Schirrmacher spricht anlässlich der Bucheinführung vor dem Ökumenischen Patriarchen und anderen Kirchenoberhäuptern in der Türkei

Ein Buch über die Grundlagen des christlichen Glaubens ist in der Türkei auf Englisch herausgebracht worden und ist in seiner Natur bisher einzigartig. Das Buch mit dem Titel „Die Grundprinzipien des Christentums“ wurde von einem 11-köpfigen Komitee über einen Zeitraum von über zehn Jahren zusammengestellt. Die Mitglieder des Komitees waren Vertreter der Katholischen, Armenisch-Apostolischen, Griechisch-Orthodoxen, Syrisch-Orthodoxen und Protestantisch/Evangelikalen Kirchen in der Türkei. Dies ist das erste rein christliche Buch, das in der Türkei veröffentlicht wurde.

Gruppenfoto: Bischof Schirrmacher und Bischof Nedelchev von der WEA (rechts) mit den Oberhäuptern der türkischen Kirchen © BQ/Warnecke

Die türkischen Kirchen luden Thomas Schirrmacher, den Vize-Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz und Präsidenten des Martin Bucer Seminars (dessen türkischer Zweig stark in das Projekt involviert war) ein, eine Gedenkrede zu halten. Schirrmacher wandte sich in seiner Rede an Seine All-Heiligkeit, den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, an Monseigneur Ruben Tuerrablanca von der Katholischen Kirche, an Erzbischof Karekin Bekciyan, Weihbischof des Patriarchen der Armenisch-Apostolischen Kirche, an den Patriarchalen Weihbischof, Metropolitan Yusuf Çetin, von der Syrisch-Orthodoxen Kirche sowie an Dr. Behnan Konutgan von den Türkischen Protestantischen Kirchen, dem türkischen Mitglied der WEA und zugleich Vorstandspräsident des Martin Bucer Seminars in der Türkei, zusammen mit den höchsten Vertretern ihrer Kirchen und Gemeinschaften in der Türkei. Er dankte auch dem armenischen Vater Drtat Uzunyan, dem Verbindungsmann zwischen der Armenischen Kirche und dem Martin Bucer Seminar, und Natalie Konutgan, die die türkische Version ins Englische übersetzte.

Jesu Worte aus Johannes 17,18–23 zitierend hob er hervor, wie wichtig es ist, dass Christen mit einer Stimme zu ihren muslimischen Nachbarn und anderen Nichtchristen sprechen.

„Wir können nicht erwarten, dass Nichtchristen erstklassige Theologen werden“, sagte Schirrmacher, „und imstande sind, die verschiedenen Versionen des christlichen Glaubens zu beschreiben und zu verstehen und eine von ihnen auszuwählen, bevor sie überhaupt das Evangelium verstehen. Nichtchristen sollten den einen Herrn und Erlöser Jesus Christus kennenlernen, und den einen Glauben, der Erlösung bringt durch den Tod Jesu. Sie sollten Offenbarung von dem einen Gott hören – Vater, Sohn und Heiliger Geist.“

 

Text auf der Rückseite des Buches „Christianity“

Der englische Bucheinband, schlicht © BQ/Warnecke

„Dieses Buch ist ein Meilenstein in den zwischenkirchlichen Bestrebungen, näher zusammenzurücken. Es wurde verfasst von einer Kommission, zusammengestellt von den Leitern aller größeren Kirchen der Türkei. Diese Kommission, die sich in regelmäßigen Abständen traf, beschloss, ein grundlegendes Buch zu veröffentlichen, das die Lehren enthält, die von allen christlichen Kirchen gemeinsam vertreten werden. Dieses gemeinschaftliche Projekt wird allen Christen in der Türkei helfen, ihre eigenen Glaubenslehren zu verstehen, und ist zugleich Ausdruck für den erstaunlichen, zukunftsweisenden Fortschritt in gegenseitiger Achtung und Zuneigung. Die in diesem Buch zusammengefassten Glaubenslehren sind bereits in den Büchern über Glauben und Lehre jeder der einzelnen Kirchen zu finden. Doch wenn Kirchen, die sich gegenseitig jahrhundertelang geächtet und dadurch ein Vermächtnis tiefer Spaltung und Feindseligkeit hinterlassen haben, ihre Namen unter ein solches Buch setzen, ist das kein geringer Schritt in Richtung Kircheneinheit. Durch dieses Buch bringen die Kirchen, die ihre Anwesenheit in Istanbul aufrecht erhalten haben, in bleibenden Worten zum Ausdruck, wie wenige unterschiedliche Punkte es in ihrem Glauben gibt, und wie viele gemeinsame Werte und Lehren sie zu den Kernpunkten ihres Glaubens teilen.“

Schirrmacher begann seine Rede mit den Worten:

„Dies ist ein sehr bewegender Augenblick für mich, da ich das Projekt von Anfang an verfolgt und oft dafür gebetet habe. Es ist eine sehr große und unverdiente Ehre, dass Sie mich zur Einführung dieses Buches eingeladen haben, und ich bedanke mich für das Vertrauen in mich, das Sie durch diese freundliche Geste beweisen.

Jedesmal, wenn ich seine All-Heiligkeit besuche, statte ich, wie er weiß, zunächst der Hagia Sophia Kirche einen Besuch ab, und gedenke der herrlichen Geschichte des Christentums in dieser wunderbaren Stadt. Die Türkei war der Schauplatz für einige der bedeutendsten Bischofskonzilien. Gemeinsam mit ihren Nachbarländern wie Syrien, Armenien und Griechenland, repräsentiert sie den Teil der Welt, wo die Kirche vom Kindes- zum Erwachsenenalter heranwuchs – von einem kleinen Samenkorn zu einem sehr großen Baum, dessen Zweige zu allen Völkern reichen, in einem Bild gesprochen, das Jesus einst gebrauchte. Mit diesem neuen Buch übernehmen Christen in der Türkei erneut eine Vorreiterrolle und stellen, nach der Veröffentlichung des Buches auf Türkisch vor zwei Jahren, jetzt ihre wunderbaren Bemühungen allen Kirchen weltweit zur Verfügung.“


Bibliografische Angaben:

 

Die Rede zur Buchvorstellung von Thomas Schirrmacher

Dies ist ein sehr bewegender Augenblick für mich, da ich das Projekt von Anfang an verfolgt und oft dafür gebetet habe. Es ist eine sehr große und unverdiente Ehre, dass Sie mich zur Einführung dieses Buches eingeladen haben, und ich bedanke mich für das Vertrauen in mich, das Sie durch diese freundliche Geste beweisen.

Bischof Thomas Schirrmacher während seiner Rede vor dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus und den Oberhäuptern der größeren türkischen Kirchen © BQ/Warnecke

Jedesmal, wenn ich seine All-Heiligkeit besuche, statte ich, wie er weiß, zunächst der Hagia Sophia Kirche einen Besuch ab, und gedenke der herrlichen Geschichte des Christentums in dieser wunderbaren Stadt. Die Türkei war der Schauplatz für einige der bedeutendsten Bischofskonzilien. Gemeinsam mit ihren Nachbarländern wie Syrien, Armenien und Griechenland, repräsentiert sie den Teil der Welt, wo die Kirche vom Kindes- zum Erwachsenenalter heranwuchs – von einem kleinen Samenkorn zu einem sehr großen Baum, dessen Zweige zu allen Völkern reichen, in einem Bild gesprochen, das Jesus einst gebrauchte. Mit diesem neuen Buch übernehmen Christen in der Türkei erneut eine Vorreiterrolle und stellen, nach der Veröffentlichung des Buches auf Türkisch vor zwei Jahren, jetzt ihre wunderbaren Bemühungen allen Kirchen weltweit zur Verfügung.

Dies ist ein sehr bewegender Augenblick für Protestanten und Evangelikale in der Türkei und für ihre Freunde auf der ganzen Welt. Ein Traum ist wahr geworden – und zwar nicht in einer bequemen, beschwerdefreien Situation, sondern in einer, in der Kirchen an allen möglichen Fronten zu kämpfen haben. Das Armenische Patriarchat, wo wir uns gegenwärtig befinden, erinnert uns allein schon durch seinen Namen an eine Geschichte des Martyriums und der Schwierigkeiten, wie sie die Syrisch-Orthodoxe Kirche bis in die heutige Zeit erlebt. Die Kirchen in der Türkei sind keine kapitalkräftigen Institutionen mit großen akademischen Einrichtungen, die es sich leisten können, dass Theologen jahrelang gemeinsam studieren, aber sie lieben Jesus und die Heilige Schrift!

Protestanten und Evangelikale in der Türkei sind eine kleine Gruppe und recht neu in dem Land. Sie wissen, dass sie die enge Zusammenarbeit, die durch dieses Buch zum Ausdruck kommt, der Freundlichkeit und Offenheit der historischen Kirchen verdanken, die seit fast 2.000 Jahren hier präsent sind. Diese historischen Kirchen sind unsere geistlichen Großväter. Sie haben die Fackel des Glaubens durch die Jahrhunderte getragen.

Bischof Schirrmacher während seiner Rede; zu seiner Rechten der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. © BQ/Warnecke

Im Namen der 600 Millionen Protestanten, die zur Weltweiten Evangelischen Allianz gehören, möchte ich Ihnen, den Oberhäuptern und Leitern jener Kirchen, danken für eure Dankbarkeit und euer gutes Vorbild für eure geistlichen Enkelkinder.

Als ich das Projekt dem Heiligen Vater, Papst Franziskus, bei meinem Besuch anlässlich seines Geburtstages im Dezember erläuterte, war er begeistert. Doch er war nicht allzu sehr verwundert, als er hörte, wer alles daran beteiligt war. Wie sehr sich die christliche Welt in unserer Zeit verändert hat, wurde deutlich, als Papst Franziskus Seine All-Heiligkeit 2014 hier in dieser Stadt besuchte und sich bei der Begrüßung vor ihm verneigte. Im christlichen Glauben geht es nicht um Rivalität und Macht, sondern um Dienst und Achtung für andere, nach dem Vorbild unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus.

Dieses Buch, das so klein aussieht und dennoch ein Vorbild für die weltweite Christenheit werden kann, ist so groß aufgrund der Motivation, die dahintersteht. Kein Vers in der Heiligen Schrift, der aus dem Mund des Sohnes Gottes kam, kann diese Motivation besser beschreiben als Johannes 17,18–23, aus dem Gebet Jesu Christi als des großen Hohepriesters vor seinem und unserem Vater im Himmel:

„Gleichwie du mich in die Welt gesandt hast, habe auch ich sie in die Welt gesandt; und ich heilige mich selbst für sie, auf dass auch sie Geheiligte seien durch Wahrheit. Aber nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben; auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, auf dass auch sie in uns eins seien, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, auf dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind; ich in ihnen und du in mir, auf dass sie in eins vollendet seien, [und] auf dass die Welt erkenne, dass du mich gesandt und sie geliebt hast, gleichwie du mich geliebt hast.“

In ihrer Einheit spiegelt die Kirche die Einheit des Vaters und des Sohnes wider. Ihre Einheit predigt laut und klar vor der Welt. Doch das Gegenteil ist ebenfalls wahr: Uneinigkeit und Missklang unter christlichen Botschaftern an die Welt hemmen die Ausbreitung der guten Botschaft.

Der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. während seiner Rede © BQ/Warnecke

Es ist kein Zufall, dass alle großen ökumenischen Bewegungen in der Geschichte die Einheit um der christlichen Mission willen suchten. Dies gilt für die Weltweite Evangelische Allianz, als sie 1846 protestantische Kirchen vereinte, ebenso wie für den Weltkirchenrat, der 1948 Protestantische, Orthodoxe und Orientalische Kirchen vereinte. Die Vorgänger Seiner All-Heiligkeit, die Ökumenischen Patriarchen des 20. Jahrhunderts, riefen die Kirchen der Welt deutlich dazu auf, einer ungläubigen Welt einen Christus und einen Glauben als ein gemeinsames Zeugnis zu präsentieren.

Anhänger nichtchristlicher Religionen in aller Welt sollten das vollständige und lebensnotwendige Evangelium empfangen, und nicht zwanzig oder mehr unterschiedliche Versionen des Christentums.

Wir können nicht erwarten, dass Nichtchristen erstklassige Theologen werden, imstande, die verschiedenen Versionen des christlichen Glaubens zu beschreiben und zu verstehen und eine von ihnen auszuwählen, bevor sie überhaupt das Evangelium verstehen. Nichtchristen sollten den einen Herrn und Erlöser Jesus Christus kennenlernen, und den einen Glauben, der Erlösung bringt durch den Tod Jesu. Sie sollten Offenbarung von dem einen Gott hören – Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Der Raum für ernsthaftes Detailstudium der Theologie ergibt sich, nachdem jemand bereits ein entschiedenes Kirchenmitglied ist. Es wird Raum dafür sein, dass die Leiter unserer Kirchen sich zusammensetzen, voneinander lernen und ihre unterschiedlichen Standpunkte, basierend auf dem gründlichen Studium unserer Unterschiede, zum Ausdruck bringen. Aber wenn wir Zeugen vor Ungläubigen sind, ist das der falsche Zeitpunkt und Ort für theologische Kämpfe.

Die Kirchen in der Türkei haben mit ihrem Buch ‚Christianity: Fundamental Teachings‘ die Initiative ergriffen. Alle Kirchen zusammen haben 100 Seiten über Gott, unseren Erlöser, unseren Glauben, die Kirche und christliche Moral präsentiert, in denen wir alle übereinstimmen. Sie tun nicht so, als hätten wir untereinander keine Meinungsverschiedenheiten, doch sie machen hinreichend klar, dass die eine von Christus angebotene Erlösung dieselbe für alle ist.

Das Willkommenspaket mit der englischen und der türkischen Version © BQ/Warnecke

Diese Arbeit wurde nicht von Kirchenführern und Theologen getan, die liberal geworden sind und sich nicht mehr um das Wort Gottes und um unsere Traditionen kümmern, oder von Leuten, die bereit waren, die Wahrheit zu relativieren und sich darauf einzulassen, nur den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Vielmehr war es anders herum. Aufrichtige Kirchenführer und Theologen, tief verwurzelt in ihren Traditionen und mit breitem Wissen in der Kirchengeschichte (einschließlich der Geschichte und Theologie anderer christlicher Traditionen) haben 100 Seiten der Wahrheit formuliert, die uns allen gemeinsam gehört, in dem Bewusstsein, dass letztendlich die tiefste Wahrheit, die es gibt, Jesus Christus selbst ist, der sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

Dies sollte theologische Unterschiede nicht verharmlosen. Es besteht weiterhin Bedarf für ernsthafte theologische Diskussion. Für Christen ergibt sich Einheit aus Wahrheit, nicht aus billigen Kompromissen. Aus protestantischer Sicht heißt sinnvolle Einheit unter anderem, das reiche Erbe der älteren, historischen Kirchen noch gründlicher zu studieren. Ich bin glücklich darüber, dass in den letzten Jahrzehnten Protestanten und Evangelikale angefangen haben, die Kirchenväter eingehend zu studieren und ihre Werke zu veröffentlichen, wofür die 29 dicken Bände des ‚Ancient Christian Commentary on Scripture’ das augenfälligste Beispiel sind. Als die Weltweite Evangelische Allianz tun wir viel zur Verteidigung unserer diskriminierten Brüder und Schwestern der Orthodoxen Kirche und der sieben Orientalischen Kirchen. Und dabei lernen wir im Gegenzug sehr viel von ihnen.

Die türkischen Kirchen haben der weltweiten christlichen Kirche gezeigt, dass es möglich ist, diese Mission in Einigkeit zu betreiben. Aus tiefer Liebe zu ihren Mitbürgern haben sie gezeigt, dass Einheit – formuliert auf 100 Seiten grundlegenden christlichen Glaubens – wichtiger ist als alles andere, auf dass das Gebet Jesu, „dass die Welt glaube“, erfüllt werde.

 

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