Gemeinsame Erklärung zur Kritik Prof. Dr. Thomas Schirrmachers an dem Buch „Die Evangelikalen“ von Jürgen Mette, Gerth Medien 2019

Nachdem wir beide, Jürgen Mette und Thomas Schirrmacher, uns zu einem ausführlichen Gespräch getroffen haben, haben wir folgendes Doppel-Fazit gezogen und miteinander abgestimmt. Es überholt gegebenenfalls frühere Äußerungen.

Zunächst das Fazit des Buchautors (Jürgen Mette):

Ich danke meinem Rezensenten für die Zeit und Mühe, die er in die detaillierte Untersuchung meines Buches investiert hat. Das ist auch darum erwähnenswert, weil  mir neben vielen positiven Rezensionen, zwei Kritiker meines Buches gestanden haben, dass sie das Buch gar nicht gelesen haben.

Es hat sich bewährt, dass ich nach der Veröffentlichung der Kritik nicht öffentlich reagiert habe, sondern meinen  Kritiker um ein persönliches Gespräch gebeten habe, was dann auch am 4. März diesen Jahres in Bergisch Gladbach in einer entspannten und brüderlichen Atmosphäre  stattgefunden hat.

  1. Thomas Schirrmacher hat Recht, wenn er klar stellt, dass der Theologische Streit zur DNA der Evangelikalen gehört. Meine Klage über die Zerrissenheit der evangelikalen Bewegung bezog sich mehr auf den Ton und Stil, auf die Streitkultur, aber auch auf die Streitsache.  Wir sind uns darin einig, dass die Evangelikalen nicht nur streitbar, sondern vor allem auch plural aufgestellt sind, gerade im Schriftverständnis, nicht zuletzt denen gegenüber, die eine solche Pluralität nicht wahrhaben wollen, sondern ihr eigenes Schriftverständnis als das einzig legitime vertreten.
  2. Allerdings muss ich mir vorwerfen lassen, dass meine Harmonisierungsversuche zwischen den Fronten sich hier und da derselben sprachlich-stilistischen Mittel bedient haben, die ich bei anderen kritisiere.
  3. Es stimmt, dass meine Kritik sich mehr an die Konservativen und weniger an die Progressiven richtet. Das ist aber nach Jahrzehnten geistiger Beheimatung im pietistisch-konservativen Lager kein grundlegender Richtungswechsel, keine Häutung. Meine neue „Innenansicht“ der evangelikalen Szene ist nur aufgrund des in meiner Parkinsonerkrankung persönlich erlittenen und in der Theodizee-Frage gereiften und geprüften Glaubens zu verstehen. Das ist der eigentliche Schlüssel zum Buch (Seite 107–110). Wer das nicht wahrnimmt, kann mich nur missverstehen. Etwas zu kritisieren, was man nicht mag, bedarf keiner besonderen Anstrengung. Sich aber kritisch mit denen zu beschäftigen, die man liebt und schätzt, das bedarf mancher Mühe und Geduld.
  4. Der Versuch des Brückenbauens ist trotz vieler dankbarer Rückmeldungen mit dem Genre einer autobiografisch-theologischen Innenansicht nicht so gelungen wie erhofft. Brücken benötigen letztlich immer die Bereitschaft auf beiden Seiten, die Last der Konstruktion/der Verständigung gemeinsam zu tragen.
  5. Thomas Schirrmacher hat mein Buch aus der Sicht eines weltweit vernetzten Profis kritisiert und fragt mich öfters, wieso ich dies und das nicht wüsste, zum Beispiel das Engagement der internationalen evangelikalen Bewegung in Fragen der Ökologie. Ich kann ihm auch nur höchsten Respekt für sein Engagement für den ökumenischen Dialog mit Rom zollen. Darum heißt es auf Seite 9 meines Buches, dass ich mich ausschließlich der deutschen Szene widme. Dadurch erledigt sich ein Teil der Kritik.
  6. Ich stelle mich der Kritik eines etwas flapsigen und leichtfüßigen Umgangs mit der Chicago-Declaration. Thomas Schirrmacher hat schließlich die deutsche Einleitung zu diesem damals bedeutsamsten Werk der evangelikalen Bewegung verfasst. Ich stelle jedoch fest, dass auch an konservativen Hochschulen im freikirchlichen bzw. pietistischen Bereich die CE heute weniger entschieden vertreten wird als noch vor 20–30 Jahren.
  7. Insgesamt hat mich der zuweilen leicht schulmeisterliche Ton von Thomas Schirrmacher beschwert. Dass der Rezensent zu den Beiträgen meiner Gastautoren (Kap. 8) und zu meinen finalen Kapiteln 9–10 auch nicht ein gutes Wort gefunden hat, bleibt mir unverständlich und hat meinen Verdacht noch nicht ganz überwunden, dass es ihm um eine öffentliche Kritik an meiner Person ging. Aber das wird heilen.

Sodann das Fazit des Rezensenten Thomas Schirrmacher

Zunächst zu zwei Punkten des Fazits oben

Zu 1.: Wir sind uns einig, dass kein Flügel der Evangelikalen den Anspruch erheben darf, er allein repräsentiere die wahren Evangelikalen, weder rechts noch links.

Wer den status confessionis ausruft, kann das gerne immer tun. Er kann aber nicht behaupten, in der Tradition der evangelikalen Bewegung und ihrer sichtbaren Ausprägung der Evangelischen Allianz seit 1846 zu stehen. Das gilt ebenso für jeden, der seine konfessionelle Ausrichtung für wesentlich wichtiger hält, als die Zusammenarbeit der Evangelikalen, gleich ob er Lutheraner oder Pfingstler ist. Der Gedanke einer deutschlandweiten und weltweiten Gemeinschaft der Evangelikalen geht gerade von der Pluralität der Auffassungen aus und hält nur einen harten Kern christlicher Lehren für unverzichtbar.

Zu 7.: Der schulmeisterliche Ton tut mir leid, das war nicht meine Absicht, ist ja aber offensichtlich so angekommen und mir von anderen so bestätigt worden. Ja, die Gastautoren habe ich ausgelassen (wenn auch mehrere Male erwähnt, aber nur im Hinblick auf die Sicht des Autors). Die Kap. 9–10 habe ich aber behandelt und durchaus als Fazit gesehen, in der Reihenfolge in meiner Stellungnahme beziehe ich mich auf S. 216, 225, 231, 216, 205, 215, 208, 218.

Nun zu meinem Fazit generell

  • Ich danke Jürgen Mette für die Bereitschaft zu einem umfassenden, offenen, ehrlichen Gespräch ohne Scheuklappen.
  • Wieder einmal hat sich bewahrheitet, dass man erst miteinander reden und dann schreiben soll. Was ich mir im Falle der Chicago-Erklärung in Bezug auf mich gewünscht hätte, wäre auch umgekehrt gut gewesen.
  • Jürgen Mette und ich sind uns einig, das Evangelikale „Jesus-first“-Leute sind. Ich habe das als besten Satz des Buches bezeichnet und das hat Jürgen Mette bestätigt.
  • Jürgen Mette hat auf S. 9 seines Buches geschrieben, dass er sich ausschließlich der deutschen Situation widmet. Das hätte ich ansprechen müssen, als ich vom deutschen Tunnelblick sprach. Ich habe das Ganze zu sehr aus dem Blickwinkel der weltweiten Gemeinschaft der Evangelikalen gelesen und unter „Die Evangelikalen“ im Titel das verstanden, was unsere Medien meist darunter verstehen. Jürgen Mette hat mir vermittelt, dass er weiß, dass die Lage außerhalb Deutschlands oft eine ganz andere – besser oder schlechter – ist.
  • Jürgen Mette hat auf den Seiten 107–110 geschrieben, dass er ein sehr persönliches Buch aufgrund seiner Lebensgeschichte schreiben will. Darauf hätte ich eingehen müssen.
  • Jürgen Mette hat sich zum Thema Homosexualität auch aus der Erfahrung vielfältiger Seelsorge heraus geäußert. Das hätte ich aufgreifen müssen, da tatsächlich die seelsorgerische Aufarbeitung des Themas bei uns oft zu wünschen übrig lässt und oft vergessen wird, dass wir über reale Menschen sprechen.

Vereinbart am 27.04.2020

Thomas Schirrmacher (Bonn)
Jürgen Mette (Marburg)

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