Entwurf einer neuen Richtung für die christlich-muslimischen Beziehungen

In den vergangenen drei Jahren hat die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) Gespräche mit Vertretern der weltweit größten muslimischen Organisation, der Nahdlatul Ulama (NU) in Indonesien, geführt, um den gemeinsamen Wunsch zu verfolgen, die Religionsfreiheit für alle zu schützen. Die entstehende Partnerschaft führte kürzlich zur Veröffentlichung eines gemeinsamen Buches mit dem Titel „God Needs No Defense – Reimagining Muslim-Christian Relations in the 21st Century“. Die WEA und die NU hoffen, einen neuen Weg für Christen und Muslime aufzuzeigen, damit sie ehrlich und respektvoll miteinander umgehen können, auch wenn sie mit dem Glauben des anderen nicht übereinstimmen.

Bischof Dr. Thomas Schirrmacher (links), Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, zusammen mit KH. Yahya Cholil Staquf, Generalsekretär des Obersten Rates der Nahdlatul Ulama © WEA/Timothy Goropevsek

Was manche als „unwahr-scheinliche Partnerschaft“ zwischen der WEA, die über 600 Millionen Evangelikale in 143 Ländern vertritt, und der NU, die etwa 90 Millionen Muslime vertritt, beschrieben haben, wurzelt in dem gemeinsamen Wunsch, radikalen und gewalttätigen Ausdrucksformen der Religion entgegenzuwirken und eine sicherere und friedlichere Welt zu gestalten. Die wichtigste Grundlage für ein friedliches Zusammenleben ist, dass Staat und Gesellschaft das Recht eines jeden Menschen auf freie Religionswahl respektieren, oder wie es WEA-Generalsekretär Bischof Dr. Thomas Schirrmacher ausdrückte:

„Wir setzen uns gemeinsam für das Recht ein, uns gegenseitig zu bekehren.“

In seiner Dankesrede anlässlich der Buchvorstellung im Juli in Washington, D.C. wies Schirrmacher darauf hin, dass es sowohl im Christentum als auch im Islam in der Geschichte Zeiten gab, in denen theologische Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Religionen oder sogar zwischen verschiedenen Gruppen innerhalb derselben Religion zu Konflikten oder sogar Kriegen führten. Andererseits gibt es auch viele Beispiele für Gesellschaften, in denen Christen und Muslime friedlich zusammenleben und zuweilen auch in Fragen von gemeinsamem Interesse zusammenarbeiten.

Im Bewusstsein, dass manche Gläubige zögern, sich mit Andersgläubigen einzulassen, weil sie befürchten, ihre eigenen Überzeugungen zu kompromittieren, betonte Schirrmacher, dass interreligiöser Dialog und Zusammenarbeit nicht im Widerspruch zu absoluten Wahrheitsansprüchen stehen.

„Es ist möglich, sich für Religionsfreiheit, soziale Harmonie und interreligiöse Zusammenarbeit einzusetzen, ohne die Überzeugungen anderer religiöser Gruppen zu teilen“, sagte er.

Er verwies auch auf den Beschluss zur Religionsfreiheit, der auf der Generalversammlung der WEA im Jahr 2008 verabschiedet wurde und in dem es heißt:

„Die WEA unterscheidet zwischen dem Eintreten für die Rechte von Mitgliedern anderer oder keiner Religionen und der Befürwortung der Wahrheit ihrer Überzeugungen. Das Eintreten für die Freiheit anderer kann erfolgen, ohne die Wahrheit ihres Glaubens anzuerkennen.“

„Relativisten oder Menschen, die keine feste, tiefe Überzeugung von der absoluten Wahrheit haben, sind viel weniger zu einem sinnvollen Dialog fähig, weil sie sich nicht mehr wirklich sicher sind, was sie glauben. Im Gegensatz dazu kann es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Gruppen kommen, die wissen, was sie glauben, weil sie Bereiche mit klarer Übereinstimmung erkennen und in diesen Bereichen zusammenarbeiten können“, bemerkte Schirrmacher. Er fügte hinzu, dass „umgekehrt Freiheit und Harmonie nicht automatisch entstehen, wenn Religionsgemeinschaften oder nicht-religiöse Menschen ihre Wahrheitsansprüche aufgeben“.

Die Religionsfreiheit ist seit ihrer Gründung im Jahr 1846 ein Hauptanliegen der WEA. Sie war die erste globale Glaubensgemeinschaft, die sich nicht nur für die Religionsfreiheit der Evangelikalen, sondern auch für Andersgläubige oder Nichtgläubige einsetzte. Die gemeinsamen Bemühungen mit der NU, die friedliche Koexistenz zu fördern und den anderen zu ermöglichen, ihren Glauben frei zu teilen, bauen auf dieser langen Tradition auf.

Das Thema stand auch im Mittelpunkt von Schirrmachers Antrittsrede, als er Anfang dieses Jahres die Leitung der WEA übernahm. In seinen Ausführungen, die auch in das Einführungskapitel von „God Needs No Defens“ aufgenommen wurden, wies er darauf hin, dass der Gedanke der Religionsfreiheit und die Notwendigkeit einer auf dem freien Willen beruhenden Glaubensentscheidung nicht einfach ein politisches Prinzip darstellen, sondern zum Verständnis von Gottes Liebe und seinem Wunsch nach einer Beziehung zu den von ihm erschaffenen Menschen dazugehört.

„Gott selbst will geliebt werden, will, dass wir ihm vertrauen, will unser Leben. Er will nicht, dass wir zu ihm beten, weil wir gezwungen sind oder weil uns jemand bezahlt oder übervorteilt hat. Er will unser ganzes Vertrauen, unser ganzes Herz und unsere ganze Liebe, und Liebe ist etwas, das nicht erzwungen werden kann“, erklärte Schirrmacher.

Das Buch wurde herausgegeben von Dr. Thomas K. Johnson, leitender theologischer Berater der WEA und Sonderbeauftragter für das Engagement im humanitären Islam, gemeinsam mit C. Holland Taylor, Vorsitzender und CEO der LibForAll Foundation und Abgesandter für die UNO, Amerika und Europa für Gerakan Pemuda Ansor, die weltweit größte muslimische Bewegung für junge Erwachsene. In seiner Rede bei der Buchvorstellung erläuterte Johnson die Wahl des Buchtitels:

„Ein Szenario von Dschihad und Kreuzzügen regt immer noch die Phantasie vieler Menschen an. Denken Sie an den 11. September 2001 oder an die anhaltenden Konflikte in der Sahelzone und in Westafrika. Wenn wir sagen, ‚Gott braucht keine Verteidigung‘, haben wir genau das im Sinn. Anstelle von militärischen Konflikten als Mittel zur ‚Verteidigung Gottes oder einer Religion‘ entwickelt das Buch, das wir heute veröffentlichen, eine ernsthafte theologische Diskussion darüber, wie wir als gute Nachbarn zusammenleben und wie unsere Glaubensgemeinschaften gemeinsam zu einer blühenden Gesellschaft beitragen können. Eine ernsthafte Grundsatzdiskussion muss an die Stelle eines gewaltsamen Konflikts treten.“

In einem Artikel für Christianity Today aus dem Jahr 2020 verwies Johnson auf das Beispiel Gambias als Frucht der gemeinsamen Initiative mit der NU. Das kleine westafrikanische Land, das zu 95 % muslimisch ist, stand kurz davor, die Scharia in seiner neuen Verfassung zu verankern, was „sowohl Christen als auch tolerante Muslime beunruhigte“.

„Schirrmacher stellte fest, dass einige muslimische Führer in Gambia bereits von der Allianz der WEA mit Humanitarian Islam gehört hatten und davon positiv beeindruckt waren. Das Engagement hat gezeigt, dass Christen und friedliche Muslime, obwohl sie oft kulturelle Unterschiede und Missverständnisse zu überwinden haben, in vielen Ländern politisch effektiver und überzeugender sein können, wenn sie zusammenarbeiten“, fuhr er fort.

Die gemeinsamen Bemühungen von evangelikalen Christen und gemäßigten Muslimen haben letztlich dazu beigetragen, die Aufnahme der Scharia in die Verfassung zu verhindern. In Bezug auf die NU kommentierte Johnson:

„Wir haben grundlegende religiöse Unterschiede, aber diese Muslime versuchen, den Menschen ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen, und dafür gebührt ihnen unser Beifall.“

Ebenfalls anwesend bei der Buchvorstellung waren der globale Botschafter der WEA, Rev. Dr. Brian Stiller, und Dr. Christine Schirrmacher, Direktorin des Internationalen Instituts für Islamische Studien, die beide anlässlich der Generalversammlung der WEA im November 2019 in Jakarta (Indonesien) an Treffen mit den Verantwortlichen der NU teilgenommen hatten, sowie Dr. Paul Marshall, akademischer Berater der WEA für Religionsfreiheit, und Timothy Goropevsek, Kommunikationsdirektor der WEA.

Siehe auch die Würdigung von Rabbi David Sapperstein bei der Buchvorstellung sowie den Forschungsartikel „A Case for Ethical Cooperation between Evangelical Christians and Humanitarian Islam“ von Dr. Johnson in Evangelical Review of Theology, August, 2020.

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