Der Welt fehlt der moralische Kompass und da, wo er vorhanden ist, die Kraft, ihn umzusetzen

Derselbe SPIEGEL, der von der Bundesregierung erwartet, kurz vor der schwarzen Null im Bundeshaushalt im großen Stil erneut Schulden zu machen, erklärt zugleich durch den Finanzexperten Henrik Müller, dass die Welt in mehr Schulden denn je versinkt und nichts, aber auch gar nichts aus der Finanzkrise gelernt habe [Henrik Müller. „Globale Finanzmärkte: Die Welt versinkt in Schulden“. 5.10.2014]. Müller schreibt:

„Wer keine Fehler macht, wagt zu wenig. Wer den gleichen Fehler immer wieder macht, dem ist nicht zu helfen. Die Finanzkrise von 2007/08 lässt sich vielleicht noch als Ausrutscher einer überoptimistischen Globalisierungseuphorie verstehen. Dass es seither genauso weitergeht, ist das eigentliche Drama.“

Es geht aber nicht einfach weiter so, sondern es wird seit der Krise alles noch viel schlimmer. Das Schuldenkarussell dreht sich so schnell wie noch nie!

Als Theologe und Soziologe kann ich nicht mit so eindrücklichen Zahlen aufwarten, wie Müller als Fachmann:

„Ein paar Zahlen: Die weltweit aufgelaufenen Schulden der Staaten und der Privatwirtschaft betrugen Ende 2007 stolze 107 Billionen Dollar, gut das Doppelte der globalen Wirtschaftsleistung. Seither ist viel von Schuldenabbau, von strenger Finanzmarktregulierung und von Sparen die Rede. Man darf sich davon nicht täuschen lassen. Geschehen ist tatsächlich das Gegenteil: Die Schulden sind weiter gestiegen, in einigen Ländern sogar explodiert, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich vorgerechnet hat. Bei unglaublichen mehr als 150 Billionen Dollar lagen sie Ende 2013, rund das Zweieinhalbfache des globalen Sozialprodukts.“

„2006 hatte Spanien Nettoauslandsschulden von 860 Milliarden Dollar, heute sind es 1,4 Billionen. Italien hatte damals 450 Milliarden, heute 740. Die Türkei: damals 200 Milliarden, heute mehr als 400. Brasilien: damals 350 Milliarden, heute 750. Indien: damals 180 Milliarden, heute 480. Ach ja: Spitzenreiter USA hatte damals knapp 2 Billionen Dollar Auslandsschulden, heute sind es 5,7 Billionen.“

Auch wenn Deutschland immerhin den ausgeglichenen Haushalt anstrebt – die Altschulden sind davon ja noch nicht weg –, so betrifft uns die Entwicklung aber doch sehr direkt und könnte uns trotz der Haushaltsdisziplin in den Strudel reißen, denn:

„Neben Japan und China hat Deutschland die höchsten Forderungen an den Rest der Welt: 1,7 Billionen Dollar, knapp 50 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung.“

Wie sagte schon Paulus so treffend?

„Die reich werden wollen, fallen in Versuchung und Verstrickung und in viele törichte und schädliche Begierden, die die Menschen in Verderben … versinken lassen. Denn Geldgier ist die Wurzel von allerlei Übeln …“ (1. Brief an Timotheus 6,9–10).

Unmoral – und Gier als eine ihrer Formen – lässt den gesunden Menschenverstand aussetzen. Denn dass der Zug in die falsche Richtung fahrt, lässt sich problemlos von Experten vorrechnen. Aber die Kraft, den Zug anzuhalten, bringt der eine Verstand offensichtlich nicht einfach mit sich. Noch einmal Paulus: „Das Gute, dass ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Römerbrief 7,19). Wider besseres Wissen und Gewissen nennt man ein solches Handeln. Zur Bekämpfung des Bösen braucht es eben mehr als Aufklärung und gute Argumente.

Unmoral ist eben eine Macht, die auch dann zuschlägt, wenn der gesunde Menschenverstand sich doch noch gemeldet hat und einsieht, dass der Zug in die falsche Richtung fährt. Deswegen bedarf es der Einsicht in eigene Schuld, der Umkehr, der Vergebung und Versöhnung und der Kraft Gottes zum Neuanfang – nicht nur im Privatleben. So sehen es zumindest überzeugte Christen.

 

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