse der neuen OECD-PISA-Ergebnisse. Mehr will ich nicht sagen, da das Privatleben meiner Kinder hier nicht her gehört. Nur, an den Eltern oder an unserer Förderung und Ermutigung liegt es bestimmt nicht, dass unsere Kinder so typisch männliche und weibliche Interessen entwickeln. Meine Mutter war Chemikerin bei den Behringwerken und an der Universität in Marburg, warum sollte also meine Tochter nicht ebenfalls zu so etwas tendieren? Von klein auf habe ich ihr naturwissenschaftliche Bücher geschenkt, um unsere Einseitigkeit bezüglich Sozialwissenschaften auszugleichen – scheinbar erfolglos.

Nur: Könnte der Aufschrei der OECD, dass selbst in den skandinavischen Ländern, die ‚Gender Mainstream‘ schon viel länger, viel intensiver und teils mit der Brechstange durchgeführt haben, Schülerinnen immer noch in anderen Fächern im Durchschnitt besser seien als Schüler, nicht eher Anzeichen für ideologische und damit unwissenschaftliche Reflexe sein?

Oder anders gesagt: Soll ich jetzt meine Tochter zwingen, statt ihre Lebensträume zu verwirklichen und ihre Gaben und Fähigkeiten umzusetzen, etwas anderes zu machen, damit die OECD und Politiker zufrieden sind?

Im übrigen weiß ich aus eigener Erfahrung, dass manche Lehrerinnen Jungen regelrecht verachten und in Mädchen ‚umstricken‘ wollen. Warum wird das angesichts der sich aufhäufenden Belege für die Benachteiligung von Jungen in unserem Schulsystem von der OECD nicht thematisiert? Warum gilt es nicht als Benachteiligung, dass fast nur noch Frauen Lehrer werden? Warum immer nur dieselbe Leier, als lebten wir noch in den 1960er Jahren? Ich bin ein moderner Vater (siehe mein Buch ‚Moderne Väter‘) und habe keine Lust, mich an althergebrachten Weisheiten zu messen, die unterschiedlichen Gewichtungen und Interessen von Jungen und Mädchen seien nur Folge gesellschaftlicher und elterlicher Borniertheit. Vor 40 Jahren konnte man das nicht widerlegen, heute aber durchaus.

Gott hat Mann und Frau gleichwertig, gleichberechtigt, aber nicht gleichartig erschaffen. Diese uralte Einsicht der ersten Kapitel der Bibel scheint mir realitätsnaher und revolutionärer zu sein, als die Forderungen fundamentalistischer Strömungen in vielen Religionen einerseits, aber auch als der im wissenschaftlichen Gewand daherkommende Fundamentalismus des Gender Mainstream: Was nicht sein darf, das nicht sein kann.

Ich stimme dem folgenden Kommentar von Dorothea Siems voll und ganz zu:

Dorothea Siems. „Es lebe der Unterschied“. Die WELT vom 27.5.2009, S. 1:

„Der Aufschrei ist so laut wie erwartbar. Der Pisa-Bericht zu den Unterschieden von Jungen und Mädchen beim Bildungserfolg belegt das, was Lehrer und Eltern tagtäglich beobachten: Den Buben fällt das Rechnen leichter, die Mädels lesen besser. Für Gleichstellungspolitiker ist dieses Ergebnis ein Skandal. Schließlich verkünden sie uns seit Jahren die Botschaft, Rollenbilder seien lediglich antrainiert und ein Ergebnis von Erziehung und gesellschaftlichem Druck. Interessanterweise stehen auch die Vorreiter des Gender Mainstreaming, der Einebnung aller Geschlechterunterschiede, im Norden Europas nicht anders da als wir. Auch in Ländern wie Schweden oder Norwegen studieren die Frauen lieber Soziologie als Physik und werden lieber Krankenschwester als Fliesenlegerin.

Die OECD-Experten selbst weisen darauf hin, dass unabhängig von den jeweiligen Fähigkeiten die Jungen und Mädchen unterschiedliche Interessen haben: Frauen neigen dazu, einen Beruf zu wählen, bei dem sie es mit Menschen zu tun haben; Jungen sind dagegen an Fakten und Technik interessierter. Dass die männlichen Schüler heute häufiger in unserem Bildungssystem durch den Rost fallen, hängt offenbar auch damit zusammen, dass die Stärken der Jungen zu wenig im Vordergrund stehen. … Die Stärke der Männer liegt im Umgang mit Computern und technischen oder mathematischen Jobs. Ginge es nur nach der Neigung der Mädchen, könnten die Jungen diese Bastionen ruhig behalten. Der Zeitgeist aber will, dass die Frauen auf allen Feldern gleichziehen.

Bis zu einem gewissen Maße werden sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede verringern lassen. Schließlich haben die Mädchen in früheren Männerdomänen wie Medizin längst aufgeholt. Doch bedeutet Emanzipation nicht, dass die Frauen wie Männer werden sollten oder umgekehrt. Als Neutrum wäre der Mensch mit Sicherheit nicht glücklicher.“

 

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