Über das einzige Land der Erde, dass seit 30 Jahren eine Geburtenrate unter 1,4 hat, obwohl 2,08 nötig wären.

Deutschland einer der ärmsten Staaten? War Deutschland nicht bis 2008 Exportweltmeister, 2009 knapp hinter China Vizeexportweltmeister? Findet sich in Deutschland nicht ein soziales Netz, das wohl nur noch von den skandinavischen Ländern übertroffen wird? Da soll Deutschland arm sein?

Der Heidelberger Finanz- und Steuerrechtler und ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Paul Kirchhof schrieb 2006 in ‚Das Gesetz der Hydra‘ (München: Droemer) über „Das Drama der sterbenden Gesellschaft“ (S. 173): „Deutschland ist einer der ärmsten Staaten dieser Erde“ (S. 173, siehe S. 173–175) und machte darauf aufmerksam, dass einer der reichsten Länder der Erde eines der „kinderärmsten“ sei und Kinderarmut langfristig in echte Armut führen werde.

Während das Nachbarland Frankreich eine Geburtenrate von 2,02 aufzuweisen hat, liegt Deutschland für 2009 bei 1,35, einem der niedrigsten Werte weltweit – und dass schließt ja bereits die kinderreichen Familien von Migranten mit deutschem Pass ein. (Die Geburtenrate ist hier Zahl der Geburten pro Frau. Um die Bevölkerungszahl in Deutschland stabil zu halten, wäre eine Geburtenrate von 2,08 nötig. Es gibt auch eine Geburtenrate als Lebendgeburten pro 1000 Einwohner, die Ergebnisse für einen Ländervergleich sind dieselben.)

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat schon lange vorgerechnet, dass schon lange jede Kindergeneration kleiner ist, als die jeweils vorangegangene – gleich welche man miteinander vergleicht, und nennt deswegen „Deutschland – eines der kinderärmsten Länder“ (Sabine Sütterlin. „Deutschland – eines der kinderärmsten Länder“).

Der 56. FDP-Bundesparteitag fasste das am 7.5.2005 so zusammen: „Demografische Veränderungen haben einen langen Vorlauf. Seit Jahren gehen in Deutschland die Kinderzahlen zurück. Seit Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts ist jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern. Dieser Rückgang ist aus zwei Gründen bisher kaum wahrgenommen worden: Die Lebenserwartung ist in den letzten 30 Jahren um ca. acht Lebensjahre angestiegen, und in Deutschland leben mittlerweile zwölf Millionen Aussiedler, Ausländer und eingebürgerte Migranten und Migrantinnen.“ (parteitag.ftp.de)

Selbst der Spiegel schreibt zu den allerneuesten Zahlen für 2009: „Geburtenzahl in Deutschland sinkt dramatisch“ (spiegel.de).

Das Statistische Bundesamt gibt in „Mikrozensus 2008 – Neue Daten zur Kinderlosigkeit in Deutschland“ an, dass 2008 21% der 40–44jährigen Frauen kinderlos waren – in höherem Alter danach erhöht sich die Rate der Mütter kaum noch. Die zehn Jahre älteren Jahrgänge (1944–1948) waren zu 16% kinderlos, die zwanzig Jahre älteren zu 12%. Für 2008 lag der Anteil der Kinderlosen unter den 40–44jährigen Frauen unter Akademikerinnen noch höher, als der Durchschnitt, nämlich bei 28% (destatis.de).

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes („Geburten in Deutschland“, 2007) lag die Geburtenrate mit 2,5 Anfang der 1960er Jahre am höchsten, Tiefpunkt war mit weniger als 1,3 die Mitte der 1980er Jahre. Bis 1990 stieg die Geburtenrate auf 1,5, seit 1998 sinkt sie wieder bis auf 1,3 im Jahr 2006. In diesem Jahr hatten sich auch die Geburtenrate in den alten und den neuen Bundesländern einander angeglichen.

Frauen mit Migrationshintergrund (ohne Eingebürgerte) hatten Anfang der 1990er Jahre eine Geburtenrate von 2,0, aber auch hier ist die Rate bereits auf 1,6 gesunken.

Deutschland, so das Statistische Bundesamt, hat zwar nicht die niedrigste Geburtenrate der Welt, da Italien, Griechenland und sieben osteuropäische Länder ein bisschen niedriger liegen, aber Deutschland verfügt doch über eine besorgniserregende Besonderheit, weil es als einziges Land der Erde bereits seit fast 30 Jahren eine Geburtenrate unter 1,4 hat.

Übrigens gilt eine geringere Kinderlosigkeit bei Frauen mit Migrationshintergrund nur, wenn sie selbst, nicht schon ihre Eltern zugewandert sind. Bei den in Deutschland geborenen Frauen mit Migrationshintergrund hat sich die Zahl der kinderlosen Frauen praktisch der der Frauen ohne Migrationshintergrund angepasst!

Damit mich keiner falsch versteht: Jeder Rassismus ist mir fern und dem ‚deutschen‘ Boden dürfte es ziemlich egal sein, welche Menschen auf ihm leben. Und wenn ein Teil der ‚Deutschen‘ eben nicht mehr für eine Zukunft mit Kindern leben will, dann werden eben andere Menschen den Platz ausfüllen.

Aber ich gebe Kirchhof recht: „Wir stehen vor der Frage, ob wir eine im Erwerbsleben stehende oder eine im Kind vitale Gesellschaft sein wollen“ (S. 194). Ersteres funktioniert nur einige Jahre lang, nie aber über längere Zeit. Deswegen gilt: „Familienpolitik ist die beste Wirtschaftspolitik“ (S. 194) und „Familienpolitik ist deswegen kein Gegensatz zur Wirtschaftspolitik, sondern deren Grundlage“ (S. 195).

 

5 Kommentare

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  5. Joachim Koßmann 26. Dezember 2013 at 09:22

    Vor 200 Jahren gab es 20 Millionen Deutsche und 30 Mio. Franzosen, also 1 1/2 mal so viele Franzosen wie Deutsche. Heute ist dieses Verhältnis genau umgekehrt. Die Deutschen (abhängig von der Definition “Deutscher”) stellen heute mit 90 bis 100 Mio. die größte ethnische Gruppe Europas. Wir Deutschen haben daher einen größeren Nachholbedarf!

    2,08 Kinder pro Frau wären notwendig, um einen Bevölkerungsrückgang zu verhindern. Doch wozu sollte das gut sein? Die Grenzen des Wachstums sind schon lange erreicht, wenn nicht gar überschritten. Anhaltende Massenarbeitslosigkeit, ausufernde Billigarbeit, Umweltverschmutzung, Verkehrsbelastung, (Bürger-)Kriegsgefahr, Kriminalität, Verarmung weiter Bevölkerungskreise, Erstarkung des Neonazismus wären die unliebsamen Folgen.

    …um die Vergreisung der Gesellschaft zu stoppen? Wohl kaum. Die Kinder werden ja auch mal alt.

    Wir sollten uns über unsere niedrige Geburtenraten freuen!

     

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