Die Familiensynode hat gezeigt: Papst Franziskus sieht evangelikale Christen als vorbildlich für Katholiken an. Für Konservative bietet das Abschlussdokument Anlass zur Zufriedenheit wie auch Enttäuschung.

Ein Kommentar von Thomas Schirrmacher.

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Papst Franziskus © Thomas Schirrmacher

Thomas Schirrmacher im Gespräch mit Papst Franziskus © Thomas Schirrmacher

Als einziger Evangelikaler auf der Synode muss ich mit einem großen Lob beginnen: Keine protestantische Kirche, bei der ich zu Gast war, hat mich so unmittelbar in die laufenden Diskussionen mit hineingenommen und als gleichwertigen Gesprächspartner behandelt, wie es der Vatikan getan hat. Denn wir ‚Brüderliche Delegierten‘ waren keine ‚Beobachter‘, wir standen den anderen Delegierten außer beim Stimmrecht in nichts nach. Wir hatten genauso drei Minuten in den Plenarreden, waren bei allen Interna dabei, diskutierten in den Sprach­gruppen ohne jede Einschrän­kung mit, was Textvorschläge für das Abschlussdokument einschloss. Dass ich noch täglich ein kurzes Gespräch mit dem Papst hatte, gilt nicht für alle und ist sicher der speziellen Situation zwischen Katholiken und Evangelikalen in Fragen Ehe und Familie geschuldet.

Die Synode selbst war viel besser als ihr schriftliches Ergebnis. Die intensive dreiwöchige Diskussion, oft auf hohem Niveau, erst recht die in den 13 Kleingruppen mit selbstgewählter Leitung, spiegelt sich nur bedingt in dem Dokument wieder, das nicht die gegensätzlichen Positionen beschreibt, sondern einen Konsens in der Mitte sucht. Es richtet vor allem Bitten an den Papst und lässt ihm bewusst Möglichkeiten zur Antwort offen. Die große Mehrheit, die das beschloss, bedeutet aber gerade, dass sich die Gegner einer vorsichtigen Öffnung im Sinne des Papstes, die in den letzten Tagen entgegen allen Abmachungen lautstark und warnend an die Öffentlichkeit gegangen waren, nicht durchgesetzt haben.

Insgesamt ist die Sprache des Schlussdokumentes wesentlich positiver als die des Ausgangsdokumentes. Stand dort die Warnung vor dem Ende von Ehe und Familie und allerlei anderen Entwicklungen im Vordergrund, stehen jetzt erst einmal die realen vielen Ehen und Familien im Vordergrund und die uneingeschränkte Unterstützung derer, die in widrigsten Umständen – etwa auch Bürgerkrieg und Armut – füreinander einstehen. Auch wird viel stärker betont, dass Gott die Ehe nicht nur gestiftet hat, sondern ermöglicht und trägt.

Synode war anders als in den Medien dargestellt

Die Delegierten der Synode in Rom © Thomas Schirrmacher

Die Delegierten der Synode in Rom © Thomas Schirrmacher

Man wird nun gespannt sein, was der Papst daraus macht. Franziskus hat aber in seiner Schlussansprache schon deutlich gemacht, dass er weiter in Richtung Dezentralisierung denkt, da die Synode allen gezeigt habe, dass viele der Probleme sehr auf die jeweilige Kultur bezogen seien und nur im Rahmen dieser Kulturen angemessen gelöst werden könnten. Als erste Konsequenz hat der Papst noch auf der Synode die alten drei Räte für die Familie, für die Laien sowie die päpstliche Akademie für das Leben aufgelöst. An ihre Stelle tritt eine neue Kongregation, eine Art Behörde, für Familie, Laien und Leben. Dadurch wird das Thema Familie, aber auch die Laien stark aufgewertet, denn Räte haben mit der Leitung der katholischen Kirche nichts zu tun, während die Kongregation Ministerien in einer Regierung entspricht.

Anders als von den Medien oft dargestellt, ist die Synode nicht einfach in zwei Lager zerfallen. Wenn dies der Fall gewesen wäre, dann wäre die große Zahl der Delegierten in der Mitte anzusiedeln. Vielmehr sind die Verhältnisse bei jedem Thema anders ausgefallen: Wer beim einen Thema ‚konservativ‘ ist, kann beim nächsten Thema ‚progressiv‘ sein.

Zum Anderen wurde jede Diskussion sehr stark von den spezifischen Problemen der Kontinente überlagert. Und so bilden etwa die Afrikaner keine automatischen Allianzen mit den Asiaten, gehen beide doch mit Fragen der Polygamie, der arrangierten Ehe oder des Umstandes, dass die kirchliche Trauung lange herausgezögert wird, weil erst das Geld für die teure Hochzeit und die Mitgift zusammengespart werden muss, sehr unterschiedlich um.

Katholische Kirche ist Öltanker, keine Jacht

Zu den Themen, auf die die Öffentlichkeit besonders gewartet hat, möchte ich vorwegschicken: Die Katholische Kirche ist keine schnittige Jacht, die sich, wie das die Evangelikalen tun, manchmal zum Guten, manchmal vorschnell, auf die Menschen einstellt, die für das Evangelium erreicht werden sollen. Sie gleicht vielmehr einem gewaltigen Öltanker, der nur vorsichtig neu ausgerichtet werden kann. Dabei wird versucht, den Eindruck zu erwecken, es ginge nur um kleine Kurskorrekturen. Da es aber ein Tanker ist, haben auch kleine Änderungen auf Zeit gewaltige Änderungen zur Folge.

Das Thema Homosexualität kam insgesamt nicht sehr häufig vor, obwohl es seitens der Medien zum zentralen Thema gemacht wurde. Die Logik war für die meisten Delegierten, dass es auf der Synode um Familie gehe und Homosexualität nichts damit zu tun habe. So haben viele damit gerechnet, dass das Thema einfach übergangen wird oder ein sehr schroffes Statement befürchtet. Nun steht aber ein erstaunlich freundliches Statement im Paragraph 76, das zudem überwiegend aus dem Mund der Glaubenskongregation stammt. Es besagt, dass die Menschenwürde der Homosexuellen gewahrt werden muss und ihre Diskriminierung in jeder Form abzulehnen ist. Die gleichgeschlechtliche Ehe wird deutlich abgelehnt, was auch niemand anders erwartet hat, aber es wird doch kurz gesagt, dass es auch unter Homosexuellen echte Fürsorge füreinander geben kann. Es gab auch nur halb so viele Gegenstimmen, wie etwa bei der Frage der Kommunion von Wiederverheirateten, über 80% stimmten dafür.

Wo Hardliner enttäuscht sind

Im Gespräch mit (l.) Christoph Kardinal Schönborn (Wien) und (r.) Reinhard Kardinal Marx (München) © Thomas Schirrmacher

Im Gespräch mit (l.) Christoph Kardinal Schönborn (Wien) und (r.) Reinhard Kardinal Marx (München) © Thomas Schirrmacher

Zur Teilnahme an der Kommunion von kirchlich Getrauten, die geschieden und wiederverheiratet sind, bleibt das Abschlussdokument bewusst vage. Es fordert aber dazu auf, sehr gründlich zu unterschieden, welche unterschiedlichen Situationen es gibt. Der Papst wird gebeten, für solche Fälle, in denen nicht nachzuvollziehen ist, warum aktive Katholiken am gesamten kirchlichen Leben außer der Kommunion teilnehmen dürfen, eine Lösung geschaffen wird. Schließlich sind diese Leute nicht exkommuniziert. Das wird die Hardliner gar nicht freuen, die noch nicht einmal ein Drittel an Gegenstimmen zusammenbrachten.

Sicher gibt es auch Enttäuschendes. So hatten die meisten Gruppen gefordert, dass Polygamie, arrangierte Ehen, religionsverschiedene Ehen und konfessionsverschiedene Ehen nicht einfach in einem Satz als Probleme aufgezählt werden sollten. Zudem klingt der Satz so, als sei in konfessionsverschiedenen Ehen automatisch der nichtkatholische Partner schuld an den Problemen. Trotzdem steht dieser Satz unverändert da.

Immerhin gibt es dann weiter hinten im Abschlussdokument einen sehr substanziellen und gewissermaßen progressiven Abschnitt zu konfessionsverschiedenen Ehen, der ganz im Sinne von Papst Franziskus davon ausgeht, dass hier zwei Christen miteinander verheiratet sind. Die Andeutung, darüber nachzudenken, ob der nichtkatholische, gläubige Partner nicht ausnahmsweise an der Kommunion teilnehmen könne, ist für die katholische Kirche schon erstaunlich, wenn auch für orthodoxe Partner sowieso schon Realität, nicht aber für evangelische.

Werden Evangelikale nun katholisch?

Interview mit Thomas Schirrmacher in der WELT am SONNTAG „Einer roch den Duft des Teufels“ © Thomas Schirrmacher

Interview mit Thomas Schirrmacher in der WELT am SONNTAG „Einer roch den Duft des Teufels“ © Thomas Schirrmacher

Noch ein Wort zur Sorge mancher Mitevangelikaler, morgen würden wir in Scharen zur Kirche dieses netten Papstes übertreten. Täglich treten Tausende Katholiken in Lateinamerika und im Globalen Süden zu Pfingstkirchen und evangelikalen Gemeinden über, eine Gegenentwicklung ist nicht zu erkennen. Heute führen wir vor allem ernsthafte Lehrgespräche und es wird vom Vatikan ausdrücklich gewünscht, dass wir unsere Sicht deutlich formulieren und einbringen. Der Unterschied ist aber heute: Der Papst sieht evangelische Christen als vollwertige Gläubige an und spricht offen an, dass das aktive Christsein der Evangelikalen und Pfingstler in Gebet, Heiligung und Zeugnis geben für Katholiken vorbildlich ist.

Man muss bei allen Lehrunterschieden, die wir derzeit in Dialogen sehr intensiv aufarbeiten, sehen: Wir haben im praktischen Kampf gegen die Ungerechtigkeit viel zu viele Themen, bei denen wir mit anderen gemeinsam am Ball sein müssen (beispielsweise bei den Themen Menschenhandel und Korruption). In anderen Fällen sieht es sogar so aus, dass wir über weite Strecken nur noch uns gegenseitig haben, nämlich bei den Themen Abtreibung und lebenslange Ehe. Immerhin: Zusammen sind Protestanten und Katholiken fast zwei Milliarden Menschen. Klar spürt man, dass der Papst mit uns viel größere Gemeinsamkeiten sieht als mit den ehemaligen evangelischen Staatskirchen. Zudem spielen diese Staatskirchen natürlich nur im Westen eine große Rolle, außerhalb des Westens ist die Mehrzahl der Protestanten oft evangelikal, in einem Land wie Korea sind es beispielsweise neunzig Prozent.

Zuerst erschienen im www.pro-medienmagazin.de


Links (alle Fotos © Thomas Schirrmacher):

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