Die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) trauert um den ecuadorianischen Pastor, Lehrer, Theologen und Missiologen C. René Padilla, der am 27. April verstarb. Padilla ist allgemein als eine der einflussreichsten Stimmen der internationalen Evangelikalen in den letzten 50 Jahren geschätzt.

C. René Padilla © Ruth Padilla deBorst

C. René Padilla © Ruth Padilla DeBorst

In einem lateinamerikanischen Kontext, der durch das Aufkommen revolutionärer Strömungen der Befreiungstheologie geprägt war, entwickelte Padilla ab den 1950er Jahren das als integrale oder ganzheitliche Mission bekannte Konzept, das die zentrale Bedeutung des Strebens nach sozialer Gerechtigkeit innerhalb der evangelikalen Theologie betonte.

Padillas Tochter, Ruth Padilla DeBorst, betonte, dass

„die von Menschen in anderen Breitengraden formulierten Antworten nicht ausreichten“, um die Vision ihres Vaters von einem christlichen Glauben zu erfüllen, der für die dringendsten Probleme auf seinem Kontinent relevant ist. Stattdessen arbeitete er zusammen mit seinen Kollegen Samuel Escobar und Pedro Arana daran, „eine Theologie aus dem und für den lateinamerikanischen Kontext zu entwickeln, eine Theologie, die ganzheitlich vom Evangelium her auf die dringlichen Herausforderungen in ihrer Umgebung antworten würde“.

Padilla begründete oder beeinflusste das sozialpolitische Engagement zahlreicher prominenter evangelikaler Organisationen, darunter die International Fellowship for Mission as Transformation (INFEMIT), die Lausanner Bewegung, Micah Global und Tearfund.

Die frühere Direktorin von Micah Global, Sheryl Haw, beschrieb Padilla als

„eine visionäre Führungspersönlichkeit, die davon überzeugt war, dass, wenn die Ortsgemeinden glaubten, dass Jesus Christus der Herr über alles und jeden ist, und diese Wahrheit dann in ihrem täglichen Leben auslebten, eine Veränderung in allen Bereichen des Lebens sichtbar werden würde. Renés Lehre, sein lebendiges Vorbild und seine Freundschaft waren der Anstoß für die Arbeit und den Dienst von Micah Global. Er hat mein Leben beeinflusst, und ich fühle mich zutiefst geehrt, ihn kennengelernt zu haben“.

WEA-Generalsekretär Thomas Schirrmacher erzählte von seiner Begegnung mit Padilla bei der Konferenz der Lausanner Bewegung in Kapstadt 2010:

„Für mich war es, als ob ich mit den Kirchenvätern sprechen würde! René hat das Denken vieler Menschen in meiner Generation geprägt. Zu einer Zeit, als der Evangelikalismus noch von den reichen westlichen Ländern dominiert wurde, ebnete er den Weg für die Kirche in den ärmeren Ländern – eine Kirche, die oft diskriminiert und unterdrückt wird, dabei jedoch nicht in eine Opferhaltung verfällt, sondern die Welt für Jesus verändern will. René lehrte uns, dass die Kirche nicht dazu da ist, sich in eine reiche Welt einzufügen, sondern dass sie immer ein Element der Gegenkultur bewahrt. Er half uns zu verstehen, dass die bösen Strukturen in dieser Welt nicht nur persönliche Sünden und Unzulänglichkeiten sind, sondern auch strukturelle Ungerechtigkeiten beinhalten. Und vor allem hat er nicht nur eine umfassende Agenda zur Frage formuliert, ob wir wirklich so nach Gottes Willen leben, wie es in der Heiligen Schrift beschrieben ist, sondern er hat diese Agenda auch selbst ausgelebt. Wir danken René dafür, dass er in jahrzehntelangen Diskussionen bereitwillig den Kopf hingehalten hat, und wir danken dem Heiligen Geist, dass er Renés Vision in die Herzen vieler Menschen gepflanzt hat.“

Escobar, wahrscheinlich Padillas engster Mitarbeiter, beschrieb ihn als „einen Theologen, der auf seine Zeit reagierte“, und stellte fest, dass sie mit einem Lateinamerika konfrontiert waren, das von Revolutionen und Guerillakriegen zerrissen war, und dann, als sich ihr Einfluss weltweit ausbreitete, auf asiatische und afrikanische Kirchen trafen, die noch aus der Kolonialzeit stammten.

„Nur wenn wir das historische Zeitgeschehen und die Entscheidung, sich ihm kreativ zu stellen, begreifen, können wir die Lausanner Verpflichtung und die Reaktion darauf verstehen“, erklärte Escobar.

„René Padilla hat mutig die Grundannahmen einer globalen evangelikalen Kirche in Frage gestellt, die unverhältnismäßig stark von westlichen Industriewerten und einem fragmentierten und polarisierten Missionsprogramm beeinflusst ist“, sagte Jay Matenga, Exekutivdirektor der Missionskommission der WEA. „Seine prophetischen Herausforderungen werden Visionen für eine bessere Welt für die kommenden Generationen wecken. Bei der integralen Mission gibt es jetzt kein Zurück mehr – unser Bewusstsein ist geweckt worden.“

Der ehemalige Geschäftsführer der Missionskommission, David Ruiz, fügte hinzu:

„René Padilla ging über unsere Grenzen hinaus, als er auf dem Lausanner Kongress 1974 über dieses neue, sich abzeichnende Paradigma aus Lateinamerika sprach und zusammen mit seinem Freund Samuel Escobar von dort aus einen Richtungswechsel in der globalen Kirche und der Weltmission einleitete. Aber über den Theologen und Denker hinaus war er ein bescheidener Mann, ein guter Freund, der mich auf meinem Weg mit seinen persönlichen Bemerkungen, Herausforderungen und seiner Freundschaft inspirierte.“

Gegen Ende seines Lebens fungierte Padilla über ein Jahrzehnt lang als Chefredakteur seines Meisterwerks, des ‚Comentario Bíblico Contemporáneo‘ (Zeitgenössischer Bibelkommentar), der 2019 mit Beiträgen von mehr als 100 Autoren veröffentlicht wurde.

„Es war ein riesiges Unterfangen, und wir standen vor vielen Hindernissen und Herausforderungen, aber Renés Liebenswürdigkeit und seine bescheidene Art waren für uns alle ein Ansporn“, sagte Rosalee Velloso Ewell, Exekutivdirektorin der Theologischen Kommission der WEA, die als Redakteurin für das Neue Testament für das Projekt zuständig war. „Dieses einzigartige Werk ist das Ergebnis von Renés Träumen und Gebeten. Mögen wir alle lernen, große Träume zu haben und auf Gott zu vertrauen, um solche Träume zu verwirklichen, wie René es tat.“

Padilla war über 40 Jahre lang in der WEA aktiv. Seine Tochter DeBorst führt sein Erbe als ständige WEA-Repräsentantin bei weltweiten Einsätzen fort.

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