Unter dem Titel „Unterm Gnadenhimmel oder: Unter Weinstock und Feigenbaum“ ist im Verlag für Kultur und Wissenschaft (VKW) ein neuer Sammelband zu dem reformierten Theologen Hermann Friedrich Kohlbrügge erschienen. Zusammengestellt und herausgegeben hat das umfangreiche Werk Wolf Christian Jaeschke.

In Karl Barths Überblick über „Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert“ beginnt das Kapitel über den großen reformierten Prediger Hermann Friedrich Kohlbrügge (1803–1875) mit diesen Worten:

„Kohlbrügge ist in keinem einzigen der mir bekannten Werke über Theologiegeschichte auch nur mit Namen erwähnt. Er ist der akademischen Theologie seiner Zeit in der Tat nicht bekannt geworden, und man wird auch heute unzähligen sonst viel belesenen Theologen begegnen, die nicht einmal wissen, dass sie hier etwas nicht wissen.“

Barth selber hatte eine ausgesprochen hohe Meinung von Kohlbrügge, auch wenn er sich an dessen Orthodoxie rieb. Auch Dietrich Bonhoeffer schätzte ihn sehr.

Cover Unterm Gnadenhimmel KohlbrüggeIn den Niederlanden hat die Beschäftigung mit dem aus Amsterdam stammenden, aber in Elberfeld amtierenden Kohlbrügge nie aufgehört, spielte er doch eine wichtige Rolle in der Entwicklung der reformierten Dogmatik. In der überwiegend lutherisch geprägten protestantischen Theologie Deutschlands ist er aber eher der große Unbekannte geblieben. Das liegt auch daran, dass er Pastor war und nicht Professor. Er schrieb für ein Publikum wie jenes, das später nach den Werken von Predigern wie Martyn Lloyd-Jones, Tim Keller oder John Piper griff.

Das vorliegende Buch enthält 16 Originalbeiträge Kohlbrügges, die einen repräsentativen Gesamtüberblick über sein Werk bieten. Darunter ist sein Katechismus „Die Lehre des Heils“, der in dem Buch als „Kohlbrügge komplett und kompakt“ bezeichnet wird. Darunter ist auch die berühmt gewordene Predigt über Römer 7,14, die damals in der reformierten Theologie ein Erdbeben auslöste, das bis heute nicht vergessen ist. Zu den vielerlei Beiträgen gehören unter anderem auch eine Kinderlehre und eine Allegorie im Stile von John Bunyans „Pilgerreise“.

Zur Einführung ist die Lebensbeschreibung Kohlbrügges durch Gottfried W. Locher aus den 1920er Jahren wiedergegeben. Das letzte Drittel des Buches bringt drei weiterführende Anhänge des Herausgebers:

„Kohlbrügge und die Verkündigung des Evangeliums“; „Kohlbrügge und die Ausbreitung des Evangeliums“; „Landeskirchlicher Gemeindeaufbau in der Schule Kohlbrügges.“

Rezension von Ron Kubsch

Der 1803 in Amsterdam geborene Hermann Friedrich Kohlbrügge ist im deutschsprachigen Raum nicht sonderlich bekannt. Dabei hat er ab 1845 in Godesberg am Rhein gewirkt und diente von 1847 an bis zu seinem Tod als Pfarrer in der niederländisch-reformierten Gemeinde in Elberfeld. Zwischen den beiden Weltkriegen fand er einen stellenweise beachtlichen Leserkreis. Das mag daran gelegen haben, dass Menschen gerade in Notzeiten nach den Schriften Kohlbrügges greifen (vgl. S. 9). Es dürfte freilich auch damit zusammenhängen, dass Karl Barth ihn 1932/33 in seinen Bonner Vorlesungen wohlwollend erwähnte. In dem Buch ‚Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert‘, das auf diese Lehrveranstaltungen zurückgeht, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen ist, heißt es: „Kohlbrügge ist in keinem einzigen der mir bekannten Werke über Theologiegeschichte auch nur mit Namen erwähnt. Er ist der akademischen Theologie seiner Zeit in der Tat nicht bekannt geworden, und man wird noch heute unzähligen sonst viel belesenen Theologen begegnen, die nicht einmal wissen, daß sie hier etwas nicht wissen.“

Wolf Christian Jaeschke hat nun einen Anlauf unternommen, Lesern des 21. Jahrhunderts den Reformations-Theologen Kohlbrügge neu zugänglich zu machen. Das Buch ‚Unterm Gnadenhimmel oder: Unter Weinstock und Feigenbaum‘ enthält ebendarum eine umfangreiche Auswahl von Texten des Predigers und wird durch zwei biographische Einführungen sowie drei ausgedehnte Anhänge des Herausgebers abgerundet.

Die ausgewählten Beiträge verteilen sich auf 16 Kapitel. Bei der Auswahl war entscheidend, dass die Texte möglichst eingängig sind und dass sie im Ganzen ein möglichst ausgewogenes Bild vom Denken des Pfarrers vermitteln (vgl. S. 17). Das ist bei einem Autor, dessen schriftlicher Nachlass zu 90 Prozent aus Predigten besteht, freilich nicht einfach. Aber dem Herausgeber ist es gelungen, einen belastbaren Querschnitt zu präsentieren. Darunter sind drei Predigten, die jeweils kohlbrüggsche Schwerpunkte abbilden und die zudem längere Schriften, die aus Platzgründen nicht gedruckt werden konnten, in „Kurzversion“ verkörpern: die berühmt-berüchtigte Predigt zu Römer 7,14, ein Sermon über die Lehre vom Heiligen Geist sowie eine Pfingstpredigt aus dem Jahr 1854. Einbezogen ist außerdem ein erst posthum erschienener Katechismus. Diese Sammlung der Lehren des Heils deckt nicht nur gewisse Lieblingsthemen, sondern eben die gesamte Lehre Kohlbrügges ab und „bietet damit gewissermaßen das Sicherheitsnetz gegen die Gefahr der selektiven Darstellung“ (S. 17).

Quellen zum Leben Kohlbrügges

Das Leben des Predigers lässt Wolf Christian Jaeschke aus zwei Perspektiven erzählen. Einmal werden zwei Vorträge von G. W. Locher (1871–1930) wiedergegeben, die er 1925 anlässlich des 50-jährigen Todestages Kohlbrügges hielt. Der Pastor der niederländisch-reformierten Gemeinde hat darin etliche Selbstaussagen Kohlbrügges verarbeitet, was die Authentizität der gut lesbaren Darstellung fördert. Geschildert werden wichtige Wegstrecken wie etwa seine Kindheit und Jugend, das Doktoratsstudium in Utrecht, die Ehe mit Catharina Luise und ihr früher Tod sowie natürlich die Aufenthalte in Deutschland oder sein Heimgang.

Der Beitrag „Kohlbrügge aus Schülersicht“ gibt hingegen eine gekürzte Ausgabe eines Kapitels über die Hallenser Studienzeit wieder, das der Theologe Adolph Zahn in seinen Erinnerungen verfasst hatte. Diese Erinnerungsstücke sind – Zahn war ein begabter Schriftsteller und brillanter Beobachter – sehr persönlich gehalten. Das klingt dann etwa so:

„Wie in seinen Predigten so auch in seiner Erscheinung wurde er mir der merkwürdigste Mann, den ich kennenlernte: in allem ein Original, eine durch und durch eigentümliche, geweihte und vor andern ausgezeichnete Natur. Ein Mann, der eine Umzäunung, so möchte ich sagen, mit sich herumtrug, einen in Ehrerbietung und Furcht fernhielt und doch wieder mit Zärtlichkeit, die aber nie Schmeichelei war, an sich band – mit jenem Reiz, der immer besonders geistigen Menschen innewohnt.“

Über seinen Glauben an die Kraft des Bibelwortes erfährt der Leser:

„Besondern Nachdruck legte er auf das Vorlesen der Heiligen Schrift. Er hielt das für eine große Hauptsache bei der Predigt. ‚Ich möchte gleich nach dem Verlesen des Textes wieder von der Kanzel heruntergehen, so [sehr] sagt derselbe schon alles‘“ (S. 67).

Besonders einträglich fand ich die Verweise auf Kohlbrügges Betonung der Geistesleitung. Er setzte laut Zahn „sein Vertrauen ganz auf den Heiligen Geist“ (S. 67). Man neigt fast dazu, an eine eher pietistische Führungsmystik zu denken, wenn es heißt:

„Er trat überall so zurück, der vorsichtige Mann, und wartete auf die Wirkungen des Geistes. Er wünschte und rang darum, geleitet, geführt, an die Hand genommen zu werden“ (S. 67).

Fazit

Wolf Christian Jaeschke hat erneut einen wertvollen Sammelband vorgelegt. Die Kohlbrügge-Auswahl ist gelungen und editorisch hervorragend aufbereitet. „Unterm Gnadenhimmel oder: Unter Weinstock und Feigenbaum“ schafft es hoffentlich, neue Leser mit Leben, Lehre und Werk eines originellen Verkündigers der freien Gnade Gottes aus dem 19. Jahrhundert vertraut zu machen. Doch auch Kenner Kohlbrügges werden von dem Buch profitieren. Wie schon im Sammelband „Von Gottes Gnade und des Menschen Elend“ zu Adolph Zahn helfen die instruktiven Anhänge des Herausgebers bei der theologiegeschichtlichen Verortung und erweitern darüber hinaus den Horizont ungemein. Ich gratuliere dem Herausgeber und Verlag zu diesem fabelhaften Sammelband.

„Bisher konnten nur Experten Gewinn aus dem breiten Schrifttum von Kohlbrügge schlagen, da man Bibliotheken und Antiquariate durchsuchen und sich durch manchen historischen Ballast arbeiten musste. Jetzt hat Wolf Christian Jaeschke aus Jahrzehnten solcher Studien einen kompakten Band für jedermann gemacht. Man lernt 16 Schriften Kohlbrügges am Stück kennen und findet dazu wichtige Abschnitte aus seinen Werken thematisch sortiert. Der geistlich-theologische Gewinn für die Gegenwart ist enorm!“ (Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher)

Bibliografische Angaben

Weitere Bände aus der Reihe „Theologische Nachfahren Luthers und Calvins“

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.